am 5. März 2022 Liebe Gertrud, lieber Bernd, Schon wieder sind elf Tage seit Eurem letzten Brief vergangen! Wie ungeduldig ist nicht die Zeit! Sie ist nicht aufzuhalten und reißt alles mit sich fort. Die Schneeglöckchen die sich an einem warmen Tage der vergangenen Woche überall im Hintergarten hervorwagten, hatten sich dann vorgestern unter einer etwa 20 Zentimeter tiefen Schneedecke wieder versteckt, und sind heute, bei wiederkehrendem Tauwetter aufs Neue erschienen. Die Wettervoraussage für die kommende Woche verspricht durchweg Temperaturen über dem Gefrierpunkt, so dass ich in dieser Zeitspanne jedenfalls die Ölheizung nicht anzuschalten brauchte. Vielleicht hab ich Euch früher schon berichtet, dass ich mir hier in der zweiten Etage des Anbaus ans Ende einer Verlängerungsschnur einen Schalter montiert habe, mit dem es mir möglich ist die Heizung an und abzuschalten ohne mich auf die Treppen zu wagen. Vögel, wie die welche Euch begrüßen, sehe ich aus den zehn hohen Fenstern um meinen Schreibtisch fast gar keine; lediglich die üblich Schar Truthühner, mit einem Hahn der heute seinen Freundinnen ein wunderbares Rad schlug, bis sie dann allesamt von Nathaniels ausgelassenem Stubenhund, der sich lebhaftig seiner unangebundenen Freiheit erfreute, verscheucht wurden. In den vergangenen beiden Tagen hab ich meine Steuererklärungen fürs vergangene Jahr zusammengesetzt. Nun liegen sie in fünf verklebten Briefumschlägen auf der Kommode. Ich werde Klemens bitten, wenn er mich nãchst besucht, sie mitzunehmen und in den Postkasten zu stecken. Ansonsten hab ich, neben dem täglichen Aufschreiben meiner Gedanken, wie unsinnig auch immer sie sein möchten, über die Streitigkeiten zwischen Albert Einstein und Niels Bohr über die mangelnde oder zulängliche Realität der Quantenmechanik nachgelesen. Besonders behinderlich dabei ist mir meine Gedächtnisschwäche, denn obglich ich eine mathematische Formel zu "verstehen" meine, wenn sie mir in die Augen fällt, so vermag ich mich dennoch nicht mehr an sie zu erinnern, sobald sich meine Augen auf der nächsten Seite des Textes befinden. Dabei frage ich mich was es bedeutet wenn man behauptet sich eine "Singularität" als Anfangspunkt der Entstehung von Materie, Raum und Zeit vorzustellen. Nach dem kosmologischen Standardmodell ereignete sich dieser Urknall vor etwa 13,8 Milliarden Jahren. Dazu frage ich, ist alles was sich berechnen lässt, wirklich, weil es sich berechnen lässt? Laut Wikipedia: "„Urknall“ bezeichnet keine Explosion in einem bestehenden Raum, sondern die gemeinsame Entstehung von Materie, Raum und Zeit aus einer ursprünglichen Singularität. Diese ergibt sich formal, indem man die Entwicklung des expandierenden Universums zeitlich rückwärts bis zu dem Punkt betrachtet, an dem die Materie- und Energiedichte unendlich werden (Extrapolation). Demnach müsste noch kurz nach dem Urknall die Dichte des Universums die Planck-Dichte übertroffen haben." Da ich kein Physiker bin, und zu alt ein solcher zu werden, bleibt mit nichts übrig als diese Theorien vom Standpunkt des Arztes zu untersuchen, und die Frage aufzuwerfen ob es vielleicht nicht doch im Bereich der Gedanken, auf den Gebieten der Reinen Vernunft wie man sie einst nannte, eine Grenze zwischen Vernunft und Unvernunft, zwischen Sinn und Irrsinn geben möchte, und wenn, dann nach welchen Merkmalen diese Grenze zu bestimmen wäre. Mit diesen Worten hab ich mich einmal wieder an eine andere Grenze gewagt, nämlich jene der Überlegungen womit es ungebührlich ist Euch zu belästigen. Herzliche Grüße an Euch beide. Euer Jochen