ENTWURF - NICHT ABGESANDT am 30 Januar 2022 Lieber Reinhold, Herzlichen Dank für Deinen Brief mit der Nachricht, dass Ihr beide, Du und Deine Frau, gesund seid. Ich wünsche Euch erfreuliche und zwischenfallslose Ferien in Jordanien. In den sieben Monaten die seit dem 27. Juni 2021, dem Datum unseres letzten Briefwechsels, verstrichen sind, habe ich oft an Dich gedacht, angeregt im Juli durch die Berichte von den Überflutungen in Hagen, dann durch meine Korrespondenz mit Donald Strauss dem viel an der Übersetzung Deine Buches zu liegen scheint, und immer wieder durch mein flackerndes Bewusstsein Deiner liebevollen Bewunderung der Rosenthal Familie. Vor allem aber denke ich an Dich im Rahmen einer mit fortschreitendem Alter zunehmende Bezauberung von den Rätseln der Vergesellschaftung, der quasi-magnetischen Kräfte die uns Menschen zu einander hinziehen, uns dann aber, wie die Gezeiten des Seelenmeeres, von einander abstoßen. Von meiner Gesundheit, oder deren Abwesenheit, ist zu berichten, dass es mir nicht gelingen will den Widerspruch zu lösen einerseits zwischen der Entschlossenheit niemals zu klagen, andererseits aber dem Bedürfnis einen wahrheitsgetreuen Bericht über den unvermeidbaren Absturz ins zunehmend tiefe Alter zu liefern. Das Gehen, das mir seit mehreren Jahren nur noch am Gehbock gelingt, wird zunehmend beschwerlicher. Aus Besorgnis nicht zu fallen, wage ich mich seit zwei - oder sind es schon drei - Wochen nicht mehr auf die Treppe, denn wenn ich auch nichts weiteres als ein Handgelenk verletzte, würde ich bettlägrig, weil ich beim Gehen beider Hände bedarf um mich auf Stöcke oder den Bock zu stützen. Mag sein, dass ich zu ängstlich bin. Vor etwa sieben Wochen sind mein Enkel Nathaniel, der Dir ausführlich von sich berichtet hat, mit seiner Gefährtin Sabine, einer liebenswürdigen jungen Frau, in mein geräumiges leeres Haus zu mir gezogen. Sabine ist eine einfallsreiche Köchin, und Nathaniel bringt mir das von ihr gekochte Essen täglich um 11 Uhr morgens und um 7 Uhr abends in das Zimmer im zweiten Stock wo ich wohne, so dass nunmehr keine Notwendigkeit besteht mich aufs Geländer mit dem rechten Arm und auf den Stock mit dem linken Arm gestützt, eine Stufe nach der anderen die Treppe hinab zu wagen, um dann nur wenige Minuten später, rückwegs den mühsamen Aufstieg anzustellen. Meine Tage verbringe ich am Bildschirm und an der Tastatur meines unendlich geduldigen Rechners der mir kein Geschwafel verübelt, wie schlampig oder liederlich es auch sein mag. Grundsätzlich erzähle ich ihm was mir jeweils einfällt, ohne zu überlegen ob es Sinn oder Unsinn ist. Er hat ein fabelhaftes Gedächtnis, ist unendlich duldsam, und ist bereit jedem der 4,66 Milliarden Internet Zugeschalteten der neugierig wäre, der http://24.61.87.5 wählte, und der zu lesen vermöchte, sämtliche Geheimnisse meines Lebens auszuschütten. Und doch hat sich auch im Laufe mehrerer Jahre kein solcher gefunden, nicht einmal jener unbenannte einzelne Leser, (hiin enkelte) von dem Søren Kierkegaard phantasierte. In diesem Zusammenhang bedenke ich Goethes Betrachtungen über öffentliche Geheimnisse: Epirrhema Müsset im Naturbetrachten Immer eins wie alles achten; Nichts ist drinnen, nichts ist draußen: Denn was innen, das ist außen. So ergreifet ohne Säumnis Heilig öffentlich Geheimnis. Freuet euch des wahren Scheins, Euch des ernsten Spieles: Kein Lebendiges ist ein Eins, Immer ist's ein Vieles. Diese Goetheworte dienen mir als Brücke zu dem eigentlichen Thema dieses Briefes, die unterbrochene Übersetzung Deines Buches: "Verstreut über alle fünf Kontinente, das Schicksal der jüdischen Familie Rosenthal aus dem Ruhrgebiet". Die bündige Antwort ist: Ich bin bereit zu versuchen die Übersetzung fortzuführen, so gut ich es vermag. An den fünf letzten Worten, "so gut ich es vermag" hängt der Haken. Mein Verständnis der deutschen Sprache, und meine Fähigkeit mich in der englischen auszudrücken, mag vorausgesetzt sein. Aber bedenklich ist in wie weit das über mich einstürzende Alter meine Übersetzungsbemühungen beeinträchtigen möchte. Mein Gedächtnis lässt merklich nach. Vermag mich des Öfteren von Augenblich zu Augenblick nicht mehr zu besinnen, zum Beispiel, ob ich soeben den Wasserhahn abgedreht, oder das Badezimmerlicht abgeschaltet habe, oder nachdem ich die Tür des Nebenzimmers hinter mir geschlossen habe, weshalb ich mich überhaupt hierher begeben habe. Diese Gedächtnisschwäche wird beim Übersetzten von der Rechnertechnik wesentlich aufgewogen, denn der gesamte Text den ich jeweils bearbeite steht mir mit wenigen Schlägen in die Tastatur vor Augen. Jedoch welch unvorausehbare Irrtümer meine Vergesslichkeit in meine Übertragung einschleusen möchte, wäre nur im Rückblick erkennbar. Verschiedenes spricht dennoch zum Versuch meine Übertragung fortzuführen. Erstens betrachte ich alles Übersetzen als geisteswissenschaftliches Experiment mit dem Ziel die Geheimnisse der Sprache zu erschließen. Im ouvertürenartigen ersten Kapitel meines Romans "Döhring" bespreche ich folgende These: "Die Vielzahl der verhandenen Bücher, ließe sich, wenn überhaupt, nur in einem einzigen Erlebnis, nämlich in dem Erlebnis des Lesens selbst, einbegreifen. Im Grunde lassen sich die vielen Bücher nur im Glanze des Lesens einer einzigen Schrift deuten. Dementsprechend zieht sich der Blick des Geistes von der Unzahl der Bücher die ihn umgeben auf ein einziges Buch zurück. Der begriffliche Rahmen für diese Entdeckung ist auch geschichtlich vorbereitet, denn es gibt ja eine Schrift welche in der Ursprache eine Bezeichnung trägt die darauf hindeutet, dass alle Bücher im Grunde ein und dieselbe Eigenschaft besitzen, welche in der Bibel ihren deutlichsten Ausdruck findet." "Begrifflich formell," ... "findet diese Umkehr von den vielen Büchern zu dem einen Buch ihren Ausdruck in der These, dass die Bibel nicht nur in theologischem sondern auch in hermeneutischem Sinne als das Urbuch, als das Buch aller Bücher, gedeutet werden müsse. Das Buch also in dem ungezählte Menschengeschlechter die Weisung Gottes zur Seligkeit erkannt haben, wird jetzt für uns ausgerechnet das Buch an welchem vornehmlich die Kunst des Lesens, des Verstehens und des Deutens klar gelegt werden kann." "In theologischer Hinsicht hat die Bibel ja schon immer als ein Buch ohne seinesgleichen gegolten, als die Schrift Gottes, getrennt von den Schriften der Menschen durch einen qualitativen absoluten Unterschied. Nun scheint es mir," ... "dass die Bibel in hermeneutischem Sinne einen vergleichbaren Vorang als das Muster aller Bücher hat. Die Bibel ist das Buch vor allen anderen, welches durch den Glauben, und nur durch den Glauben, verständlich wird. Schaltete man beim Lesen der Bibel den Glauben vorsätzlich aus, so bliebe nichts als ein literarisch recht armseliges Gefüge von kaum glaubwürdigen Geschichten und Märchen, dem Verstande ein Ärgernis, geschweige denn, dass es dem Geiste den Leitfaden zur Erlösung bieten könnte." "Die unüberlegte Meinung würde es wahr haben, dass auch in diesem hermeneutischen Sinne, zwischen der Heiligen Schrift und anderen Schriften ein qualitativ absoluter Unterschied besteht, dass die Bibel zwar gläubig gelesen werden muss, andere Bücher jedoch ungläubig gelesen werden können. Wenn wir aber die Glaubensgebundenheit des Bibelverständnisses näher und tiefer bedenken, und diese mit dem vermeintlich glaubensfreien Verständnis weltlichen Schrifttums vergleichen, so fällt uns auf, dass unser Begreifen von weltlichen Büchern, alle Voreingenommenheiten ungeachtet, durchaus nicht im Raum des Unglaubens stattfindet." "Vorerst entdecken wir bei uns, wann immer wir lesen, den Glauben, dass das Geschriebene Sinn hat. Das Geschriebene, so glauben wir, bedeutet etwas außer ihm. Es war des Schriftstellers Pflicht, dieser Bedeutung Ausdruck zu geben. Es wird des Lesers Pflicht sie aufzufinden. Der Glaube an eine gemeinsame, den Schreibenden mit dem Lesenden verbindende Bedeutung ist zugleich ein Glaube an eine Wirklichkeit welche sie beide umfasst. Nun ist es aber offensichtlich, dass der Schriftsteller sich des Sinnes seiner Schrift durchaus nicht im Voraus im Klaren ist. Denn seine Schrift wie seine Sprache entfließen einem Unterbewusstsein, das erst im Augenblick des Ausdrucks offenbar zu werden beginnt. Der Sinn des Gesprochenen, das weiß jeder aus eigener Erfahrung, wird erst erkennbar, indem es gesprochen ist. Der Sinn des Geschriebenen wird gleichfalls erst erkennbar, wenn es geschrieben ist. Dass Sinn erkennbar wird, heißt jedoch noch nicht, dass Sinn erkannt wird. Den Sinn begreifen der Hörer und der Leser jeweils nur zum Teil. Aber auch der welcher spricht und der welcher schreibt, der Sprecher also und der Schreiber, begreifen den Sinn dessen was sie gesprochen oder geschrieben haben immer teilweise. Insofern aber als das Wort über sich selbst hinausdeutet, nicht nur über das Verstehen des Empfängers, sondern auch über das Verstehen des Wortgebenden, deutet das Wort auf eine sonst unerreichbare Wirklichkeit die beide umschließt; und in diesem Sinne, ist das Wort, ist jedes Wort, heilig. Es mag sein, dass der Evangelist auf diese Wirklichkeit, jenseits und letzthin unerreichbar von allen sprechenden und hörenden, schreibenden und lesenden Menschen, aufmerksam machen wollte, als er schrieb: 'das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.'" "Aus diesen Erwägungen, geht hervor dass alles Geschriebene etwas Biblisches an sich hat, insofern es auf Wahrheit und Wirklichkeit hinausdeutet die nicht nur jenseits des Wortes selbst, sondern auch jenseits des Wortgebenden und Wortnehmenden sind. Diese Einsicht würde an der Art des Schreibens weniger ändern, als an der Art des Lesens, denn paradoxerweise ist der Schreibende, ungeachtet all seiner Geschäftigkeit, der passive Vermittler eines Wirklichen in dessen Dienst er schreibt, während der Lesende, ungeachtet seiner scheinbaren Passivität, die Aufgabe hat, mittels der ihm gebotenen Schrift, einen Teil jenes Wirklichen zu begreifen, worauf sie deutet. So finde ich, dass alles ernste Schreiben ein Dienst am Heiligtum ist, und alles ernste Lesen dessen Offenbarung." "Indem ich mich diesen Gedanken hingab, fiel es mir auf, wiederum paradoxerweise, dass der Begriff des Glaubens dessen wir uns bedienen, mit dem der Skepsis durchaus übereinstimmt. Denn der Glaube um den es sich handelt ist Glaube nicht an Worte oder Begriffe oder an andere sichtbare oder unsichtbare Dinge. Der Glaube ist ein Suchen nach Wirklichkeit jenseits der sich uns aufdrängenden Welt, und somit ist der Glaube an erster Stelle Skepsis und Zweifel am gegebenen Wort. Es handelt sich nicht um einen mystischen Glauben der die Augen schließt und die Welt nur im Inneren erkennt. Im Gegenteil, der Glaube ist blickend, suchend, und sperrt im Suchen die Augen auf. Es ist ein skeptischer Glaube, und für ihn sind alle Bücher nur ein Buch, das Buch, der Weiser zum Wirklichen. So bin ich zu dem Beschluss gekommen, dass das Lesen und das Verständnis aller Bücher schließlich als Abwandlung des Bibellesens erklärt werden kann, vielleicht sogar erklärt werden muss. Welches das Buch das gelesen wird auch immer sei, insofern das Lesen mehr als ein nichtssagendes Wiederholen des schon Bekannten wäre, muss es ein geistig-seelischer Vorgang sein, vergleichbar mit dem Lesen der Bibel." "Menschlich im eigentlichen Sinne ist nur das gesprochene Wort. Lesen ist also das Vernehmen des übermenschlichen Wortes. Es gibt eine selbstverständliche, vernunftgemäße Erklärung wie Geschriebenes zustande kommt. Wir stellen uns vor, dass irgendwo jemand saß und schrieb, und wir gedenken seine Mitteilung nicht anders als sein gesprochenes Wort aufzufassen. Das gesprochene Wort, jedoch, ist unmittelbar; es wird von den Gesten, vom Tonfall, vom Gesichtsausdruck des Sprechenden begleitet und erläutert. Bleibt die erwartete Reaktion des Hörenden aus, so wird das Gesprochene wiederholt, eventuell in veränderter Weise. Allenfalls geht der Sinn des gesprochenen Wortes im Zusammensein des Sprechers und des Hörers auf. Das gesprochene Wort ist ein Band zwischen dem Aussprechenden und dem Angesprochenen, ein Band das in dem Einverständnis der beiden aufgeht und erlischt. Das geschriebene Wort hingegen, mag es auch seinen Ursprung im möglichen Ansprechen eines Hörenden haben, wird durch die Dauerhaftigkeit der Schrift ein grundsätzlich anderes. Es ist unvermeidlich, dass im Laufe der Zeit dem Geschriebenen eine vom Autor unabhängige Existenz zukommt, so dass es dem der es schrieb, fremd und abgetrennt gegenüber steht, in einer Weise, wie das gesprochene Wort sich vom Sprechenden nie entfernen könnte. Das geschriebene Wort präsentiert sich dem Leser als unabhängig bestehende, unvergängliche geistige Substanz. Als solche vermag das Wort ihm als göttlich zu erscheinen. Wenngleich es überschwänglich wäre zu behaupten, dass alles Geschriebene den Schimmer des Göttlichen trägt, so ist es nicht zu leugnen, dass allem Geschriebenen ein Schatten des Dämonischen anhaftet. Aber so sehr sind wir ans Schrifttum gewöhnt, dass wir das Magische, das Unheimliche, das allem Geschriebenen anhängt, nur noch mit Mühe erkennen." "Weil das Unheimliche das an allem Geschriebenen haftet uns entgeht, stehen wir dem Geschriebenen, welches uns unverstanden bleibt, ratlos gegenüber. Es gibt eine Perspektive aus welcher alles Geschriebene unverstanden bleibt. Aus dieser Sicht bedeutet unsere Behauptung eine Schrift 'verstanden' zu haben, unser Unverständnis und unseren Unverstand. Es gibt nämlich einen Sinn in dem ein Geschriebenes nie ausführlich und erschöpfend verstanden wird. Dass dies der Fall ist, geht daraus hervor, dass es für einen zweiten und dritten Leser jeweils eine zweite oder dritte Bedeutung haben muss, lediglich weil drei Leser drei verschiedene Menschen sind, und weil die Bedeutung welche das Geschriebene für jeden Einzelnen hat, schließlich doch nicht von seinem individuellen Erleben getrennt werden kann. Von mir als Einzelnem bleibt dies Geschriebene heute unverstanden nicht weil es mir heute sinnlos erscheint, sondern weil es mir morgen oder übermorgen einen anderen Sinn darbieten wird. Auch bleibt das Geschriebene dem Einzelnen im Rahmen der Gesellschaft unverstanden, insofern es für jeden anderen Menschen eine etwas unterschiedliche Bedeutung hat. Der Sinn des Gelesenen kann weder bei einem einzigen Durchlesen noch bei vielmaligem Durchlesen erschöpft werden. Durch diese seine Unerschöpfbarkeit gewinnt das Geschriebene eine Bedeutung und eine Macht welche weit über das Vermögen des Schreibenden hinaus gehen. Das Geschriebene bedeutet stets weit mehr als der Schreibende vermochte, und darum betrachten wir es als unheimlich oder als heilig." "Wenn wir das Lesen in der Bibel nun als Urtyp alles Lesens bezeichnen, so hat dies Sinn, weil wir von vorn herein die Unverständlichkeit der Bibel als Wort Gottes eingestehen. Genaugenommen wäre es nichts weniger als Gotteslästerung zu behaupten, dass wir die Bibel verstünden, denn die Bibel zu verstehen, die Bibel zu begreifen, hieße Gott zu begreifen, dessen Wesen doch gerade darin besteht, dass er unbegreiflich ist. Wir lesen also die Bibel in Angesicht unser zugegebenen Machtlosigkeit, das Wort das sie verkündet, erschöpfend zu begreifen. Tatsächlich aber sind andere Bücher welche wir lesen, uns unverständlich in ähnlicher Weise wie die Bibel." "Verständnis ist jeweils immer nur relativ, verhältnismäßig. Absolutes, unbedingtes Verständnis entgeht uns. Das Lesen, sei es nun der Bibel oder irgend eines anderen Textes, erfordert, dass wir dem Unverstandenen tapfer und zuversichtlich begegnen. Im Falle der Bibel, so leiden wir, dass das Unverstandene über uns siegt. Im Falle weltlicher Bücher, bewirkt diese Begegnung dass der Einzelne über das Unverstandene siegt. Besser gesagt, insofern das Unverstandene über uns siegt, lesen wir Bibel; insofern wir aber wähnen über das Unverstandene gesiegt zu haben, ist das Buch in dem wir lesen ein weltliches." "Die Heiligkeit der Schrift ist ein Spiegelbild der Frömmigkeit des Lesers. Glaubenslos gelesen ist die Bibel ein lächerliches Buch. Erst der Glaube des Lesers verwandelt sie in ein sinnvolles, in ein heiliges. Ebenso ist es der Glaube der anderen Schriften Bedeutung und Sinn gibt. Man bedenke mit wieviel Hingabe und Pietät wir zum Beispiel die Schriften der Vorsokratiker studieren, obgleich ihr Sinn, bei der Zerstückelung des Textes so dunkel ist, dass wir ihn kaum mehr als raten können. Und wie zahlreich sind nicht die Gedichte deren Sinn so undeutlich ist, dass wir ihn kaum zu begreifen vermögen. Und gerade dafür, dass wir sie kaum verstehen, für ihre Undeutlichkeit, werten wir sie. Wäre ihre Bedeutung jenseits allen Zweifels, hätten sie keinen dichterischen Wert und wären nichts als Mathematik." Lieber Reinhold, bitte entschuldige meine ungebührlich weitläufiges Zitieren meiner Gedanken über die heilige Unergründlichkeit der Schrift. Doch wäre es nicht eine Art Betrug von mir, wenn ich Dich im Glauben beließe, ich vermöchte Dein Buch Wort für Wort im Stil mathematischer Logik, leidenschaftslos und im Geiste (oder Ungeiste) von Moritz Schlick, Gottlieb Frege, Bertrand Russell, Georg Cantor aus dem Deutschen ins Englische zu übertragen? Der Titel Deines Buches enthält das verhängnisvolle Wort Schicksal, und ich bin bereit den Versuch zu machen, die Lebensgeschichten meiner Rosenthalfamiliemitgliedern als ihrer Schicksal, als unser aller Schicksal, zu verstehen und zu übersetzen. Inwieweit mir dies gelingen möchte weiß ich nicht. In den jüngst vergangenen Monaten, wenn nicht gar Jahren, habe ich mich zunehmend gewöhnt philosophische, mathematische, physikalische, chemische, biologische Lehren die sich meinen Verstehensbemühungen anderweitig sperrten, mir als Fremdsprachen zu erklären deren Grundlagen weder in meiner Kindheit noch in meiner Jugend in mein Gemüt geprägt wurden, so dass ich ihnen nun hilflos, unwissend gegenüberstehen muss. Und doch nicht völlig, denn ich sehe ein, dass auch das mir geläufige Wissen Lücken hat. Ich höre je besser ich sie kenne, wie veränderlich, wie flüssig alle Sprachen sind. Ich vermute dass keiner von uns die Sprachen denen er sich bedient, unbedingt beherrscht, nein, dass sie wegen ihrer Veränderlichkeiten, Vergänglichkeiten und Neuentstehungen letztlich unbeherrschbar sind. So auch die Wissenschaften. Ich glaube dass der Maßstab der Gültigkeit jeder Wissenschaft, wie jeder Sprache, in keiner wörtlichen oder anderwitig formellen symbolischen, wortlichen Wahrheit zu finden ist, sondern in ihren praktischen Folgen, in der Wirksamkeit der Mitteilungen unter den Menschen welche die Sprachen, beziehungsweise Wissenschaften ermöglichen. Ich ahne dass die Logik von den Logikern, die Mathematik von den Mathematikern, die Teilchenphysik von den Teilchenphysikern, der Astrophysik von den Astrophysikern, der Quantenphysik von den Quantenphysikern, u.s.w. in vergleichbar beschränkem Maße "verstanden" werden, und dass "die Königin der Wissenschaften" nicht wie etwa Gauß meinte, die Mathematik ist, sondern eine "docta ignorantia" ein gelehrtes Nichtwissen, vergleichbar mit jenem das von Nikolaus von Kues 1440 vorgeschlagen wurde. Ich erwähne diese Umstände um zu erklären wieso ich meine die Bezogenheit auf die Gesellschaft welche den Stoff und die Zusammenstellung Deines Buches prägt, in ähnlicher Weise seine Übertragung ins Englische begleiten müsste.