"Eine Bildung muss der Mensch haben," hat mir mein Vater gesagt um mich an meine gehörige gesellschaftliche Stelle zurückzuweisen. Nun bestätige ich ihn, indem ich mir sage, dass die in meine Romanen eingeflochtenen Gedanken an die Gespräche von Platon erinnern sollen, der sich des Dialogs als Gerüst bediente, um seine Gedanken zu entwickeln, vorzuführen und auszustellen. Für wen? Zu wessen Gunsten? Ich würde behaupten vornehmlich zu seinen eigenen, weil seine Gedanken im Austausch mit anderen Gemütern gegründet waren, und diesem Austausch entsprangen. Möglicherweise waren Gespräche für die Entstehung der Gedanken unentbehrlich. Den Erfolg der dem platonischen Denken zuteil wurde, leite ich ab nicht von dessen bedingungsloser sachlicher Richtigkeit, denn an welchen Maßstäben wäre die Gültigkeit dieses Denkens zu messen, anders als an seinem Einfluss auf die Geistesgeschichte? Diesen Einfluss aber führe ich zurück auf gesellschaftliche Umstände, auf die Abwesenheit von konkurrierenden Gedanken. Der Pegel der Konkurrenz ergibt sich aus der intellektuellen Ambienz, aus der Anzahl potentieller Konkurrenten, aus der Reife der einschlägigen Geisteswissenschaft(en), aus der Tüchtigkeit (efficiency) der Mitteilungsmethoden. So weit man es heute, nach 2500 Jahren zu beurteilen vermag, war der Pegel der intellektuellen Konkurrenz zu Platons Zeiten ein sehr niedriger. Der ursprünglichen Niedrigkeit dieses Pegels entspricht die seitdem waltende (prevailing) Vorherrschaft der platonischen Philosophie. Die heutige Lage ist umgekehrt, denn heutzutage ist der Pegel intellektueller Konkurrenz sehr hoch. Jedem Einzelnen von uns sind eine unberechenbare Vielzahl von Büchern verfügbar, nicht nur gedruckt und eingebunden, sondern vornehmlich elektronisch vom Internet übertragen, so dass es mir an meinem Schreibtisch von dem ich aus Alterschwäche kaum noch aufzustehen vermag möglich ist Millionen von Textseiten aller Art auf den Bildschirm meines Rechners in beliebiger Vergrößerung abzurufen, zu lesen, abzubilden und nach Belieben in eigenen elektronischen Geräten zu speichern, oder, wenn ich wünsche, auf Papier abzudrucken. Und jeder mögliche Leser meiner Schriften verfügt über die gleichen Möglichkeiten. Dementsprechend scheint es mir wahrscheinlicher dass ein Blitz aus klarem Himmel auf mich einschlüge, als dass ich auch nur einen einzigen Leser fände.