am 19. Februar 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Elf Tage sind nun schon wieder vergangen seit meinem letzten Brief. Inzwischen habe ich umso mehr an Euch gedacht wegen der heftigen beiden Stürme die über die Nordsee gezogen sind und auch Norddeutschland heimgesucht haben. Hoffentlich habt ihr sie glimpflich überstanden. Auch uns waren vorgestern Nacht starke Sturmböen angesagt. Ich aber hab trotz der Drohungen fest geschlafen, hab nichts gehört, und auch die meheren großen umstehenden Bäume von denen ich nicht zu entscheiden vermag ob ihre Anwesenheit das Haus beschützt oder bedroht, gaben am Morgen keine Zeichen vom Sturm auch nur das Geringste gemerkt zu haben. Die Wochen verlaufen mir so gleichförmig, eine nach der anderen, jedes Heute ist dem Gestern so ähnlich, dass ich kaum festzustellen vermag ob die Zeit schnell oder langsam oder überhaupt vergeht. Die letzten zwei Monate hab ich, aus Besorgnis beim auf- oder absteigen der Treppe hinzufallen, ausschließlich in dieser zweiten Etage des Anbaus verbracht. Hier sitzte ich am Rechner vor dem kleinen alten Esstisch, der einst in Margarets Zimmer in Philadelphia stand, von wo mir zehn hohe Fenster geräumigen Ausblick durch viele winterlich kahle Bäume auf Nachbargärten und Häuser gewähren. Wenn es nun einmal mein Schicksal ist einundneunzig und zwei Drittel Jahre alt geworden und verkrüppelt zu sein, kann ich mir mehr vorteilhaften Zustände mein Leben abzuleben nicht vorstellen. Seit drei Tagen versuche ich mit regelmäßigen Übungen an der untersten Treppenstufe, die Muskeln meiner Beine zu stärken, indem ich mit der linken Hand das Geländer klammernd, und mit der rechten auf einen Stock gestützt, mich erst mit dem einen Bein, dann mit dem anderen einen Schritt hinauf und wieder hinab zu bewegen. Dabei lege ich mir an mein Radiotelephon verbundene Hörkapseln in die Ohren und lasse mir von den Brandenburgischen Konzerten die Zeit vertreiben. Wie lange es dauern möchte bis mir infolge dieser Übungen der Mut zum Treppenauf- und Absteigen wiederkehrt, wenn je, wird sich ergeben. Inzwischen verläuft das Zusammenleben mit Nathaniel, Sabine und ihrem Hunde ohne Zwischenfall, ohne Missverständnisse und ohne Verständnis. Nathaniel bringt mir jeden Morgen eine Schale Haferschleim, und jeden Abend eine Portion von dem Abendessen das Sabine sich jeweils ausgedacht hat. Dazu trinke ich Wasser, "trinke das Wasser wie Moselwein, lasse Champagner, Champagner sein." Bei jedem dieser Besuche nimmt Nathaniel das abgegessene Geschirr und Besteck, das seit dem vorigen Mahl auf dem Tisch auf ihn gewartet hat, zurück in die Küche. Der Gedankenaustausch ist auf "Thank you" und "You're welcome" beschränkt. Aber ungeachtet der bescheidenen Zimmertemperaturen scheinen alle Drei zufrieden zu sein. Zur Unterhaltung und Ablenkung hab ich kostenlos im Internet ein wochentägliches Rundschreiben der Braunschweiger Zeitung abonniert. Nun erscheint im Briefkasten meines Rechners fünf Mal in der Woche eine Sendung mit der Anschrift "Ihre News aus Braunschweig" und versetzt mich in Verwunderung über die Verwandlungen der Sprache - und der "Kultur" - die ich erlebt, die ich überlebt habe. Besonders ergreifend war mir ein Bericht ueber eine Riesenrutsche: "Zu den prominentesten Attraktionen, die im kommenden Jahr fertig gestellt werden sollen, zählt der Harzturm in Torfhaus (Landkreis Goslar). Der 65 Meter hohe Aussichtsturm soll neben einem Ausblick über die Landschaft eine frei stehende Aussichtsplattform und eine 110 Meter lange Rutsche bieten. Im Frühjahr 2022 soll der Turm eröffnet werden." In dem beigefügten Bild des "Sonnenaufgang(s) auf dem Torfhaus" meint mein Gedächtnis an dem Ort an Seiten der Radau wo die Riesenrutsche gepflanzt werden soll, den Anfang des Wanderwegs nach Harzburg zu erkennen, wo ich als Kind mit meinen Eltern und mit meiner Schwester die ersten der vielen verschiedenen Wanderungen durch Episoden meines Leben anstellte. Dabei überkam mich die skurrile Vorstellung, ich besuchte Euch ein letztes Mal in Kierspe, wie führen zusammen nach Goslar, zum Torfhaus, und losten darum wer von uns zu erst die 110 Meter lange Riesenrutsche hinab rutschen sollte. Herzliche Wahnsinnswintergrüße an Euch beide. Euer Jochen