Date: 22. Februar 2022 Subject: Dein Brief vom 19.2. From: Bernd Strangfeld Lieber Jochen, vielen Dank für Deine Briefe vom 9. und 19. 2. 2022. Dein zweiter Brief erreichte uns mitten im Toben von Sturm und Regen, dazwischen Graupel-und Schneeschauer.. Ja, am schlimmsten hat es Norddeutschland erwischt, Hamburg etwa. Ziemlich genau vor 60 Jahren gab es diese wahnsinnige Sturmflut in Hamburg, bei der über 300 Menschen ertranken. Ich habe zufällig einen Film über diese Katastrophe im Fernsehen gesehen, mit lauter alptraumhaften Szenen, die leider alle wahr waren. Helmut Schmidt, zu der Zeit Innensenator, hat durch beherztes Ignorieren einiger Gesetze viel Rettendes bewirken können. Berühmt ist sein Einschalten der Bundeswehr. Aber so schlimm war es diesmal nicht. Hier sind allerdings viele Bäume entwurzelt, haben Straßen blockiert, einige Leute erschlagen. Die Wälder werden als unbetretbar bezeichnet, tote Fichten, die ja noch immer nicht alle gefällt sind, können umstürzen, aber auch viele Laubbäume können entwurzelt werden, werden es auch, weil der Boden durch anhaltenden kräftigen Regen so weich ist, dass die Wurzeln keinen Halt mehr finden. Bernd und ich gehen ohnehin seit längerem nur auf der Asphaltstraße im baumlosen Kerspetal hin und her gehen. Regelmäßig treffen wir dabei einige elegante Silberreiher, die nach Mäusen fahnden; seit einer Woche sind die Kanadagänse zurück, die seither einen Mordsspektakel machen, und heute haben wir die ersten Rotmilane (Gabelweihen) gesichtet. gestern Mittag flog ein kleiner Zug von etwa 20 Kranichen im Schneeregen gen Norden, fast über unser Haus. Sie sind heuer vielfach schon Ende Januar gezogen, und wir befürchten, dass der Winter irgendwann, wenn niemand mehr Lust hat, voll zuschlägt. Ich mache mir immer Sorgen um diese wunderbaren Vögel. Vor drei Tagen haben wir endlich angefangen, die Nistkästen zu leeren, damit neue Behausungen gebaut werden können. Da guckte uns hinter einem schön geschichteten Moosbett eine Maus oder, wahrscheinlicher, ein Sieben -(oder ein Garten-)schläfer an. Diese Tierchen schlafen unter Umständen von September bis April. Manchmal wünsche ich, ich könnte es ihnen gleichtun. In einem anderen, auch sehr liebevoll gebauten Nest fanden wir ein totes, noch sehr kleines Kohlmeisenkind. Mit einer Freundin aus der Nachbarschaft organisieren wir gelegentlich einen Spieleabend, vorzugsweise "lernspiele", z.B. Biologie, geschichte, Geographie, Philosophie. Zuletzt versuchten wir uns an "Nordischer Götter-und heldensage" und erstaunten ob der Unlösbarkeit der Fragen, bis wir es schließlich aufgaben und zu Philosophe übergingen. Ich dachte, ich sei einigermaßen beschlagen in germanischen Sagen, aber diese düstere Mythologie ist mir doch fremd geblieben. An die "Völuspa" hatte ich noch vage Erinnerungen, "Der Seherin Gesicht": Urzeit war es, /da Ymir hauste; nicht war Sand noch See/ noch Salzwogen..." Am nächsten Tag stieg ich in den Keller, wo sich inzwischemn mehr als die Hälfte unserer Bibliothek befindet, fand mehrere Ausgaben der "Edda" und entdeckte in einem angefügten Glossar etliche der Stichwörter, an denen wir abands zuvor verzweifelt waren. Interessant die Parallelen zur griechischen Mythologie, wo ich mich ein bisschen besser auskenne. Und viele er Sagen habe ich mit großer Begeisterung zu meinen Lehrerzeiten meinen gruppen und Klassen erzählt. Heute staune ich manchmal, wie wenig davon im öffentlichen Bewusstsein vorhanden ist, nicht einmal orpheus und Eurydike. Seit langem steht bei uns eine DVD "Braunschweig im Wandel der Zeiten", die wir vor langem in BS gekauft hatten mit der Absicht, sie Dir zu schicken. Nun meine ich mich aber zu erinnern, dass unsere Freundin Julie in Northfield sagte, sie müsse diese Scheiben erst umpolen - weiß nicht, wie - auf US-amerikanische technische verhältnisse. Falls Dir dergeichen geläufig ist, würde ich sie Dir gerne schicken. Danke für die Auszüge aus der Braunschweiger Zeitung. Toll, dass so etas im Internet zugänglich ist. Die Vorstellung eines 65 hohen Turms samt Rutsche am Torfhaus entsetzt mich alledings eher. Schlimm, dass alle besonderen Stätten irgendwann in einen Rummelplatz verwandelt werden müssen. Diese Rutsche würde ich nicht so gern ausprobieren, da würde ich Dir glatt den Vortritt lassen. Vom Torfhaus führt der "Goetheweg" zum brocken, den sind wir einmal gegangen. Nicht sehr schön, da viele tote Fichten, etwas öde. Viel Glück für Deine Übungen an der treppe! Es ist schlimm, wenn der eigene Körper einen Stück für Stück im Stich lässt .Dann schon lieber die Rutsche! Die Fotos aus dem Harz sind ja sehr verlockend, danke. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es bei Dir im Haus so wenig Kommunikation gibt. Das klingt eher nach einem Film. Nathaniel war doch lange zeit Dein Unterstützer, er hat Dich beim Schreiben ermutigt, hat Dir empfohlen, wie Du Deine Bücher gedruckt bekommen könntest. Und nun gar nichts mehr? Es ist ja nett, dass er Dich ein wenig versorgt Aber alles so schweigend? Hast Du eigentlich mal aus Deiner Kindheit erzählt? Das ist doch ergreifend und abenteuerlich. Aber sind die Männer in Deiner Familie überhaupt etwas schweigsam. Jetzt mache ich mir wieder einen tee, (trinkst Du denn gar nichts Heißes?)., und dann werde ich einen Pullover fertigstellen, an dem ich schon monatelang arbeite, während Bernd mir aus Klaus von Dohnany, "Nationale Interessen", vorlesen, 2021 erschienen, höchst aktuell. Im übrigen sieht ja die Welt mal wieder besonders schwierig und ausweglos aus. Und Biden ist auich nicht gerade mitreißend klug. So. Es regnet, Temperatur knapp über Null, zum Glück konnten wir unseren Gang heute in eine Regenlücke schieben. Lass Dich nicht entmutigen! Liebe grüße, Gertraud und Bernd.