Übernacht hab ich verschiedentlich im Halbschlaf meine subjektivistische Lebenslehre bedacht, die Vorstellung einer geistigen Welt deren zugegeben unzählbare und tatsächlich unauffindbare Atome ich als das sich ewig abwechselnde Gegenwartsbewusstsein des Einzelnen konstatiere. Das waren Erinnerungen, aus meiner Kindheit, aus meiner Jugend, aus dem Verlauf meines langen Lebens, bis letztes Jahr, bis letzte Woche, bis gestern Abend. Das waren Gemütsabbildungen, Vorstellungen von meinen Eltern, von meiner Schwester, von meiner Frau, von Freunden, Patienten, Kollegen und anderen Bekannten. Indem ich in dieser Weise überlegte, wurde ich mir klar, dass diese durch mein Gemüt von Augenblick zu Augenblick, von Gegenwart zu Gegenwart ziehenden Gedanken die unmittelbarste und eindringlichste Wirklichkeit darstellen, über die ich verfüge. Hinzu kam, dass ich mit einem fast zwangsmäßigem Hamstern von allen Urkunden, täglichen Aufzeichnungen und besonders von Briefen, in meinem Gemüt eine Hochburg von Erinnerungen gegründet habe, deren Erhaltung, Versorgung und Erweiterung mein hohes Alter zunehmend beschäftigt. Dass mein Gemüt sich auch anderweitig ausübt ist fast selbstverständlich. Sobald ich mich mit einem Aufsatz, mit einer Geschichte, einem Gedicht, einem Roman, ob von mir selber, oder von anderen verfasst beschäftige, unterzieht sich mein Gemüt einer Wandlung, und lässt sich und sein gegenwärtiges Erleben von dem gegebenen Stoff beherrschen. Dabei unterscheide ich zwischen Kunst welche (lediglich) mein eigenes Erleben erweitert, und Wissen das zwischen mir und der Gegenwart die mich umgibt zu vermitteln beansprucht. Man mag die Kultur einer Gesellschaft als aus Kunst und Wissenschaft bestehend betrachten. Über Kunst werde ich, oder habe ich, anderen Ortes berichtet. Hier meine Überlegungen betreffs Wissen und Wissenschaften, und dies in doppelter Weise: Ich unterscheide zwischen: a) Wissen das ich durch symbolbehaftete sprachliche oder mathematische Mitteilungen von anderen empfange, sei es von Lehrern, aus Lehrbüchern, in der Schule; und b) Von mir gestiftetem Wissen mit dem ich, was ich beobachte, was ich erlebe, was ich erfahre meinen Mitmenschen in sprachlicher oder mathematischer symbolischer Fassung verfügbar mache, ein Vorgehen wovon eben dieser Text ein Beispiel ist. Ich unterscheide fernerhin zwischen dem reinen Wissen und dem angewandten Wissen. Ich zähle vier unterschiedliche Arten des reinen Wissens auf: Sprache, Mathematik, Musik und Tanz. Wohl möchte man die Athletik als fünfte Art des reinen Wissens bezeichnen, aber ich hab lebenslang so wenig Interesse für die Athletik aufzubringen vermocht, dass ich sie hier übersehen und übergehen werde. Das reine Wissen betrifft nicht Mitteilung sondern Ausübung. Das reine Wissen ist Können. Wesentlich sind meine Feststellungen: Ich kann sprechen, ich kann schreiben, ich kann rechnen, ich kann musizieren, (bzw. Klavier, Geige oder ein anderes musikalisches Instrument spielen,) ich kann tanzen. Die verwandten Aussagen, ich weiß wie man spricht, wie man schreibt, wie man rechnet, wie man musiziert, oder wie man tanzt, sind abgeleitet und fast belanglos. Man erwirbt das reine Wissen durch Assimilation, Anpassung, Angleichung. Assimilation ist unausgesprochen, inartikuliert, und demgemäß unbewusst. Im Griechischen heißt sie Homoiosis. Das offenkundige oder ausdrückliche Wissen, hingegen, bestätigt sich nicht im Können sondern in der Widergabe der Symbole, in der Reproduktion sprachlicher oder mathematischer Zeichen. Es bestätigt sich in Formeln, Inhaltsverszeichnissen, Listen, Katalogen. Dabei sei bemerkt, dass der Umgang mit dem ausdrücklichen Wissen, Erleben stiftet und in eigener Weise Assimilation zeitigt, wobei die Art und das Ausmaß der Assimilation zunächst unklar bleibt, und erst in der Anwendung offenbar wird.