am 6. März 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Dies ist einer meiner zügellosen Briefe, den Ihr Euch nicht zu lesen verpflichtet fühlen sollt, geschweige denn ihn zu beantworten. Vielen Dank für Euere umgehende - und kritiklose Antwort auf mein so unfertiges Schreiben. Oft bin ich zu ungeduldig, besonders mit den Briefen die ich mit voreiligem Mauseklick auf "send" Euch zukommen lasse. Kurz danach, wenn die Absendung unwiderruflich geworden ist, bereue ich mein Ungestüm. Ich pflege meine Briefe, wenn ich sie abgesandt habe, und besonders dann, wiederholt zu überlesen, wenn nur um mich an mich selbst zu erinnern. Erst wenn es zu spät ist, entdecke ich die Tippfehler, die verunglückten Sätze welche beim unzeitgemäßen Umstellen der Gedankenweichen - nämlich während der Wortschwall noch über sie hinwegeilte, verkrüppelt wurden. Dabei schäme ich mich meiner Feindseligkeit gegen mir verdächtig zudringliche Fremdwörter, wie zum Beispiel, "klicken" und frage mich ob es ein Seelenfaschismus ist der mich bewegt ihnen ihre Anwesenheit in meinen Sätzen nimby (not in my backyard) zu verbieten, allenfalls bis ich mich von Jacob und Wilhelm Grimm habe versichern lassen, dass sie zum deutschen erblichen Sprachgut gehören. Das Wort "Philosophie" bereitet mir besondere Schwierigkeiten, nicht wegen seines griechischen Ursprungs, denn alles Griechische verfügt ja schon seit mehreren hundert Jahren über die deutsche Ehrenbürgerschaft, sondern wegen des inbegriffenen Vorrangs den die Behauptung "Philosophie" beansprucht. Den überlasse ich bereitwillig Denkern die kühner sind als ich. Schon die Möglichkeit über die Welt die ich zu erkennen meine und über mich selber nachzudenken, macht mich zufrieden. Vielleicht hatte Goethe auch auf mein Versagen bezüglich recht, als er schrieb: „Wie hast du’s denn so weit gebracht? Sie sagen, du habest es gut vollbracht!“ Mein Kind! Ich hab‘ es klug gemacht, Ich habe nie über das Denken gedacht. (Zahme Xenien) Denn heute, im Rückblick scheint es mir, dass ich schon damals, als 16 Jähriger, gesonnen war, statt über die Mathematik, über das Denken nachzudenken. Im Vorexamen (College Entrance Examination) fürs Universitätsstudium hatte ich im Deutschen, will sagen in meinem eigensten Denken, mir hundert von hundert möglichen Punkten erworben, indessen im Fach der Physik es nur neunundneunzig Punkte waren. Die Triftigkeit dieses Unterschieds erwies sich schon im ersten Semester meines Studiums, als ich die erste Prüfung in Philosophie erstklassig bestand, in der ersten Prüfung in Mathematik aber vorbeischrieb. Somit waren die Würfel gefallen. Den Rest meines Studiums, will sagen, meines Lebens, würde ich mit dem Denken über das Denken vertun, und dieses Denken sollte sich als ein verstohlenes Guerilla-Unternehmen erweisen, mich durch die Hintertür der Sprache, der Gedanken, im trojanischen Pferd des Logos, in die naturwissenschaftliche Zitadelle einzuschleichen. Äußerlich, gesellschaftlich, objektiv gelungen sind mir meine Versuche die Naturwissenschaften "zu begreifen" offensichtlich nicht. Aber wenn man Kierkegaards Überlegung, "subjektiviteten er sandheden," Subjektivität ist Wahrheit, ernst nimmt, dann verwandelt sich auch die unsinnigste meiner Vorstellungen in subjektive Vernunft. Dabei ist es mit mir geblieben. Weiter bin ich nicht gekommen. Als Arzt befasst man sich bekanntlich nicht nur mit dem Gesundheitszustand des Einzelnen, sondern wie es Covid so ein- und ausdrücklich erweist, auch mit dem Gesundheitszustand der vielen Menschen, der Gesellschaft. Das erste und vielleicht grundlegenste was ich aus Büchern meine gelernt zu haben, ist dass das Denken nicht das Hirngespinst eines in Abgeschiedenheit lebenden einzelnen Menschen zu sein vermag, sondern dass es ein vornehmlich sprachbedingter Austausch zwischen Mitgliedern einer Gruppe ist, einer Schule also. Auf diesem Gebiet seid Ihr die Sachverständigen, und sollt mir widersprechen wenn Euch mein Vorschlag empört, ein jeder Lehrer müsse, um ein guter, wirksamer Lehrer zu sein, sich auf die geistige Verfassung seiner Schüler einstellen, ` Gerade hier lag meine Unzulänglichkeit: um mein Denken zu entwickeln bedurfte ich eines "Lehrstuhls", war aber zugleich unwillig und vielleicht unfähig meine Gedanken den Bedürfnissen meiner Schüler anzupassen. Wie gut dass keiner von mir wissen oder hören wollte! Anders wäre es eine Blamage geworden! Die Literatur war Zuflucht aus meiner Verlegenheit. Meine Romane sind Vorwände für Gespräche mit mir selbst. In unverschämter und schamloser Weise hab ich Personen erfunden um ihnen meine Überzeugungen und meine Zweifel in den Mund zu legen, und sollten mir Zeit und Kraft gegönnt sein, so will ich weitere Kapitel entwerfen in denen meine Helden und Schurken meine Vermutungen wie Schlüssel in die Schlösser der Quantenmechanik, der Astrophysik, der Teilchenphysik einzufädeln versuchen. Der von meinem Verleger "Createspace" bestellte Rezensent erklärte von Vier Freunde II, "Dies ist das vierte Buch einer Reihe philosophischer Romane von welchen der Verfasser hofft dass sie einen wenn auch nur geringen Beitrag zur Erholung der geschundenen deutschen Sprache und zur Wiederbelebung des verwelkten deutschen Geistes im 21. Jahrhundert bieten möchten." Schon jetzt meine ich geheimniserschließende Widersprüche, z.B. in der mathematischen Logik zu ahnen, insofern sie bestrebt ist die unbestimmten und unbestimmbaren Wortbedeutungen in unzweideutige Symbole zu übertragen, wo es ihr unverkennbar notwendig ist, sich eben derselben Worte die sie vorgeblich verachtet, zu bedienen, um eine geistige Ambienz zu schaffen in welcher diese Sprache überholt wird. Zu der Auseinandersetzung zwischen Einstein und Bohr um die Wirklichkeit oder Unwirklichkeit der von Quantenmechanik behaupteten Gegenstände, (EPR Paradox), möchte ich schon jetzt bemerken, dass wenn es sich um physikalische, will sagen um ontologische Wirklichkeit und Unwirklichkeit handelt, es dann nur um eine semantische, das heißt eine lediglich rhetorische Frage um die Bedeutung von Worten geht. Denn die Physik, die Sternphysik, die Teilchenphysik, die Relativitätstheorien, die Quantenmechanik grasen auf, und ziehen ihre Nahrung von den Gefilden nicht des Erlebens, nicht einmal der Erfahrung, sondern der Phantasie. Wenn es sich aber bei dem EPR Paradox um phänomenale Wirklichkeit und Unwirklichkeit handelt, dann bieten schlichte und einfache Beobachtungen und Beschreibungen des Gesehenen und des Sehens, die Straßenkarten zum Verständis. Für das was gesehen wird, sind verlässliche Muster die klassischen Maler wie etwa Tizian und Raphael, Rembrandt und Vermeer. Besonders in Canalettos Gemälden von Venedig meine ich Modelle der Wirklichkeiten die ich mit meinen Augen sehe, zu erkennen. Und doch hab ich bei Gelegenheit von Laboratoriumsversuchen im Massachusetts Eye and Ear Infirmary und am Massachusetts Institute of Technology, derenthalber mir seiner Zeit die Ausbildung als Augenarzt genehmigt wurde, erfahren, dass ungleich der Aufnahme eines Bildes mit einer unbeweglich aufgestellten photographischen Kamera, das Sehen des Auges möglich ist nur dieweil sich das Auge fortwährend in kurzen rhythmischen Zuckungen, sogenannten Sakkaden, bewegt; indessen die Bildnisse in meinem Gemüt so statisch, so beständig, so monumental sind wie die Häuser am Rand des venezianischen Canal Grande in Canalettos Gemälden oder wie photographische Bilder derselben. Aus diesen Beobachtungen schließe ich dass es einzig Bruchstücke von Bildern sind, welche mein Auge zu erfassen vermag, dass aber die "Wirklichkeit" dessen was mein Auge sieht, ob mit brillenlosem Auge, ob mit Mikroskop oder Teleskop, eine von meinem Gemüt vollzogene Zusammenstellung, eine Synthese ist. Dementsprechend muss ich annehmen, dass der gesamte Bereich der Wirklichkeiten die sich mir aus meinen Wahrnehmungen ergeben, aus Geschöpfen besteht zu deren Herstellung mein Gemüt durch seine Berührung mit der Außenwelt angeregt wird; deren Wahrheit, wie Kierkegaard behauptete, auf ihrer Subjektivität beruht. In Lichte dieser Einsicht erscheint die Auseinandersetzung (das EPR Paradox) zwischen Einstein und Bohr um die Realität oder Unrealität quantenmechanischer Gegenstände wie ein Streit um des Kaisers Bart. Eine weitere erkenntnistheoretische Mutmaßung meinerseits ist, dass die umfangreiche Symbolik der Mathematik die zu bewältigen sich mein Gedächtnis so weitgehend sträubt, tatsächlich als eine hieroglyphenartige Geheimsprache gelernt sein will, eine Sprache deren Sinn sich in keine Worte, in keine Begriffe übersetzen lässt, und deren Bedeutung nur den tatsächlichen Anwendungen im Kommerz zwischen ihren Adepten zu entnehmen ist. Diese Anwendungen der mathematischen Geheimsprachen sind ihrem Wesen gemäß gesellschaftlich, will sagen schulisch, und bedürfen der universitären Treibhäuser um zu gedeihen. Vergleichbar verstehe ich die moderne Philosophie, besonders die deutsche, von Kant bis Heidegger, als zeitgenössische Scholastik deren Bedeutung großen Teils in der gesellschaftlichen Begutachtung und Übereinstimmung betreffs unverstandener und vielleicht unverständlicher Behauptungen besteht. Letztendlich komme ich mir mit diesen Überlegungen vor wie ein Winzer des Weins der ausgelesensten sauren Trauben. Ich entschuldige mich wieder einmal für die Zügellosigkeit meines Schreibens, und sende Euch meine herzlichsten Vorfrühlingsgrüße. Euer Jochen