"Das was geschieht hat solchen Vorsprung vor unserm Meinen, dass wir's nie einholn, und nie erfahren, wie es wirklich aussah." In diesem Rilkezitat, als Widerspruch und Widerlegung des Anspruchs Leopold von Rankes und seiner Historikernachfolger zu berichten: "wie es eigentlich gewesen", entdecke ich die Zusammenfassung der Philosophie Rilkes - und vielleicht der Philosophie überhaupt. Denn der (akademische) Anspruch das Meinen vom Katheder zu verkündigen, lähmt meine Ahnung zu erfahren "wie es wirklich aussah." Somit ist die Grenze aller akademischen Philosophie bestätigt: ein Hinweis dass alle akademische Philosophie unvermeidlich scholastisch ist, eben darum weil ihr Sinn der doch ursprünglich dem Erleben des Einzelnen entsprudeln muss, durch die Notwendigkeit eines gemeinsamen Verstehens gemeinschaftlich und somit adulteriert, verfälscht, verpanscht, verdorben, verwässert wird. Es sei denn, wie einst die Schulmänner, die modernen Akademiker behaupten, dass die lehrbare, die gelehrte, die Schulphilosophxoie die einzig gültige, die allein seligmachende sein soll. Die Philosophie ist aber das Vorbild, und besonders in dieser Beziehung, von allem Denken, von allem Wissen, von allen geheimnisdräuenden Wissenschaften, besonders von deren Königin, der Mathematik. Denn was gilt, was gültig, was verständlich ist, das ergibt sich (vornehmlich) aus seiner Mitteilbarkeit; und diese Mitteilbarkeit ist Funktion nicht nur der Strucktur, des Inhalts, des Wesens des Gewussten, sondern auch der Fähigkeiten der Beteiligten etwas Ausgedrücktes einerseits zu verstehen und andererseits wiederum auszudrücken (Anderen zu erklären). Diese (cognitiven, wissensbezogenen) Unterbrechungen, (Diskrepanzen, Diskontinuitäten, Fehlstellen, Unstetigkeiten,) im Wissen und dessen Verbreitung sind die unentbehrlichen (indispensiblen) Bestandteile meiner eigensten docta ignorantia. Docta ignorantia ist der Schlüsselbegriff meiner Erkenntnislehre, nein, meines Erkentnisverständnisses.