From:Dr. med. Reinhold Busch Date: February 7, 2022 Lieber Ernst Jochen, recht herzlichen Dank für Deinen doch recht langen Brief. Es freut mich für Dich, daß Dein Enkel Nathaniel mit seiner Freundin jetzt bei Dir wohnt. So hast Du jemanden im Haus, falls Dir etwas passiert. Auch meine Frau und ich denken häufig darüber nach, was weiter aus uns wird. Ich bin am 1. Februar 80 Jahre alt geworden, konnte aber wegen Covis19 nicht im großen Kreis feiern. Bei uns in Hagen explodieren im Augenblick die Infektionen; so hatten wir in den letzten Tagen täglich mehr als 450 neue Fälle, einmal sogar 650. Und dabei stehen wir mit 81% Geimpften in Deutschland noch mit ganz vorn. Wir beide hatten kürzlich die vierte Impfung bzw. die zweite Boosterung, für alle Fälle. Wir machen uns also Gedanken. Da wir beide noch ganz fit sind - wir machen Yoga, fahren Fahrrad und Spaziergänge - wollen wir so lange wie möglich in unserem Haus wohnen. Unser Grundstück hat 1.500 qm, davon 600 m eigener Wald, mit Zugang zu einem größeren Wald. Das Haus hat 250 qm Wohnfläche. In der 1. Etage hat meine Frau ihre Praxis für Psychotherapie (Psychodrama), und mit ihren 73 Jahren wird sie wohl noch lange arbeiten, weil das ihre Leidenschaft ist. Das Problem ist nur, das alles zu unterhalten und zu pflegen! Das fällt uns täglich schwerer ... Wir haben uns vorsorglich mal in einem sehr schönen Seniorenzentrum angemeldet (betreutes Wohnen, keine Pflege), aber mir ist das sehr fremd. Am liebsten hätte ich auch irgendwann Enkel im Haus, aber die zwei in Hagen sind erst 8 und 11 Jahre alt, und unsere Kinder haben alle eigene Häuser und wollen natürlich nicht wechseln. Also warten wir einfach ab, was das Schicksal uns bereitet. Nun zu der Übersetzung. Ich habe Donald viele Texte geschickt, die im Original auf Englisch verfaßt wurden. Ich finde sie nicht mehr in meinem PC, er hat sie aber wohl noch. Ich schätze, etwa ein Drittel des Buches. Der längste ist von Margot Smith geb. Rosenthal, der Kusine Deines Vaters. Im Augenblick korrespondiere ich viel mir Ron Goldman, dem Psychotherapeuten aus Boston, verheiratet mit Deiner Kusine Vivian geb. Rosenthal. Er ist Mitglied einer Shakespeare-Company, hat einen Einakter geschrieben und davon einen Film drehen lassen, in dem er selbst über seine Erfahrungen mit dem Holocaust als Kind in der dritten Generation berichtet und wie er Jahre brauchte, um seine Mutter zum Sprechen zu bringen und seine Ängste zu überwinden, mit seiner Frau nach Deutschland zu fahren. Das Video steht unvollständig im Internet. Ich habe eine Kopie, die ich gerade ins Deutsche übersetze, und mein Sohn, der eine Filmfirma betreibt (findest Du im Internet unter Simon Busch oder Busch Production) wir den Film mit Untertiteln versehen, wenn die Übersetzung fertig ist. Ron wird Dir sicher eine Kopie überlassen. Ich habe ihn und Vivian gebeten, weil beide auch in Boston wohnen, mit Dir Kontakt aufzunehmen; es dürfte auch für Dich interessant sein. Du findest ihn im Internet; seine mail ist >rongoldman@comcast.net<. Auch Edna's Sohn Zaki Avrahami, der am MIT Massachusetts studierte, lebt mit seiner Familie noch dort; Edna kann Dir seine mail-Adresse geben. Jetzt sind es noch sechs Tage bis zum Abflug, und wir müssen am Flughafen einen negativen PCR-Test vorweisen ... Liebe Grüße, auch an Deine Familie Reinhold Gesendet: Montag, 31. Januar 2022 um 02:58 Uhr Von: "Ernst Meyer" An: "Dr. med. Reinhold Busch" Betreff: am 30. Januar 2022 am 30 Januar 2022 Lieber Reinhold, Herzlichen Dank für Deinen Brief mit der Nachricht, dass Ihr beide, Du und Deine Frau, gesund seid. Ich wünsche Euch erfreuliche und zwischenfallslose Ferien in Jordanien. In den sieben Monaten die seit dem 27. Juni 2021, dem Datum unseres letzten Briefwechsels, verstrichen sind, habe ich oft an Dich gedacht, angeregt im Juli durch die Berichte von den Überflutungen in Hagen, dann durch meine Korrespondenz mit Donald Strauss dem viel an der Übersetzung Deines Buches ins Englische zu liegen scheint, und immer wieder durch mein flackerndes Bewusstsein Deiner liebevollen Bewunderung der Rosenthal Familie. Vor allem aber denke ich an Dich im Rahmen einer mit fortschreitendem Alter zunehmende Bezauberung von den Rätseln der Vergesellschaftung, der quasi-magnetischen Kräfte die uns Menschen zu einander hinziehen, uns dann aber, wie die Gezeiten des Seelenmeeres, von einander abstoßen. Von meiner Gesundheit, oder deren Abwesenheit, ist zu berichten, dass es mir nicht gelingen will den Widerspruch zu lösen einerseits entschlossen zu sein, niemals zu klagen, andererseits einen wahrheitsgetreuen Bericht über den unvermeidbaren Absturz ins zunehmend tiefe Alter zu liefern. Das Gehen, das mir seit mehreren Jahren nur noch am Gehbock gelingt, wird zunehmend beschwerlicher. Aus Besorgnis nicht zu fallen, wage ich mich seit zwei - oder sind es schon drei - Wochen nicht mehr auf die Treppe, denn wenn ich auch nichts weiteres als ein Handgelenk verletzte, würde ich bettlägrig, weil ich beim Gehen beider Hände bedarf um mich auf Stöcke oder auf den Bock zu stützen. Mag sein, dass ich zu ängstlich bin. Vor etwa sieben Wochen sind mein Enkel Nathaniel, der Dir seinerzeit ausführlich von sich berichtete, mit seiner Gefährtin Sabine, einer liebenswürdigen jungen Frau, in mein geräumiges leeres Haus zu mir gezogen. Sabine ist eine einfallsreiche Köchin, und Nathaniel bringt mir das von ihr gekochte Essen täglich um 11 Uhr morgens und um 7 Uhr abends in das Zimmer im zweiten Stock wo ich wohne, so dass nunmehr keine Notwendigkeit besteht mich aufs Geländer mit dem rechten Arm und auf den Stock mit dem linken Arm gestützt, eine Stufe nach der anderen, die Treppe hinab zu bugsieren, um dann, nur wenige Minuten später, rückwegs den mühsamen Aufstieg anzustellen. Meine Tage verbringe ich am Bildschirm und an der Tastatur meines unendlich geduldigen Rechners der mir kein Geschwafel verübelt, wie schlampig oder liederlich es auch sein mag. Grundsätzlich erzähle ich ihm was mir jeweils einfällt, ohne zu überlegen ob es Sinn oder Unsinn ist. Er hat ein fabelhaftes Gedächtnis, ist unendlich duldsam, und ist bereit jedem der 4,66 Milliarden Internet Zugeschalteten der neugierig wäre, der http://24.61.87.5 wählte, und der zu lesen vermöchte, sämtliche Geheimnisse meines Lebens auszuschütten. Und doch hat sich auch im Laufe mehrerer Jahre kein solcher gefunden, nicht einmal jener unbenannte einzige Leser, (hiin enkelte) von dem Søren Kierkegaard phantasierte. In diesem Zusammenhang bedenke ich Goethes Betrachtungen über öffentliche Geheimnisse: Epirrhema Müsset im Naturbetrachten Immer eins wie alles achten; Nichts ist drinnen, nichts ist draußen: Denn was innen, das ist außen. So ergreifet ohne Säumnis Heilig öffentlich Geheimnis. Freuet euch des wahren Scheins, Euch des ernsten Spieles: Kein Lebendiges ist ein Eins, Immer ist's ein Vieles. Diese Goetheworte dienen mir als Brücke zu dem eigentlichen Thema dieses Briefes, die unterbrochene Übersetzung Deines Buches: "Verstreut über alle fünf Kontinente, das Schicksal der jüdischen Familie Rosenthal aus dem Ruhrgebiet". Die bündige Antwort ist: Ich bin bereit zu versuchen die Übersetzung fortzuführen, so gut ich es vermag. An den fünf letzten Worten, "so gut ich es vermag" hängt der Haken. Mein Verständnis der deutschen Sprache, und meine Fähigkeit mich in der englischen auszudrücken, mögen vorausgesetzt sein. Aber bedenklich ist in wie weit das über mich einstürzende Alter meine Übersetzungsbemühungen beeinträchtigen würde. Mein Gedächtnis lässt merklich nach. Vermag mich des Öfteren von Augenblich zu Augenblick nicht mehr zu besinnen, zum Beispiel, ob ich soeben den Wasserhahn abgedreht, oder das Badezimmerlicht abgeschaltet habe, oder nachdem ich die Tür des Nebenzimmers hinter mir geschlossen habe, weshalb ich mich überhaupt hierher begeben habe. Diese Gedächtnisschwäche wird beim Übersetzen von der Rechnertechnik wesentlich aufgewogen, denn der gesamte Text den ich jeweils bearbeite steht mir mit wenigen Schlägen in die Tastatur vor Augen. Jedoch welch unvorausehbare Irrtümer meine Vergesslichkeit in meine Übertragung einschleusen möchte, wäre nur im Rückblick erkennbar. Wenn Du bereit wärst meine Bemühungen laufend zu begutachten, und mir die englischen Wortlaute der Dir ursprünglich in englischer Sprache eingereichten Beiträge zur Verfügung zu stellen, würde ich versuchen, ohne Dir die eventuelle Fertigstellung der Übertragung zu versprechen, mit meiner Übersetzung fortzufahren. Als ich noch ärztlich tätig war, pflegte ich meine Patienten mit der Überlegung zu trösten, dass Krankheiten nicht unbedingt schwerer, sondern zuweilen von selber besser werden. Aber der Weg des Alters, glaube ich, führt unerbittlich abwärts und es ist mir unmöglich zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Im kalten Winter, und besonders jetzt, herzliche und warme Grüße an Euch beide. Jochen