Date: January 18, 2022, 2:27 p.m. From: Bernd Strangfeld Subject: Dein brief vom 6./7. Januar 2022 Lieber Jochen, Deinen letzten Brief haben wir wieder einmal mit Interesse gelesen, auch mit Verwunderung, weil wir in Deiner Wiedergabe vieles vieles von unseren Überlegungen nicht wiederfanden. Macht nichts. Was meinst Du denn damit, dass unsere Kommentare "in ihrer Eindeutigkeit auf einen einzigen Brennpunkt zielen", und wie Kannst Du denn ein "fehlerhaftes Erleben" haben - also wirklich! Es ist doch schon lange bekannte Tatsache, dass Du vieles anders siehst als wir und außerdem über sehr vieles nachdenkst, bis in tiefe Tiefen, das uns gar nicht in den Sinn kommt. Zum Beispiel Engel. Für mich waren Engel immer ein Stück Folklore. Da ich, höchst unbegabt, seit früher Kindheit einen Drang zum Malen hatte, habe ich einmal meiner Großmutter zu Weihnachten eine lange Reihe von Engeln - dem Betrachter zugewendet - gemalt, rosa mit viel Deckweiß, ziemlich schauerlich, und ich hörte zufällig mit, wie sich meine Großmutter bei meiner Mutter, ihrer Tochter, über dieses Geschenk beklagte. Worauf meine Mutter, das dürfe sie aber nicht sagen, das Kind hätte ihr doch eine Freude machen wollen. Hatte das Kind sicherlich, das Werk entstand aber auch aus einer beträchtlichen Ratlosigkeit, was denn der im Haus lebenden Großmutter geschenkt werden könnte. Ansonsten interessierten mich an kunstvollen Darstellungen von Engeln vor allem, welche Farbenpracht die Fabelwesen hatten und ob die größe ihrer Flügel sie auch flugtüchtig machte. Ich war von früh auf eine "Märchenliese", wie meine Mutter mich nannte, und Engel bildeten dabei eine unwesentliche Randerscheinung. Was Rilke darüber dachte und wofür sie für ihn sinnbildlich standen, hat mich nie annähernd interessiert. Die Redewendung "Auf der Seite der Engel" kenne ich nicht. Bei Dickens heißt es ja nicht "Angel", sondern "Ghost" oder "Spirit". Das kann ich leicht in "Gedanke" oder Ähnliches umwandeln. Und ganz sicher ist die Welt von Bob Cratchit keine irgend ideale Welt, wobei seine menschenfreundliche Redlichkeit sehr überzogen scheint. Da liegt kein Samenkorn zu etwas Revolutionärem. Aber so wie seine Familie haben sicher im 19.Jh. sehr viele Menschen leben müssen. Warum solltest Du wünschen, mit Cratchits Familie zu feiern oder gar mit ihnen zu leben? Allenfalls könntest Du Dich mit seiner Frau gut verstehen, die ja dem Leser aus der Seele spricht, indem sie sich zunächst weigert, auf das Wohl des gefühllosen Arbeitgebers anzustoßen. Sehr intererssant finde ich Margarets Beurteilung von Rilkes texten. Habt Ihr Euch eigentlich später mit solchen Fragen gemeinsam auseinandergesetzt? Ich muss gestehen, dass Bernd und ich solches sehr selten tun, gründlich, meine ich. Deine niedrig gestellte Heizung bringe ich in keinster Weise mit Scrooge in Verbindung, mir erscheint sie als eine Art Selbstbestrafung Du schädigst ja damit keinen anderen. Wie Nathaniel das aushält, weiß ich nicht, aber Du hast ihm ja mehr Wärme angeboten. Der Patriarch von Jerusalem war mir, natürlich, von jeher eine höchst unangenehme Figur. Er ließe sich wohl kaum bekehren. Aber natürlich ist beim Nathan manches märchenhaft und geht zu sehr nach Wunsche. Trotzdem oder gerade deshalb, ist man als Leser froh. Darüber haben wir schon gesprochen. Ich finde nicht, dass Scrooge und Cratchit Widersacher sind. Einer von ihnen ist deutlich auf dem falschen Weg, der andere völlig abhängig , also muss der Mächtige geläutert werden, der sozial Schwächere wird ihm hoffentlich nach vollendeter Bekehrung nichts nachtragen. Ich finde das neue Lebensgefühl, das Scrooge nach seiner Geisternacht erfüllt, sehr überzeugend ist. - Mir würde es auch besser gefallen, wenn sich vor Weihnachten keine Geflügel-Leichenberge türmen würden. Aber kann man Tiere mit Menschen vergleichen? Natürlich haben sie alle ein Recht zu leben, aber offenbar nicht alle im gleichen Maße. Ach, diese Überlegungen sind müßig. Ich finde Geschichten gut, in denen Menschen zum Guten bekehrt werden. Mit Kant möchte ich mich nicht weiter beschäftigen, aber ich stimme seinem Kategorischen Imperativ unbedingt zu. Von Tieren ist da leider nicht die Rede. Ich wünsche Dir, dass das friedliche Einvernehmen mit Nathaniel und Sabine und ihrem Hund andauert und Euer Lebensgefühl sich dadurch hebt, wenigstens ein Bisschen. Kannst Du mal erfragen, um welche Rasse oder überwiegende Mischung es sich bei diesem offenbar freundlichen, stummen Hund handelt? Hast Du ihn schon mal gestreichelt? Heute Nachmittag hatten wir wieder Kaffeebesuch und haben zum xten Mal unseren Lieblingsfilm "Microcosmos. Das Volk der Gräser" gezeigt, der Szenen aus dem Leben von Insekten zeigt und von wunderbar poetischer Art ist, ohne menschliche urteile oder Kommentare zu enthalten. Es ist viel zu warm, fast immer nass und ziemlich betrübend. Euren Schnee stelle ich mir sehr schön vor, aber Dir wird er beschwerlich sein. Hast Du Nathaniel mal von mir gegrüßt (falls er sich überhaupt erinnert) ? Tue es doch bitte gelegentlich, ja? Dir wünschen wir einen produktiven, zufriedenstellenden Winter ohne Unfälle und Erfrierungen! Deine Gertraud und Bernd.