NICHT ABGESANDT am 7. Februar 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief. Ihr wisst von Dr. Reinhold Busch, dem sich im Ruhestand befindenden Lungenarzt aus Hagen, der ein Buch über die Rosenthal Familie meiner Großmutter väterlicherseits verfasst hat. Seine Frau Marlene ist Psychologin von Beruf und hat ihn aufmerksam gemacht, in welchem Ausmaß das Verhalten der jüdischen Flüchtlinge Ergebnis einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) gedeutet werden möchte. Außerdem machte Marlene Busch den Vorschlag, nicht nur die Verfolgten sondern gleichfalls die Verfolger möchten Opfer einer solchen Belastungsstörung sein. Im US-amerikanischen spricht man vom entsprechenden PTSD, "Post traumatic stress disorder". Dieser Begriff entwickelte sich infolge des Vietnamkriegs als Widerlegung der Voreingenommenheit, dass abwesend körperliche Schaden, geistig-seelische Verletzung aus geschlossen sei. Damals meinte man zu entdecken, dass lediglich das Bezeugen von Unheil, bar jeglicher körperlichen Berührung, unermessbare Gemütsspuren nach sich zu ziehen vermöchte. Die Art und das Ausmaß des Unheils erforderlich besagte Belastungsstörung en auszulösen müssen unbestimmt bleiben. Es ist vorstellbar, dass sogar das allgemeine tägliche Leben als Untergrenze für ein Belaststungstörungen hervorrufendes Leiden genügen möchte. Dann wären unser aller Leben, und all die menschlichen Beiträge zum Welt geschehen, als Folgen von Post-traumatischen Belastungsstörungen zu deuten. Ich weiß es nicht. Keiner kann es wissen. In meinem letzten Brief erzählte ich von dem Blick auf das eherne Bild giftiger Schlangen mittels dessen, laut dem 4. Buch Mose, der Schauende gegen das tödliche Gift gefeit wird. Nun drängt sich mir der Gedanke auf, dass zwischen Heilmittel und Gift kein u nbedingter Unterschied besteht, und dass unter Umständen der Blick auf das Schmerzliche, statt schützend, selbst gefährlich werden möchte. Es ergibt sich mir in sehr persönlicher Hinsicht die Frage ob nicht möglicherweise das Belastungsstörungen verursachen de Leiden durch den Hinweis auf den Schmerz gesteigert, wenn nicht manchmal sogar überhaupt erst erweckt wird. Wäre das der Fall, so entpuppte ich mich, wie ein mit Covid Infizierter, als Träger der Traurigkeit wie einer ansteckenden Krankheit. Ich weiß, da ss ich Dich mit dieser Warnung verärgere. Aber bin ich nicht dafür verantwortlich, Menschen die in Gefahr sind mich ernst zu nehmen, vor mir zu warnen? Man vermutet, dass Zuversicht von Zuversicht, dass Freude durch Freude, gestiftet wird. So scheint es mir jedenfalls in Bezug auf Weihnachten und auch in Bezug auf andere Festlichkeiten, kaum verkennbar. Erinnert mit mir: "Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische dein Heiligtum." Der öffentliche Unmut, fast bis an die Grenzen des Aufruhrs, welche die von der Pandemie bedingten gesellschaftlichen Einschränkungen ausgelöst haben, weist darauf hin, wie ansteckend die Traurigkeit unter Umständen zu sein vermag. Meinerseits, wenn ich versuche weder zu jubeln noch zu klagen, mich weder an Festen noch an den gängigen öffentlichen Bekundungen des Unmuts zu beteiligen, dann frage ich mich - und Euch - ob ich meine Schuldigkeit, nein nicht als Bürger, sondern letztendlich als Mitglied der menschlichen Gesellschaft versäume. Meine Betrachtungen von meiner eigenen Vergangenheit, die Scherben meiner Erinnerungen, überzeugen mich, dass alles einst Erlebte, einbeschlossen die vom eigenen Denken und Fühlen ausgelösten Phantasmagorien, mir unwiderruflich unerreichbar sind, und dass Geschichte die beansprucht mitzuteilen, "wie es eigentlich gewesen," nur Mythos ist, ein Vexierbild nicht eines zeitlich Entlegenen, sondern einer gegenwärtigen gesellschaftlichen Übereinstimmung betreffs der unerreichbaren Vergangenheit. Wären das vielleicht phantastische Vorstellungen an denen auch ich als Gesellschaftsmitglied verpflichtet bin mich zu beteiligen? Hingegen erweist sich mir die Pflege einer mich von der Vergangenheit, vom Einstigen, befreienden Gesinnung, als eine geistig ersprießliche Aufgabe, wenngleich sie mich an die Grenze des Wahnsinns zu locken scheint. In den Stunden und Tagen wo es mir an Einfällen in mein eigenes Denken mangelt, beschäftige ich mich mit verantwortungslosen, liederlichen Streifzügen in mir akademisch, schulistisch untersagte Wissensgebiete wie etwa mathematische Logik, transfinite Mengen lehre, Astrophysik, Teilchenphysik, Relativitätstheorien, oder Quantenmechanik, Lehrfächer von denen Versuche kundig zu werden mir bisher stets misslungen sind. Der Gedanke, dass jetzt ganz zuletzt, bei seniler Geistesschwäche, unmittelbar vorm Abschluss meines Lebens, solchen Bemühungen auch nur die geringste Erfolgsmöglichkeit anhaften möchte, ist reinster Unfug, der zu nichts taugt als ein wenn auch nur geringes Licht auf den Scheitel von Sinn und Unsinn, also auf das Denken an sich zu werfen. Und wäre nicht eine solche Beleuchtung, wie schwach auch immer, vielleicht der Mühe wert? Einen großen Teil meines langen Lebens habe ich mit Lesen und Schreiben verbracht, und mit dem Versuch zu verstehen was das Verstehen bedeutet. Und wenn ich jetzt zuletzt einer mathematischen Beweisführung begegne die ich nicht nachzuvollziehen vermag, da n stelle ich mir vor, sie sei ein Gedicht dessen Sinn mir nicht einleuchtete, vielleicht aus Vokabeln in einer Sprache die mir nicht geläufig ist, dass es dann aber doch einen Rahmen gibt in dem es sinnvoll wäre, den Versuch zu machen mein Nichtverstehen und dessen Grenzenumstände zu begreifen. Schließlich, am Ende meines intellektuellen Versagens im Taumel meiner intellektuellen Ohnmacht, erkläre ich mir die zeitgenössische Naturwissenschaft als ein Feiern von Widersprüchen. Das Lehren und Lernen dieser Wissenschaften sind gesellschaftlichen Bemühungen sich dieser Widersprüche zu bemächtigen. Wenn ich die mathematische Logik oder Quantenmechanik oder dergleichen zu verstehen versuche, komme ich mir vor als ob ich beanspruchte mich maskenlos an einem geistig-seelischen Maskenball, wie etwa in Arthur Schnitzlers Traumnovelle, zu beteiligen, und mich weigere, vielleicht weil ich überhaupt nicht über sie verfüge, eine gehörige Maske anzulegen; eine Maske, wohlbemerkt, welche indem sie das eigene Gesicht verdeckt auch die TänzerInnen der Wissenschaft von denen ich mich trotz oder wegen ihrer Widersprüchlichkeit zugleich angezogen und abgestoßen fühle, verschleiert. Da erweist sich die einschlägige Frage warum ich mich überhaupt zu den TänzerInnen der Wissenschaft hingezogen fühlen sollte? Ich antworte: weil ich mich von ihnen bedroht fühle, und weil ich zwecks der Verteidigung mich gedrungen fühle, sie mit vorgetäuschter geistiger Gewalt zu bezwingen, oder so zu tun, als ob ich dies vermöchte. Denn jetzt meine ich zu erkennen, dass das ganze öffentliche geistige Leben, zumindesten das akademische, ein Maskenball ist, auf dem ich mich erdreistet habe unmaskiert, unverkleidet, und deshalb vielleicht sogar unbekleidet zu erscheinen. Da hab ich vielleicht guten, oder sollte ich schreiben, schlechten, Grund, mich zu schämen. Die Maskierung des geistigen Lebens, wenn mein Verständnis mich nicht täuscht, hat sein Vorbild, seine Präzedens in entlegenster Vergangenheit. Ich erinnere die Paradoxien des Zeno vom Raum und von der Bewegung. Von Anaximandros wird berichtet, er habe gelehrt: „Anfang und Ende der seienden Dinge ist das Apeiron. Woraus ... den seienden Dingen das Werden, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen nach der Schuldigkeit; denn sie zahlen einander gerechte Strafe und Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Zeit Anordnung.“ Man wiederholt Begriffe wie Apeiron, Ewigkeit, Unendlichkeit, Unteilbarkeit so oft, so oft, so beharrlich, so eindringlich, dass man stumpf gegen ihre Widersprüchlichkeit wird, und dass man sie schließlich als selbstverständlich und verstanden wie unverständliche Bücher halb gelesen auf den Regalen des Gemüts abstellt. Die Schulmänner, die Akademiker, die Berufsphilosophen befestigen ihre Laufbahn indem sie Kniffe und Listen erfinden, mittels derer sie behaupten die scheinbaren Paradoxien des Denkens zu lösen, und dies mit solcher Heftigkeit und Beharrlichkeit, dass sie Furchen in die Gedankenbahnen ihrer selbst und ihrer Schüler kerben, so scharf und tief, dass LehrerInnen und SchülerInnen mit ihren ewigen Wiederholungen darin gefangen bleiben, indess sie sich und ihre Bewunderer überzeugen, dass sie und sie allein die Wahrheit entdeckt haben und wegen ihrer Entdeckungen selig sind. Von Zeit zu Zeit überlege ich, dass es möglich ist den Körper mit gefährlichen Leibesübungen übermäßig zu belasten und somit unheilbar zu verletzen. Dann frage ich mich, ob es vielleicht möglich wäre das Gemüt, den Geist, - um die Seele aus dem Spiel zu lassen ihn vergleichbarer Weise unwiederbringlich zu verletzen. Das jedenfalls war die 407 Jahre lang währende Behauptung der Kirchenbehörden die von 1559 bis 1966 ihren Index librorum prohibitorum führten. Eben weil sie die Schnittstelle von Sprache und Erfahrung darstellt, ist mir die medizinische Diagnostik von ausserordentlichem Interesse. Besonders in Betreff auf das Gemüt, scheint mir die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit eine dünne Linie. Ob eine gegebene Denkungsart sinnvoll oder widersinnig ist, hängt nicht selten von der geistigen Umgebung ab, in welcher sie zum Ausdruck kommt. Die Funktion von wissenschaftlichen, und besonders von mathematischen Anlagen und Veranstaltungen ist eine intellektuelle Umgebung zu stiften, zu fördern und zu erhalten, in welcher anderweitig anstößige Vorstellungen gepflegt zu werden vermögen und gedeihen können.