Beim Überlesen meiner Notizen der vergangenen Tage fällt mir die wesentliche Bedeutung der Unterscheidung von unmittelbaren Erleben als Merkmal des Inwendigen, und dem mittelbaren Entlegenem als Merkmal des Äußeren, auf. Deshalb betrachte ich es als ersprießlich diese Unterscheidung weiter auseinanderzusetzen. Vorerst betreffs der Unterscheidung von Innen und Außen im Allgemeinen, so weise ich darauf hin in welchem Maße wir die Dinge in der Welt benennen wie sie uns von außen in die Augen fallen. Wenn ich ein Haus, einen Baum, einen Vogel erwähne so ist es deren Erscheinung worum es mir geht. Der Ursprung des Wortes "Person" ist das lateinische Wort Persona, das Maske bedeutet und auf die Erscheinung weist. Auch die Vorstellung die ich von mir selber hege bietet mir ein Bild meines Außen, weit entfernt von Darstellunge des Gedärms, von Lungen oder Herz, vom Gehirn, wie sie bei einer chirurgischen Operation oder einer pathologischen Obduktion erscheinen würden. Seit dem Mittelalter bestrebt die medizinische Wissenschaft Krankheitserscheinungen biophysisch oder biochemisch beweisbare Veränderungen von Organen, Geweben, und Zellen zuzuordnen, und somit die Kluft zwischen dem subjektiven Gefühl und der objektiven Erscheinung zu überbrücken. Vor etwa 400 Jahre meinte René Descartes den Ort der Seele, also die Stelle der Subjektivität, in der Zirbeldrüse entdeckt zu haben, vermutlich weil damals die Bloßlegung dieses Organs das an der Basis des Gehirns liegt, mit dem Leben des Körpers unvereinbar erschien. Die jüngsten Bemühungen in dieser Hinsicht sind Versuche die Gedanken oder Stimmungen eines Patienten auf entsprechende Kernspinnresonanzbildveränderungen zurückzuführen. Dergleichen Bemühungen vervielfaltigen die Rätsel ohne sie zu lösen. Es mag ein unverbesserlicher Fehler von mir sein, dass ich Versuchen der Vergegenständlichung des Subjektiven mit Ablehnung begegne, und es vorziehe Gedanken, Stimmungen, Gefühle als Erscheinungen ihrer Art, sui generis, entgegenzunehmen, und das Bestreben sie auf Veränderungen des Körpers zurückzuführen als hoffnungslos verfehlt ablehne. Dies aber ist der Weg den ich nun einmal eingeschlagen habe. Um mitgeteilt zu werden müssen subjectiv erlebte Zustände ausgedrückt werden, und dann, sobald sie ausgedrückt, sind sie objektiv bestätigt. Wohl bemerkt, dass das objektiv werden des offenbarten Subjektiven die Wucht und Gültigkeit der ursprünglichen Subjektivität keineswegs beeinträchtigt. Ich frage mich, und ich frage den Leser, was heißt es zu behaupten, dass die Subjektivität die Wahrheit ist? Was wäre subjektive Unwahrheit? Wäre vielleicht die Objektiviät die subjektive Unwahrheit? Oder ist das unvermeidbare Korrelat der Behauptung die Subjektivität sei die Wahrheit eine weitere Behauptung, dass es Unwahrheit überhaupt nicht gibt. Eine andere mögliche Deutung der Behauptung, dass Subjektivität Wahrheit ist, wäre der Beschluss, dass Wahrheit ein Widerspruch ist, dass Wahrheit unmöglich ist, dass Wahrheit Täuschung ist, und dass es Unfug ist überhaupt von Wahrheit zu reden. Kierkegaards Hinweis, die Subjektivität sei die Wahrheit, bewirkt eine Verwandlung des Begriffs Wahrheit. Nunmehr ist eine Sache nicht mehr wahr weil sie mit einer anderen Sache übereinstimmt, oder weil sie bestimmten begrifflichen Kriterien genügt, sondern eine Sache ist wahr lediglich weil sie subjektiv ist. Die Leidenschaftlichkeit einer Behauptung, no matter how false, ungeachtet ihrer Fehlerhaftigkeit macht sie wahr. Das finde ich beängstigend. Du vielleicht auch? Mit wie viel Leidenschaft tun nicht Menschen einander unrecht. Verletzen und töten einander. Wenn Leidenschaft Wahrheit stiftet, wie könnte sie umhin nicht auch der Gerechtigkeit zugrunde zu liegen? Und dennoch sind die formellen Übereinstimmungen derer sich die Objektivität bedient um Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit zu stiften so schal, so irreführend, so oberflächlich, dass fast jede Alternative, jeder Ersatz erwägenswert scheint. Ich muss, so scheint es mir, von vorne anfangen, muss versuchen alle Voreingenommenheiten abzutun; das heißt ins Besondere die platonischen, und all anderen Ideale von dem was sein sollte abzutun, um schlicht und einfach zu beobachten wie ich denke, wie ich fühle, und wie meine Gedanken und Gefühle mit den Gedanken und Gefühlen zusammen und gegeneinander wirken, zusammenfließen und letztlich von ihnen teilen. Das finde ich eine große Aufgabe. Ist sie zu schwierig für mich in meinem Alter zu beginnen?