Wenn ich mich des Ausdrucks "Mythos" bediene um die Naturwissenschaften und die sich auf Vergangenes beziehende Geisteswissenschaften zu beschreiben, so tue ich dies ohne jeglichen abschätzigen Nebensinn. Meine eigene Atomtheorie lautet folgenderweise: Die einzige Wirklichkeit die ich kenne ist mein Erleben. Ich muss annehmen dass Menschen außer mir über ein ähnliches Erleben verfügen. Diese Annahme jedoch ist problematisch, insofern als die Ähnlichkeiten von uns Menschen untereinander mit den behaupteten Individualitäten der Einzelnen im Widerspruch stehen. Es handelt sich dabei um eine Kettenproblematik welche sich vom Begriff des höchsten Lebenwesens (Gott lebet noch, Seele was verzagst du doch) zu den "niedrigsten" Tieren, seien sie es vielleicht Kröten, Amoeben, Bakterien oder sogar Viren ersteckt. Bei der betrachtenden Analyse - oder der analytischen Betrachtung - ergeben sich überall unlösbare Widersprüche die auch nur zu erwähnen, manchmal als närrisch, dumm, albern, töricht, blöde erscheint, manchmal als geschmacklos, wenn nicht sogar als pervers oder obszön. Widersprüche welche von Albert Schweitzer in missionarischem Eifer das Evangelium der Ehrfurcht vor dem Leben zu verkünden übersehen wurden. Mir aber scheint, dass ich nicht umhin kann, andere Menschen, in Bezug auf mein Bewusstsein, mit mir zu vergleichen, und andere Tiere, und nicht nur Tiere, sondern auch andere vermeintliche Lebewesen wie vielleicht Bäume, Sträucher und Pflanzen. War nicht der anderweitig unphilosophische Vater von Adrian Leverkühn von der rätzelhaften Kristallbildung in Flüssigkeitren bezaubert? Meinten nicht die vom eigenen Erleben betrunkenen Romantiker sogar von Pflanzenseelen zu wissen. vgl. Justinus Kerner Der Wanderer in der Sägemühle Dort unten in der Mühle Saß ich in süßer Ruh' Und sah dem Räderspiele Und sah den Wassern zu. Sah zu der blanken Säge, Es war mir wie ein Traum, Die bahnte lange Wege In einen Tannenbaum. Die Tanne war wie lebend, In Trauermelodie, Durch alle Fasern bebend, Sang diese Worte sie: Du kehrst zur rechten Stunde, O Wanderer, hier ein, Du bist's, für den die Wunde Mir dringt ins Herz hinein! Du bist's, für den wird werden, Wenn kurz gewandert du, Dies Holz im Schoß der Erden Ein Schrein zur langen Ruh'. Vier Bretter sah ich fallen, Mir ward's ums Herze schwer, Ein Wörtlein wollt' ich lallen, Da ging das Rad nicht mehr. Dennoch will ich mein "gegenwärtiges" Bewusstsein als unbedingte unteilbare Gegebenheit konstatieren. Das wäre die Gründung einer Physik des Geistes, des Denkens und Fühlens. Dies unzerteilbare Erleben das mich von Augenblick zu Augenblick, von Gegenwart zu Gegenwart befällt diente mir dann zum Schlüssel zu den Rätseln zu dem gesamten Bereich meines Erlebens, sei es zum Verständnis der Religion in der ich erwachsen bin, zum Verständnis der Kosmologie des Anaximandros, zu den Lehren Platons und Aristoteles, Descartes, Spinozas, Leibnizens und Kants, zu der Musik Bachs, Mozarts, Beethovens und Schuberts, zu den Gedichten und Dichtungen die mein Leben gestaltet haben, zu den Natur- und Geisteswissenschaften denen ich versucht habe gerecht zu werden, einbeschlossen die Mathematik, die Physik, die Chemie und die Biologie. Die allgemeine grundlegende Wirklichkeit verstehe ich ihrem Wesen nach als mein Erleben, als das Erleben des Einzelnen, das Denken und Fühlen welches mir als Einzelnem durchs Gemüt zieht. Dabei will ich nicht leugnen, im Gegenteil, dabei möchte ich betonen, dass obgleich das Bewusstsein meines Erlebens an dem ich mich orientiere, seinem Ursprung, seiner Fortdauer, seinem Gedeihen gemäß, mein eigenes individuelles Bewusstsein ist, das Wirken dieses Bewusstseins dennoch inniglich in das Bewusstsein meiner Mitmenschen verwoben ist. Betreffs dieses meines Erlebens mache ich zwei verschiedene wenn auch zum Teil sich überlagernde Feststellungen: A) Die Gegenwart ist die ausschließliche Spanne des mir Wirklichen. B) Die Anschauung und die Handlung sind meine ausschließlichen Beziehungen zu dem mir Wirklichen, zu der mir wirklichen Welt. Geläufig versteht man die Zeit als ein Kontinuum, als ein ununterbrochener Zusammenhang ohne Anfang und ohne Ende. Zugleich aber behauptet man, dass dieser ununterbrochene Zusammenhang, sich in drei Teile, nämlich erstens in eine Vergangenheit, zweitens in eine Gegenwart, und drittens in eine Zukunft aufteilen lässt. Dabei ergeben sich die Anfänge dieser drei Teile, der Anfang der Vergangenheit, der Anfang der Gegenwart, und der Anfang der Zukunft als wesentlich problematisch. Wer vermöchte den Anfang der Verganenheit, den Anfang der Gegenwart, oder den Anfang der Zukunft zu bestimmen? Nicht weniger Problematisch sind die Enden, die Abschlüsse dieser drei Teile. Wer vermöchte das Ende der Vergangenheit, das Ende der Gegenwart, oder das Ende der Zukunft zu bestimmen? Dazu ergibt sich die verwandte Frage, ob die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft für verschiedene Menschen verschieden sind, oder ob diese Einteilungen der Zeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, für verschiedene Menschen die gleichen Zeitspannen sind, und somit die verschiedenen Menschen vereinen. Bekanntlich spielt die gemessene Zeit, und dem entsprechend das Messen der Zeit in unserer Zeitgenossenschaft eine entscheidende bestimmende Rolle. "Und mit kleinen Schritten gehn die Uhren neben unserem eigentlichen Tag." hat Rilke geschrieben, und somit auf den bedeutenden Unterschied zwischen erlebter und gemessener Zeit hingewiesen. Erst bemerkte man den Pulsschlag des Herzens, das zyklischen Ein- und Ausatmen. Dann kam der Kalender, die Bezeichnung von Tag und Nacht, das Register vom Ebben und Fluten des Meeres, von Tagen, Wochen, Monaten, Jahreszeiten und Jahren. Dann gab es Sonnenuhren und Sanduhren und schließlich die von Federn oder Gewichten getriebenen mechanischen Uhren. Seit etwa drei Jahren dient die regelmäßige Strahlung des Caesium Atoms als die äußerste Zahlenquelle des Verlaufs der Zeit; und doch werden infolge der Rafinesse der modernen Zeitbestimmung die grundlegenden Paradoxe der bezifferten und erlebten Zeit höchstens verdeckt; keineswegs aber gelöst. Die Zeit kennt keinen Anfang. Der Anfang der Zeit, die Geburt der Zeit aus mathematischer Singularität ist ein Gedankenstreich, eine Finte die auf das Nichts als auf ein Etwas zeigt. Weil die Singularität ein Nichts ist aus dem die Zeit vermeintlich einst entsprang, vermag keiner sich vorzustellen was voher war, weil es kein Vorher gab. Mit dem Vorigen beschreibe ich meine Entdeckung des eigenen gegenwärtigen Bewusstseins als eines Seelenatoms. Dies ist ein verlässlicher Begriff auf den ich mich selber, und auf den der Leser sich jeder Zeit in eigenem Belangen zu verlassen vermag. Ich bezeichne die Gegenwartsbewusstsein der einzelnen Menschen als unteilbare Atome, insofern ein jeder über sein eigenes sich stetig verwandelndes und stetig erneuerndes Bewusstsein verfügt, das sich in zuweilen regem oft ruhendem (nur potentiellem) Verkehr mit den Bewusstsein anderer verfügt. Dies ist ein Weltbild, welches sich, durchaus vergleichbar mit dem geläufigen mathematisch physikalisch chemisch biologischem Weltbild einerseits wie auch dem historisch mythischem Weltbild andererseits, wie diese, in Verbindung und Gegensatz befindet. Dass man sich ernstlich das physikalische Atom jemals als statisch, unwandelbar, unbewegt und unbeweglich vorgestellt hätte ist fraglich, denn sehr früh, fast am Anfang unserer geistigen Überlieferung erklärte Anaximandros dass Bestehende sich aus einem chaotischen Grenzenlosen entwickelt habe, und gefügt sei nach dem Gesetz der Zeit chaotisch Grenzenlosem zu verfallen; Heracleitus behauptete alles sei im Fluss, und demgemäß vergänglich. Wie in der Atomphysik die Vorstellung des nominell unteilbaren Gegenstandes sich in einen heuristischen Bezugsrahmen (frame of reference) für die Kernforschung entpuppt hat, so betrachte ich die Vorstellung meines gegenwärtigen Bewusstseins als prototypische Einrichtung meines Gedankenhaushalts. Immer wieder komme ich auf das gegenwärtige Bewusstsein zurück, immer wieder ergibt sich mir die Notwendigkeit mich auf den Begriff eines gegenwärtigen Bewusstseins zu verlassen, wie unendlich vielfältig, veränderlich und unbestimmbar der Inhalt dieses Begriffesd sich auch erweisen mag. Das Ergebnis dieser meine Seelenmechnik möchte ein mit dem der Atomphysik analoges Denken sein, mit ähnlichen Steigerungen der entsprechenden Begreifens- und Wirkungsfähigkeiten.