am 29. März 2022 Liebe Margret, Wieder einmal ein Paket von Dir, wieder einmal Gelegenheit Dir zu danken, für alles, für die köstlichen Pralinen, für den Baumkuchen, für das Buch von Andrzej Szczypiorski, und besonders für die Fürsorge und Liebe welche diese Geschenke bezeugen. Im Hintergrund ertönt Nathaniel Trompetenüben, mir kaum hörbar, ob wegen der geschlossenen Türen der voneinander gelegenen Räume, ob wegen eines Tondämpfers dessen er sich bedienen möchte, oder nur wegen meiner zunehmenden Schwerhörigkeit, vermag ich nicht zu entscheiden. Alle drei, Nathaniel, Sabine und ihr Hund scheinen sich hier eingelebt zu haben und zufrieden zu sein. Zwei Mal täglich, morgens und abends, bringt Nathaniel mir mein Essen und holt das bei der vorigen Mahlzeit benutzte Geschirr nach unten in die Küche. Seit etwas zwei Monaten unterlasse ich es mich auf die Treppen zu wagen. Die Stärke der Muskeln um die Hüften und Knieen hat abgenommen in einem Maße, dass es mir erforderlich macht mich auch nur beim Stehen auf meinen Gehbock zu stützen, und ich befürchte beim Auf- oder Absteigen der Treppen möchte ich den Halt verlieren, fallen, wochen- oder monatelang im Bett liegen, und somit meinem Lesen und Schreiben, die meine Zufriedenheit bedingen, ein Ende machen. Bis jetzt habe ich Glück gehabt (noch) nicht gefallen zu sein. Meine Nächte verbringe ich in tiefem festen, meist traumlosem Schlaf; die Tage, abgesehen von gelegentlichem, auf den Gehbock gestützem Wateln ins nahliegende Badezimmer, sitze ich am Tisch vor meinem Rechner, lese von vergrößertem, leicht sichtbarem Text auf dem Bildschirm über Themen die mich lebenslang beschäftigt haben, wie etwa Teilchenphysik, Astrophysik, Quantenmechanik und Relativitätstheorien, ohne dass ich sie je verstanden hätte, und auch ohne dass es mir jetzt gelingen möchte sie zu "verstehen." Lediglich das Aufzählen meiner Bemühungen beschämt mich als Wichtigtuerei. Ich denke mir bleibt nichts übrig als der Versuch, mit einer "gelehrten Unwissenheit" - oder sollte es heißen, mit "verständnislosem Wissen", wie etwa Nikolaus von Kues (1440) mit seiner "docta ignorantia", aus der Not eine Tugend zu machen. Dann, wenn das weitere Lesen sinnlos geworden ist, versuche ich den Gedankennebel mit den eigenen unzensierten Worten wegzupusten; und gebe der Tastatur des Rechners die Gedanken ein, die mir wie Wolken durchs Gemüt ziehen, ohne Verantwortung woher sie kommen oder wohin sie ziehen, und ohne zu wissen, was sie bedeuten. Je älter ich werde, desto mehr erscheinen mir die Gestalten des Denkens als Traumgebilde, als Weiser auf dem Weg in den Tod. Ich sehe die Mathematiker wie Spinnen, ewig beschäftigt mit der Verfertigung von Geistesnetzen, wenn nicht um ihre Mitmenschen darin zu fangen, dennoch mittels dieser Netze sich jenen gegenüber zu behaupten. Die Physik erlebe ich als ein Gedankenspielen mit Modellen einer mir so und auch anderweitig unerreichbaren, unbegreifbaren Wirklichkeit. Es mag eine Schwäche meinerseits sein, dass ich zum Beispiel zu Vorstellungen unfähig bin, wie etwa einer Inkarnation der mathematischen Singularität daraus sich vor 13,8 Milliarden Jahren ein Urknall entwickelt haben soll, und unmittelbar danach ein Weltall dass seither fortfährt sich mit Lichtgeschwindigkeit in vermutlich ewige Zeiten zu erweitern. Gibt es ein Wort das für derart Geschehen mehr geeignet ist als "Mythos"? Diese Erwägungen, liebe Margret, sollen ein Merkmal sein, das Dir berichtet wie erbärmlich es um mich mit meinen 91 3/4 Jahren steht. Nochmals vielen Dank für alles. Inzwischen, Dir und Hartmut, liebe Frühlingsgrüße. Dein Jochen