am 23. März 2023 Lieber Gertraud, lieber Bernd, Herzlichen Dank für Euern Brief, und besonders für die Großzügigkeit mit der Ihr meine Schnurrigkeiten in Kauf nehmt. Heute ist der 83 Jahrestag seit meine Mutter, meine Schwester und ich in Bremerhaven den Laufsteg zur "Hamburg" betraten. So hieß das Schiff in dem wir in Kajüten erster Klasse nach Amerika entflohen. Nicht nur der Kalender, auch die in der "tagesschau" übertragenen Bilder der Flüchtlinge aus der Ukraine die regelmässig auf dem Bildschirm erscheinen, erinnern mich daran. Wie ich erwähnte schrieb der von meinem Verleger "Createspace" bestellte Rezensent betreffs "Vier Freunde II", "Dies ist das vierte Buch einer Reihe philosophischer Romane von welchen der Verfasser hofft dass sie einen wenn auch nur geringen Beitrag zur Erholung der geschundenen deutschen Sprache und zur Wiederbelebung des verwelkten deutschen Geistes im 21. Jahrhundert bieten möchten." Ihr fragt diesbezüglich: "Meinte er das ernst oder ironisch?" Welch eine verwickelte Frage eurerseits! Meintet ihr sie ernst oder ironisch? Vielleicht musste ich 91 Jahre, sieben Monate und 26 Tage alt werden um die Ahnung zu schöpfen dass das gesamte Leben, dass sämtliche 91 Jahre, sieben Monate und 26 Tage nur im Lichte der Ironie verständlich - und erträglich werden. Unter der Unzahl von Akten, die ich lebenslang so zwangsmäßig gehamstert habe, erinnere ich folgenden Brief an meine Eltern. am 9. Januar 1950 Lieber Papa, liebe Mutti, Vor dem ich diesen Brief abschicke, werde ich Antwort von Harvard Medical School haben; morgen früh ist Committee Meeting und morgen Nachmittag soll ich anrufen um mir Bescheid zu holen. Donnerstag hatte ich mein Interview; ich glaube, dass die Möglichkeit besteht, dass ich angenommen werde. Doktor McPhedran hat Fowler mobil gemacht, und angeblich haben beide Briefe an Doktor Emerson, den Vorstehenden des Komitees geschrieben. Ich erwähnte diese halb - erwünschten Empfehlungen beim Interview und machte mit leichter Ironie darauf aufmerksam, dass Mr. Fowler und Doktor McPhedran mich wohl persönlich sehr schätzen, dass ihre Empfehlungen zwar sehr gütig aber doch schlechthin einseitig und allzu positiv von mir berichten würden. Das möchte man bitte nicht vergessen. – Hättet ihr dasselbe gesagt? Nein, sicherlich nicht. Warum nicht? Ist es nicht die Wahrheit? Es mag wohl Wahrheit sein, aber es ist doch ironisch. Es ist wahr: alle Wahrheit ist Ironie, wenn derjenige der sie ausspricht, sich weigert Stellung dazu zu nehmen. Warum weigert er sich? Entweder aus Boshaftigkeit oder aus Unvermögen. Ihr meint Ironie aus Boshaftigkeit ist schlecht; aus Unvermögen ist nur witzig und bedauernswert. Aber ist Boshaftigkeit nicht auch eine Art Unvermögen? (Burton Fowler war der Leiter der Germantown Friends School. Dr. McPhedran war mein zukünftiger Schwiegervater.) Die Ironie, finde ich, ist die natürliche, unvermeidliche Schnittstelle von Leidenschaft und Vernunft. Die Ironie ist der Friedensvertrag zwischen dem Besoffenen und dem Wirt der ihm den Schnapps verkaufte. Sie ist die Zeche für den Rausch. Und sie vergilt beiderseitig. Denn dem Leidenschaftlichen weist die Ironie den Weg durch die nüchterne Welt. Dem Nüchternen, im Meer des Unsinns verloren, zeigt die Ironie wie eine Magnetnadel die Richtung auf Vernunft. Meine Briefe sind so ein Gemisch aus den Bedürfnissen euch ein wenig zu amüsieren indem ich meine Gedanken vorstelle, wenn das nicht ungehörig anspruchsvoll ist, und mich in der Gesellschaft, in Eurer Gesellschaft, wiederzufinden. Das Stichwort ist Exhibitionimus. Herkömmlich bedient man sich dieses Wortes in abschätzigen Sinne. Ich aber finde es unvermeidlich angesichts der Gegebenheit meines Selbstbewusstseins, meines Wissens dass mein Betragen wahrgenommen wird, dass ich mich durch mein Betragen ausstelle. Um mich vor mir selbst zu bewahren, bedarf ich der Masken. Der Schutz des Ichs vor der Öffentlichkeit heißt Person. Persona stammt aus dem Lateinischen, und da heißt es Maske. Vielleicht sollte das Leben überhaupt als Exhibitionismus verstanden werden, als Inbegriff des menschlichen gesellschaftlichen Zusammenseins, als das Bedürfnis sich mitzuteilen um die ersehnte Gemeinsamkeit zu erringen, und als Befriedigung des tiefen Bedürfnisses die Einsamkeit zu überwinden indem man verstanden wird. Aber es ist notwendig Freundschaft zu stiften, wenn nur um der Feindseligkeit vorzubeugen. Euch als Naturforscher möchte es des öfteren beeindruckt haben wie Naturwesen, wie Tiere aller Art die wir Menschen ja auch schließlich sind, sich gedrängt (oder gedrungen) fühlen miteinander zu streiten, wie viel Leiden wir dadurch einander verursachen, wie sehr wir uns auch immer zugleich nach Frieden sehnen. Wie unergreifbar der Frieden ist spiegelt sich in dem pathetischen Ausdruck Kriegsverbrechen, als ob nicht der Krieg überhaupt, in jeder Hinsicht, ein Verbrechen wäre. Ich wünsche Euch eine ereignislose, befriedigende Reise nach Weimar und eine unversehrte Rückkehr nach Kierspe. Euer Jochen