am 6. Januar 2022 Lieber Gertraud, lieber Bernd, Herzlichen Dank für Euern Brief vom 4. Januar. Er hat mich zu den verschiedensten Überlegungen angeregt mit deren Niederschrift ich heute Abend den Anfang mache. Vorerst befinden sich meine Gedanken in einem Trubel von dem ich erwarte, dass er sich binnen einiger Tage, wenn nicht gar einiger Stunden legen wird. In welcher Form ich versuchen werde Euch meine Überlegungen mitzuteilen, oder ob überhaupt, weiß ich noch nicht. Es wird sich herausstellen. Ich bedenke Eure Kommentare: a) zu Charles Dickens Christmas Carol als Vorschrift einer persönlichen und gesellschaftlichen Ethik. b) zu der Geselligkeit des außerreligösen Weihnachtsfeierns, und c) zu den Berichten über die Beziehungen zu meinem verstorbenen Schwager Alex McPhedran, d) zum unerwarteten Zusammenleben - oder Nebeneinanderleben - in diesem geräumigen Haus mit Nathaniel, Sabine und ihrem Hunde. Dass Eure Kommentare in ihrer Eindeutigkeit auf einen einzigen Brennpunkt zielen, den ich nicht nachzuvollziehen vermag, ist vielleicht ein Ausdruck der Fehlerhaftigkeit meines Erlebens. Wo Euch, wenn ich Euch recht verstehe, der rechte Lebensweg eindeutig, unverkennbar vor Augen liegt, befinde ich mich in einem Seelenlabyrinth von dem ich keinen Ausweg finde. Infolge der Anregung Eures Briefes, hab ich sämtliche 93 Seiten von Dickens Christmas Carol zum ersten Mal gelesen, und außerdem um meine Reaktionen zu eichen, einen Kommentar im Internet. Eh ich in die Tastatur eingab, "Zweifellos, dass Dickens Standpunkt sich 'auf der Seite der Engel' befindet," versuchte ich mich zu vergewissern, dass "auf der Seite der Engel", im Englischen, "On the side of the angels", auch im Deutschen ein umgangssprachlicher Ausdruck ist, doch eh ich die Antwort fand, erinnerte ich aus Rilkes Erster Duineser Elegie: WER, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich. Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht, und die findigen Tiere merken es schon, daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern und das verzogene Treusein einer Gewohnheit, der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht. Kein Wunder dass ich es nicht vermag mich in Dickens engelhafter Welt zuhause zu fühlen. Ich wünsche Bob Cratchit, seiner Frau und seinen fünf Kindern alles Gute, und wenn sie diese von mir annehmen würden, wäre ich bereit ihnen beträchtliche Geldsummen zu schenken, aber bei ihnen zu wohnen, unter ihnen zu übernachten, mit ihnen Weihnachten, ob christliche oder heidnische, zu feiern, möchte ich nach Möglichkeit vermeiden. Bei der Beschränkung auf sie, in der Ambienz, im Niveau, beim Atemversuch in der bescheidenen geistigen Räumlichkeit der Cratchit Familie würde ich ersticken. Und dann erinnere ich Margarets Urteil über Rilke, nein, eigentlich über mich. Am 29. März 1950 schrieb sie mir: "... I think I have told you how troubled I am by the negative quality of so much of Rilke. Only pain and loss and separation affirmed. Yet I have nothing more positive to say - and if I had, it would have no meaning for you. If there is any other way for you to feel, you will have to find it for yourself - or it will have to find you." Schließlich hat sie sich doch mit mir abgefunden. Zwei Jahre später hat sie mich geheiratet. Während der letzten Jahres ihres Lebens, hat Margaret verschiedentlich mit Genugtuung in den Romanen von Dickens gelesen, von den Romanen die ich geschrieben habe, aber nicht eine einzige Seite. Dass ich Euch mit meiner zum Sparen abgeschalteten Ölheizung wie Ebenezer Scrooge erscheinen sollte, scheint mir unvermeidlich. Tatsache aber ist, dass Nathaniel und Sabine mein fast tägliches Angebot, die Heizung so hoch zu stellen, wie immer sie möchten, beständig ablehnen, so wie auch meinen Vorschlag ihnen mit dem gesparten Geld ein Geschenk zu machen. Auf meine Bitte mir ihre Bankkonto Nummer mitzuteilen, um mir unmittelbare Überweisungen zu ermöglichen sind sie bis jetzt noch nicht eingegangen. Dass Sabine so wenig wie durchführbar mit mir zu tun haben will, ist mir verständlich. Ich nehme es ihr nicht übel. Mir fällt auf, dass "A Christmas Carol" eine "Moralität" ist in der Tradition von "Everyman" mit gewisser Ähnlichkeit zu Nathan der Weise. Einerseits wäre es literarisch leicht durchführbar den bösen Patriarchen von Jerusalem zum Guten zu bekehren indem man ihn zu einem selbstverständlich moslimischen weihnachtsartigen Festessen bei Saladin und Sittah einlädt, mit Nathan, Recha, Daja, Tempelherr, und Klosterbruder als zusätzliche Gäste, wo alle lernen mit einander zu sprechen, Gedanken und Gefühle auszutauschen, allmählich einander zu verstehen, und in keuscher, geschwisterlicher Weise einander zu lieben, bis am Schluss des Stückes die Schauspieler vorm gefallenen Vorhang untrennbar Hand in Hand verkettet, sich vor den Zuschauern bei schallendem Beifallsklatschen verbeugen. Andererseits um Dickens gerecht zu werden, möchte man seine Novelle der englischen Leserschaft nicht als "Robert the Wise", sondern als "Bob Cratchet the Gentleman" anbieten, und die beiden Widersacher dadurch versöhnen, dass man sie anders als durch nächtlichen Geisterspuk, in Tageshelle beide zusammen im Buckingham Palace von Queen Victoria als Sir Robert und Sir Ebenezer in den Ritterstand schlagen lässt. Aber das ethisch-gesellschaftliche Problem von Armut einerseits und Gefühllosigkeit andererseits wird weder beim weltlichen noch beim heiligen Weihnachtsschmaus geschlichtet, wenn nur weil der Puter oder die Gans die sich opfern lassen muss, ja auch von Gefühlen belebt ist, - oder nicht? Und sagt mir, wer ist lebensfreundlicher, der gute Bob, der Tiere zu Weihnachten tötet und verschlingt, oder der böse Ebenezer der seine Nase rümpft und das Fest mit "Humbug" abkanzelt? Bei den Befragungen nach dem Verlassen des Wahllokals, haben 91 Prozent der GänserInnen und 95 Prozent der TruthähnerInnen für Ebenezer gestimmt. Von den Übrigen ist anzunehmen dass sie entweder schizophren oder auf der Suche nach dem Freitod sind. Die Kernfrage der Ethik, von Kant in den Worten, "Was muss ich tun?" zusammengefasst, setzt voraus dass ich und jeder andere Mensch, einbeschlossen Bob und Ebenezer so wie auch Ihr beide, tut was er oder sie will, also nach "freiem Willen" handelt, und dass diese Handlung von wörtlichen Vorschriften, Regeln, Gesetzen bestimmt zu werden vermag. Hab ich recht gehört? Hat irgend ein Betroffener "Humbug" gesagt? Für Immanuel Kant, den Erzsachverständigen der Ethik wird diese Frage von einem unbedingten, kategorischen Gebot oder Imperativ beantwortet: https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorischer_Imperativ „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ (Immanuel Kant: AA IV, 429[9]). Genau! Der Befehl ist das Leugnen eines Widerspruchs, "die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen" in bestimmter Weise zu behandeln, wo doch ich und der Andere zwei Verschiedene Menschen sind deren Interessen separat und unvereinbar sind. Dieser Widerspruch mag mit Begriffen wie etwa gut und böse, gerecht und ungerecht nur verdeckt aber niemals aufgehoben werden. Das Ergebnis ist Tragödie, ist Trauerspiel. Die sogenannte Lebenskunst ist die sich ergebenden Seelentrümmer zu verbergen, also zu lügen: Und doch sang ich gläub'ger Weise, Dass mir die Geliebte treu, Dass die Welt, wie sie auch kreise Liebevoll und dankbar sei. (Goethe, Divan) Gestern Nacht ist zum ersten Mal beträchtlicher, wenn nicht tiefer Schnee gefallen. Es ist Winter. Demgemäß herzliche Wintergrüße an Euch beide. Euer Jochen