am 5. Februar 2022 Subjekt: Dein Brief vom 19. Januar Lieber Jochen, es wird allerhöchste Zeit, Dein Brief wartet schon so lange, und ich habe viel darüber nachgedacht, kam aber zu keinen klaren Aussagen. Außer, sofort, zum heftigen Widerspruch gegen Deine den Brief abschließenden Demutsbezeugungen - also wirklich! Die ärgern mich immer wieder kräftig. Fangen wir hinten an, und dann weiß ich nicht, wie weit ich wohl kommen werde. Danke für die Grüße an und von Nathaniel. Danke für das Foto von dem Hund, der zwar seine Rückseite zeigt, aber doch in etwa vorstellbar ist. Er erinnert an einen Labrador. freundliche Tiere. Woher haben sie das Tier? Aus einem Tierheim? Sein starkes Interesse an Deiner Speise könnte daraf hinweisen. Aber Labradore sind, stärker noch als alle Hunde, auf Essen ausgerichtet. Der Szenenausschnitt aus "King Lear" ist einer der Hauptgründe, warum ich mir vor langer Zeit geschworen habe, Lear niemals mehr auf der Bühne anzusehen. Es ist mir unerträglich. An die Geschichte von den feurigen Schlangen erinnere ich mich nicht. Hatten die Menschen ihren Schöpfer wieder einmal bitter enttäuscht? vermutlich. Ungebildet, wie ich leider bin , was Bibelkenntnisse betrifft, weiß ich nicht, ob es im Judentum wie im Islam ein Bilderverbot gibt. Immer noch? Oder nur zur alttestamentlichen Zeit? In der griechischen Mythologie bringt ja das Ansehen der Schlangen auf Medusas Kopf den Tod. Moses hatte also die Begabung, ein künstliches (oder kunstvolles) Gebilde herzustellen, um ein böses Werk seines Schöpfers unschädlich zu machen, und so entstand die Kunst. Eine interessante Idee. Du siehst, lieber Jochen, dass Deine tiefgehenden Überlegungen an mich verschwendet sind, weil ich die Dinge viel zu oberflächlich betrachte. So geht es Dir ja ständig mit mir. Aber wenn meine Bemerkungen Dich zu mehr und intensiveren Überlegungen anregen, sind sie ja doch zu etwas nütze. Was mich wirklich entsetzt und empört, ist einmal, dass Deine Eltern ihre so jungen Kinder für vier Wochen verlassen haben, und dann vor allem die "fromme" jüdische Pflegerin, die sich. offenbar aus religiösen Gründen, nicht in der Lage sah, das klagende Baby so zu behandeln, wie es jeder fühlende Mensch spontan getan hätte, es liebevoll anzufassen, aufzunehmen, zu streicheln, zu liebkosen. Haben wohl Deine Eltern nicht gewusst, dass die Frau solchen Abstand und menschliche Wärme vorenthalten würde? Hätten sie dieses Problem nicht vor ihrer Abreise klären können/müssen und eventuell jemand anders anstellen? Und die Zärtlichkeiten der Großmutter haben nichts bewirkt? Mir ist das Ganze unbegreiflich. Und Dir ist möglicherweise ein Schaden getan, der Dich Dein Leben lang begleitet und es in mancher Hinsicht bestimmt hat. Du hast diese Geschichte schon früher erzählt, und ich habe mich darüber aufgeregt. Es scheint mir ein frühes, intensives Trauma zu sein. Die späteren Ereignisse, die Flucht bzw. Vertreibung, die Ankunft in einer völlig fremden Welt, fügen sich für ein sensibles Kind zu einem sehr düsteren Bild der Welt zusammen. Meine Bemühungen, Weihnachten zu retten, sind der Versuch, ein sehr geliebtes, von Geheimnissen, Wundern und Vorfreude begleitetes Fest auch außerhalb des christlichen Glaubens bestehen zu lassen. Das Weihnachtsfest war für mich und meine Schwester der Höhepunkt des Jahres, alles Mögliche, Herzerwärmende konnte geschehen, Märchenhaftes. Ein wenig von diesem etwas zauberischen Glanze hat der Gedanke daran und die Zeit vor, und Weihnachten selbst für mich auch heute noch, begleitet von der Gewissheit des endgültig Verlorenen. Bevor ich in allerlei gedanken und Gefühle absinke, die mir zu schwierig und auch zu eigen sind, um mitgeteilt zu werden, hier noch schnell ein paar banale Mitteilungen aus unserem täglichen Leben. Wir versuchen nach Möglichkeit jeden Tag eine Stunde (mindestens) so zügig wie möglich zu gehen; der Arzt, der ihn am 30 Juni an seinem gebrochenen Oberschenkel operiert und eine sehr düstere prognose gestellt hat, würde sich sehr wundern. Dazu versuchen wir schon seit längerem, "letzte Dinge" zu regeln, hatten einen Bestatter hier, verfassen zum mindestens dritten Mal ein Testament und versuchen, mit geringem Erfolg, einige Dinge aus dem Haus zu schaffen, etwa alte Videokassetten, Bücher, Kleidungsstücke - alles schwierig, weil wir an allem hängen, uns noch über so vieles Aufgehobene freuen, Entdeckungen machen, die uns erfreuen. Manche Absage bereuen wir hinterher und werden dann noch vorsichtiger. Ich telefoniere viel, schreibe kleine Briefe, brauche liebe alte Ansichtskarten auf, die ich bisher sorgfältig gehegt habe, und so üben wir uns schon ein Bisschen in Abschieden. Aber so richtig echt ist es ja nicht. bekannte, die wir mehrmals getroffen haben, laden wir zum Kaffee und Kuchen ein. Vorsichtig entstehen die ersten Pläne für Garten und vielleicht Reisen. Wir wollen dringend mal wieder nach Frankreich fahren, einmal überhaupt, dann, um unsere Freunde wiederzusehen, und besonders um meinen Vetter Bernd zu besuchen, dem es schon lange gesundheitlich sehr schlecht geht. Aber es ist leider sehr weit, jedenfalls nach mitteleuropäischen Maßstäben und wenn man alles mit eigenem Auto bewältigen will. So, lieber Jochen, Schluss für heute. Möge Dir noch genügend Beweglichkeit bleiben! Liebe Grüße, Deine Gertraud und Bernd. P.S. die Großbuchstabentaste ist äußerst träge, ich mag sie nicht so hauen, wie sie es wohl nötig hat.