Den Mängeln des unmittelbaren Erlebens wären (auch) die Schranken des Jetzt und Hier anzurechnen. Allein die Tatsache dass die Ausmaße von Jetzt und Hier unbestimmt und vielleicht unbestimmbar sind, weist auf die Willkürlichkeit und demgemäß auf die Veränderlichkeit all dessen was mir von Augenblick zu Augenblick und von Ort zu Ort gegenwärtig wäre. Labilitäten des Gedächtnisses, des Sehvermögens, des Hörvermögens sind bezeichnend für deren Unzuverlässigkeit. Zwar lassen sich die Unbestimmtheiten des Erinnerns, des Sehens, des Hörens, kalibrieren, aber beseitigen lassen sie sich nicht. Umgehen lassen sie sich durch die Schrift, durch Malerei, Skulptur und Photographie, so wie auch durch die verschiedensten modernen Geräte welche die Beschränkungen (Mängel) des unmittelbaren Erlebens verschleiern ohne sie aufzuheben. Hingegen sind die Beschränkungen (Mängel) der mittelbaren Erfahrung, die Beschränkungen (Mängel) des Wissens anderer Art. Diese erkläre ich mir in folgender Weise: Der Bereich des unmittelbaren Erlebens ist (aufgrund meiner geistig-seelischen Verfassung) unvermeidlich stark beschränkt. Um zu leben und um zu überleben bedarf ich einen beträchtlichen zusätzlichen, wenn auch zugegeben abgeleiteten Wirkungsbereich meines Geistes (Bewusstseins), meines unmittelbaren Erlebens. Dieser sekundäre Wirkungsbereich meines Geistes scheint oftmals mit dem primären Wirkungsbereich zu verschmelzen. Die beiden, die primären und sekundären, Wirkungsbereiche von einander zu unterscheiden ist eine wesentliche, ist vielleicht die wesentlichste, Aufgabe der Erkenntnislehre. In diesem Zusammenhang einschlägig ist der Begriff des Modells. Es gibt Modelle verschiedenster Arten. Hier will ich das elektrische Modell der um den Weihnachtsbaum unter kleinen Bogenlampen kreisende, durch Tunnel und über Brücken, über Weichen und an erleuchteten Signalen vorbei geleitete Eisenbahn vorführen, ein Modell welches durchaus viele Beschaffenheiten der eigentlichen, der "wirklichen" Eisenbahn aufweist und an diese erinnert, und dennoch von dieser qualitativ unbedingt unterschieden ist, wenn nur insofern es unmöglich ist in sie einzusteigen und sich von ihr nach Hamburg oder Hannover versetzen zu lassen. Eh ich mit Auseinandersetzungen über das Modellieren fortfahre, möchte ich darauf hinweisen, dass Platons Welt der Ideale ebenfalls ein Modell war, ein Modell im Rahmen endgültiger Wahrheit und Tugend, und aus dieser seiner Beziehung zum Modell auf das eigentliche Denken eines jeden von uns Menschen hinwies, mit dem Ergebnis eines Bildes das wegen seines sich Verlassens auf das Unbedingte, auf das unbedingt Wahre, Gute und Schöne, wesentlich entstellt war. Wenn ich das mir einigermaßen bekannte Wissen überdenke, wie etwa die Theorien der Astrophysik in Hinblick auf das unendlich Große, die Theorien der Teilchenphysik in Hinblick auf das unendlich Kleine; die Relativitätstheorien in Hinblick auf Licht, Masse, Energie, Geschwindigkeit und Schwerkraft, die Quantentheorie in Hinblick auf Stellung und Bestimmung. die Evolutionstheorie, die wissenschaftlichen Lehren der Biologie, der Physik, der Chemie, der Biochemie, der Geologie, der Anthropologie, der Physiologie, der Pathologie, der Psychologie, der Soziologie, der Ökonomie, der Geschichte, der Literaturgeschichte, der Kunstgeschichte,... dann meine ich überall Modelle zu entdecken, und demgemäß schließe ich dass das Modell als triftiges Muster für mittelbares Wissen erscheint, und weil "Muster" in diesem Zusammenhang tatsächlich auch "Modell" bedeutet, so befinde ich mich im Versuch das mittelbare Wissen mit einer nimmer endenden Rekursion zu erklären. Das ist eine Tatsache welche mir die Gültigkeit meines Vorgehens zu bestätigen scheint. Es ist mir unmöglich, abgesehen von der Sprache und abgesehen von der reinen Mathematik, auch nur ein einziges Wissen oder eine einzige Wissenschaft zu zitieren die nicht forderte als ein Modell einer anderweitig unerreichbaren transzendentalen Wirklichkeit erklärt zu werden. Es möchte selbstverständlich sein, und verdient doch der Wiederholung, dass das mittelbare Wissen, einbeschlossen der vielfaltigen Modelle deren es sich bedient, seinerseits wiederum des unmittelbaren Erlebens um ins Bewusstsein zu dringen bedarf. Und diese unvermeidliche Überlagerung des unmittelbaren Erlebens mit dem mittelbaren Wissen, (oder dem mittelbar Gewusstem) verursacht die Verwechselung von Gewusstem und Wirklichem, die Verwechslung von Wissen und Wirklichkeit welche das Geistesleben bezeichnet, und welche zu beheben die eigentliche Aufgabe der Erkenntnistheorie ist. Bei all diesen Überlegungen habe ich durchweg (consistently) vom unmittelbaren Erleben und vom mittelbaren Wissen des Einzelnen geschrieben; und sehr bewusst hab ich zuweilen mich mir selber und meinen Lesern diesen Einzelnen als mich selber genannt, wenn nur darum weil ich von keinem anderen Ich, sondern nur vom eigenen Ich weiß und wissen kann. Zugleich bin ich mir bewusst, dass nicht nur mein mittelbares Wissen aus meiner Einbindung in die Gesellschaft enstanden ist und entsteht, sondern dass auch mein subjektives Denken, mein Fühlen, mein unmittelbares Erleben der Gesellschaft in die ich geboren wurde entsprungen ist, und von der Gesellschaft zu der ich gehöre, von der ich abhängig bin und bleibe, genährt wird. Ich muss annehmen, dass meine Mitmenschen als Einzelne über eine Verfassung verfügen welche der meinen vergleichbar ist. Dass sie diese Verfassung mit der meinen identisch sein sollte wäre, ist eine Schlussfolgerung die sich niemals aus meinem unmittelbaren Erleben ableiten ließe, sondern als eine Fazette eines Gesellschaftsmodells zu verstehen wäre. So ergibt sich aus meinem Denken eine mittelbare Welt bevölkert von Menschen mit Wissen dem meinen ähnlich, auf deren Gemüter ich stets nur von außen, aus den Bereichen des mittelbaren Wissens zu schließen vermag, deren unmittelbares Erleben mir aber versiegelt ist.