NICHT ABGESANDT am 7. März 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Dies ist eine Fortsetzung meines gestrigen ungehörigen Briefes. Auch dieses Schreiben verlangt keine Antwort, verlangt nicht einmal gelesen zu werden. Es entspringt meinem Bedürfnis meine Gedanken so vollständig wie möglich auszudrücken, auszubreiten. Ob ich dies Schreiben an Euch absenden sollte, und ob ich es an Euch absenden werde, weiß ich noch nicht. Indem ich besagten gestrigen Brief überlegte, fiel mir auf, dass ich vielleicht nur die Grundlagen für eine Kritik der Mathematik und der anderen Naturwissenschaften dargelegt, und dabei die Kritik der Geschichte und der Geschichtswissenschaften, also was Wilhelm Dilthey als Geisteswissenschaften und John Stuart Mill als Moral Sciences bezeichneten, unerwähnt gelassen hatte. Dieses Versäumnis möchte ich berichtigen, diese Lücke möchte ich füllen, eh das Gedankenwetter wechselt und die Gedanken, wie fragwürdig auch immer, die mich beleben - es sind leider die einzigen über die ich verfüge, sich verflüchtigen. Die Zeit spielt eine beträchtliche Rolle in fast allen Wissenschaften, abgesehen von der Mathematik, die mir jetzt einfallen. Eine besondere Stelle aber gebührt der Zeit in der Geschichte und ähnlich in den anderen Wissenschaften, wie etwa der Psychologie, der Soziologie, der Ökonomie die in der Vergangenheit grasen und dort ihre Nahrung finden. Die Zeit aber ist mir ein Rätsel. Die Zukunft ist mir schon ihrer Begriffsbestimmung gemäß, ewig unerreichbar. Die Grenzen der Gegenwart sind in beiden Richtungen, der Zukunft wie der Vergangenheit, unbestimmt und vielleicht unbestimmbar. Und, um es eindeutig auszusprechen, die Vergangenheit ist mir bei aller Museumsbegeisterung, unerreichbar. Das Organ welches mich mit der Vergangenheit verbindet ist mein Gedächtnis. Geläufig ist es dass ich über das von dem was ich von der Vergangenheit "erinnert habe" oder jetzt "erinnere", die Geschichte erzähle. Allein das Wort Geschichte umfasst die Problematik meiner Beziehung zur Vergangenheit und somit zur Zeit. Meine Erzählung dient mein Gedächtnis zu ergänzen, dient aber auch die Lücken meiner Erinnerung zu verdecken. So erscheint mir die Geschichte als die Verleugnung der Zeit.