Das Bedürfnis zu reden, zu schreiben, seine Gedanken und Gefühle mitzuteilen, scheint angeboren; vielleicht ist es ein allgemeines Bestreben das die Gesellschaft, und somit das menschliche Leben überhaupt erst ermöglicht. Ein Ausgleich zwischen dem Bedürfnis sich mitzuteilen und Mitgeteiltes zu empfangen kann keineswegs vorausgesetzt werden, und steht unter dem Einfluss der Mitteilungsmöglichkeiten welche, auf Grund der rasant verwandelnden Technologie, sich in den jüngst vergangenen Jahren wesentlich verändert haben. Ich darf nicht voraussetzen, dass irgendjemand für meine Mitteilungen empfänglich sein, dass irgendjemand was ich zu sagen habe hören oder was ich geschrieben habe, lesen möchte. Zuversichtlich sein dass sein Reden erwünscht ist darf nur wer auf der Kanzel in der Kirche steht oder am Katheder in der Universität, und auch er muss bedenken, dass nicht jedes Gemeindemitglied, dass nicht jeder Student zuhört. Dabei ist Zugang zum Redepult behördlich bewacht und beschützt. Dem Pfarrer ist die venia dicendi (oder heißt es venia loqui) erteilt nur unter Voraussetzung eines bestimmten strengen Glaubensbekenntnisses. Der Privatdozent empfängt die venia legendi unter der Bedingung dass er die Gesinnungen seiner Kollegen unterstützt und bestästigt, und dass seine Gedanken von seinen Studenten befürwortet und gutgeheißen werden. Von den Gedanken des Einzelnen will nur sehr selten ein Zweiter etwas wissen. Kierkegaards Vorstellung dass um sein geistig-seelisches Erleben zu ergänzen ihm nur ein einziger Leser (hiin enkelte) genügen möchte, ist ein von mir niemals geträumter Traum. Was möchte es bedeuten, wenn ich dennoch fortfahre meine Gedanken und meine Gefühle zu beschreiben? Tue ich dies um die welche mich zu kennen meinen und mich selber zu täuschen? Vielleicht sollte ich mich als einen Schauspieler betrachen, dessen Schreib eine Aufführung, eine Vorführung ist. Rechtfertigen würde ich mich mit der Behauptung, mein gesamtes Leben wäre nichts als ein Schauspiel, eben weil Schauspiel das Wesen des menschlichen Lebens ist. Insofern der Mensch die Welt von welcher er ein Teil ist zu begreifen vermag nur insofern er sie sich vorstellt, ist er auch gezwungen sich sich selber vorzustellen, und somit vermag er nichts anderes als Schauspieler zu sein. Der Schauspieler aber ist zufrieden und glücklich lediglich auf der Bühne.