am 18. Januar 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Heute Mittag lag Eure Postkate in einem Umschlag mit verschiedenen Zeitungsausschnitten im Briefkasten. Habt vielen Dank. Ich habe die Zeitungsstücke sämtlich gelesen. Sie interessieren mich besonders weil sie auf Themen weisen die Euch beschäftigen und die demgemäß in den Rahmen unserer Korrespondenz gehören. Dank auch für Euern e-mail Brief, und besonders danke ich Euch dafür dass Ihr meine Griesgrämigkeiten dennoch einer Antwort würdigt. Eure Feststellung, Ihr hättet diesen Brief "mit Interesse gelesen, auch mit Verwunderung, weil wir in Deiner Wiedergabe vieles vieles von unseren Überlegungen nicht wiederfanden," erkläre ich mit der Tatsache, dass ich vorsätzlich versuche Euch nie zu widersprechen, dass ich scheinbare Gefühlsverschiedenheiten zwischen uns als Unverständnis meinerseits auslege, und statt mit Kritik an Euch, mit der Untersuchung meiner eigenen Gefühle und Gedanken begegne, wie zum Beispiel in der Betrachtung von "A Christmas Carol". Ihr fragt: "Was meinst Du denn damit, dass unsere Kommentare 'in ihrer Eindeutigkeit auf einen einzigen Brennpunkt zielen', und wie kannst Du denn ein "fehlerhaftes Erleben" haben - ". Als den "einzigen Brennpunkt" auf den mir Eure Kommentare in ihrer Eindeutigkeit zu zielen scheinen, bezeichnete ich die liebevolle Geselligkeit mit denen Ihr das Leben feiert. Mit Eueren eigenen Worten: "Aber zuallermeist ist der Mensch ein soziales Wesen und braucht den Umgang und die freundliche Nähe zu anderen," ist alles gesagt. Mein "fehlerhaftes Erleben" kommt zum Ausdruck darin, dass ich "den Umgang und die freundliche Nähe zu anderen" als unbefriedigend und ungenügend empfinde, nicht weil ich mich nicht nach einer Beziehung zu anderen sehne, sondern weil fast alle Beziehungen die es mir anzuknüpfen gelingt, mich als zu oberflächlich enttäuschen. Meine geistigen Bemühungen wie etwa um Jesaja, oder um Rilke, verstehe ich als verzweifelte und vielleicht hoffnungslose Versuche in einen tieferen Bereich mehr gültigen Lebens zu dringen. Als Margaret und ich uns kennen lernten, fragte meine künftige Schwiegermutter: "John, why are you always tearing up the floorboards?" (Zwecks der Förderung meiner Vergesellschaftung hatten die Lehrer an Germantown Friends School mir meinen hier unaussprechbaren Namen entzogen und ihn mit "John" ersetzt. Erst elf Monate nach dem wir uns begegnet waren, hat Margaret mich, nach vielen Schriften an "John" gerichtet, in einem Brief mit meinen eigentlichen Namen begrüßt.) Mein "fehlerhaftes Erleben" war schon als Fünf- oder Sechsjähriger zum Vorschein gekommen, bei Gelegenheit von Kindergeburtstagsfeiern die mich mit ihren gekünstelten Spielen enttäuschten und verdrossen. Meine Mutter erzählte mit Vorliebe Geschichten die zum Drama neigten. Als Bankbeamtin hatten Mitarbeiter ihr geraten: "Fräulein, sie sollten ans Theater gehn." Eine ihrer mir unvergesslichen Geschichten betraf einen Monat im Sommer 1931, als meine Mutter meinen Vater zu einer gemeinsamen Autofahrt in ihr geliebtes Deutschland überredet hatte. Meine 3 jährige Schwester und mich Einjährigen ließen sie in der Obhubt meiner Großmutter väterlicherseits, Elfriede née Rosenthal. Dann fuhren meine Eltern in ihrem neuen hellroten Ford Phaeton, nach meiner Mutter Bericht für einige Wochen das prächtigste Automobil in Braunschweig, nach Naumburg und Würzburg, das Taubertal hinan nach Rothenburg dann nach Dinkelsbühl, Speyer, Worms und Mainz, von dort über den Main nach Assmanshausen am Rhein wo sie im Hotel Krone wohnten, und schließlich, nach einem verstrichenen Monat, zurück nach Braunschweig. Als meine Eltern zurückkehrend durch die Tür traten, sagte meine Großmutter, laut meiner Mutter Zitat, "Marga, Ich bin ja so froh, dass ihr endlich zurück seid. Ich kann es nicht mehr ertragen. Das Mädchen war ein Engel und hat mir keine Schwierigkeiten gemacht, aber der Junge hat ununterbrochen geweint, hat Tag und Nacht geschrieen. Ich bin völlig erschöpft. Ich kann nicht mehr." Liebe Gertraud und lieber Bernd, erst nach etwa siebzig Jahren, während auch ich mir diese Fabel nur als Kuriosität angehört hatte, erwachte mein ärztlicher Verstand und fragte, warum sollte ein kleines Kind das weder krank noch hungrig noch kalt ist, eine Verzweiflung bekundet haben, die es Tag und Nacht zu schreien bewog, anders als weil seine Pflegerin, die fromme Jüdin, es nicht über sich bringen konnte den schreienden unbeschnittenen kleinen Goi in ihre Arme aufzunehmen, ihn zu herzen und zu kosen. Ich bin überzeugt, sie wusste was geschah, sie war sich ihrer Untätigkeit bewusst, sonst hätte sie gemeint mich zum Kinderarzt nehmen zu sollen. Aber ich mache ihr keine Vorwürfe, wie könnte ich das? Bin es nicht ich, der ihr Dankbarkeit schuldet, der sie die Grundlage gelegt hat mich zu dem Menschen zu machen, der ich geworden bin? Von meinem ersten bis zu meinem fünfzehnten Jahr war ich von Trennungsangst gelähmt. Die Abwesenheit meiner Eltern war mir unerträglich. Als man mich im Sommer 1936 in ein Kinderferienheim auf Juist sandte, trieb ich mit meinem beständingen Weinen das Pflegepersonal zu gedämpfter Verzweiflung. Als man mich im April 1939, weil meine Eltern mittellos waren, bei der Flanders Familie erst in Chappaqua, dann in Canaan im Staate New York unterbrachte, war ich sechs monatelang untröstlich. http://73.253.255.20/div00/aw/With_the_Flanders Als wir im Oktober 1939, in Konnarock ankamen, versah mich, um meinem trübseligen Ausdruck abzuhelfen, der Leiter der Mission, ein Mann namens Frederick W. Kirsch, mit dem Spitznamen, "Happy Meyer". Als man mich im September 1942, nach Philadelphia sandte um in Germantown Friends School zur Schule zu gehen, kehrte ich nach vier Monaten aus Heimweh zu meinen Eltern nach Konnarock zurück. Erst 1945 gelang es mir von Hause fern zu bleiben. In Germantown Friends School, unterbrach die Musikleherin unsere Chorproben um mich wegen meines traurigen Gesichtsausdrucks zurecht zu weisen. Die Rüge vom "fehlerhaftem Erleben" hab ich mir also, denke ich, ehrlich verdient. Im Mai des folgenden Jahres traf ich Margaret. Wenn ich heute einem Psychiater die Gelegenheit zu einer Diagnose gäbe, indem ich ihm meine Lebensgeschichte erzählte, ist es möglich wenn nicht wahrscheinlich dass er wegen meines Geselligkeitsversagens meine Gemütsverfassung in die Reihe der Autismus Spektrum Störungen einstufen würde. Liebe Gertraud, lieber Bernd, wenn Ihr in der Sonntagsschule aufgepasst hättet, wäre Euch aus den Versen 6 bis 9, im 21. Kapitel des 4. Buch Mose, die Geschichte von der Prophylaxe giftiger Schlangenbisse bekannt. 6 Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, daß viel Volks in Israel starb. 7 Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, daß wir wider dich geredet haben; bitte den HERRN, daß er die Schlangen von uns nehme. Mose bat für das Volk. 8 Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie zum Zeichen auf; wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. 9 Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie auf zum Zeichen; und wenn jemanden eine Schlange biß, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben. Wahrscheinlich wiederhole ich mich, wenn ich Euch berichte, dass ich seit Jahren dies Gebot die tödlichen Verwundungen des Lebenslaufs mit dem Betrachten von Abbildern der verursachenden giftigen Schlangen zu verwinden, wohlbemerkt die unmissverständliche Widerrufung des Bilderverbots, als die Einrichtung der Kunst gedeutet habe. Meinem Verständnis gemäß dient die Kunst, einbeschlossen der Literatur, als Mittel dem Menschen das Überleben, allenfalls das seelische, überhaupt erst zu ermöglichen. Deswegen gilt von jeher die Tragödie, die Darstellung der äußersten Gefahren des Lebens, als die höchste literarische Gattung. Diese Bedeutung der Tragödie spiegelt sich in den Worten Edgars in King Lear: Old Man. How now? Who's there? Edgar. [aside] O gods! Who is't can say 'I am at the worst'? I am worse than e'er I was. Old Man. 'Tis poor mad Tom. Edgar. [aside] And worse I may be yet. The worst is not So long as we can say 'This is the worst.' King Lear, Act IV, Scene 1 Wieder einmal hab ich zu eindringlich und zu viel geschrieben. Bitte verzeiht mir. Nathaniel habe ich Eure Grüße bestellt. Er bittet mich sie zu erwidern. Sein Hund, dessen Bild ich beifüge, ist von unbestimmter Herkunft. Sie nennen ihn Joe. Da Joe aber der Name meines Großvaters väterlicherseits war, rufe ich den Hund mit "Doggie". Er lässt sich ungern streicheln, ist aber sehr an allem was ich esse interessiert, kommt und bettelt mich ihm etwas abzugeben. Das zweite beigefügte Bild ist Darstellung eines Engels, genauer einer Engelin, einer geflügelten Frau die sich über einen gefallenen Soldaten beugt, vielleicht um, wie es die Legenden wollen, seine Seele in den Himmel zu geleiten. Es ist ein vom Kaiser Wilhelm II unterzeichnetes Gedenkblatt an meinen Namensonkel Ernst Joachim Meyer, den ältesten Bruder meines Vaters, der am 6. November 1914, in den ersten Wochen des Ersten Weltkriegs auf der Lorettohöhe bei Souchez in der Normandie den Tod fand. Das Dokument wurde von den Behörden meinen Großeltern zugesandt um sie für den Verlust ihres Sohnes zu trösten. Mit herzlichen Wintergrüßen und mit inständigem Bitten um Verzeihung für mein Schreiben und für mein Wesen, bin und bleibe ich Euer Jochen,