Date: January 4, 2022 From: Bernd Strangfeld Subject: Dein Brief vom 28.12.2021 Lieber Jochen, hab ganz herzlichen Dank für Deinen letzten Brief, der uns sehr erfreut und bewegt hat. Am stärksten beschäftigen mich immr ie Berichte aus Deinem unmittelbaren Umfeld, weil ich mir das so gut vorstellen kann und leicht aus meiner eigenen Erinnerung hervorhole. Nathaniel und Sabine mit Dir untr einem Dach zu wissen, ist eine sehr liebe Vorstellung. Und dann noch ein Hund! Möge diese Glückskombination lange, lange andauern. Wie erfreulich auch, dass Du nun bekocht wirst! Und dass es etwas Geselligkeit gibt. Und dass Du Nathaniels lebhaften Trompetentönen gern zuhörst. Gerade gestern habe ich einem Blaskonzert-Mitschnitt gelauscht , den mir mein ältester Schüler, Richard aus Schandorfer zeiten, geschickt hat, bei dem er, Gründer dieser Gruppe "Neurieder Blasmusikanten" bei München, Trompete spielt, eher klassische Volksmusik, Jazz, Klezmer, durchaus mitreißend und hoffnungsvoll dem neuen Jahr zugewandt. Ich bedaure manchmal, dass ich das Angebot und Gebot meiner Eltern, Klavier zu erlernen, so zögernd und träge gefolgt bin und irgendwann in dramatischen Szenen mich ganz davon gelöst habe. Ich weiß, das ales ist mit Nathaniels Perfektion kaum zu vergleichen, aber eine kleine gemeinsame Schnittmenge ist doch da. John McPhedran ist, nach der bei uns üblichen Terminologie, Dein angeheirateter Neffe und gehört als solcher doch eng zur Familie. Höchst interessant, was Du über diese Familien-und Freundschaftsgeschichte schreibst. Ist es nicht phantastisch, dass eine freundschaft sich von fernen Jugendtagen an durchs ganze lange Leben lebendig erhält, wenn auch sicher mit Lücken, Entfremdungen, wohl auch mal Feindseligkeiten. Durch diesen Alex bist Du also an Deine Margaret gekommen. War denn die Denkweise und der Lebensstil dieser Familie so sehr anders als der Deiner Familie oder Dein eigener? Du und Alex müsst do einiges gemeinsame gehabt haben. Und ist Margarets Familie nicht aufgefallen, dass Margaret nicht sonderlich unglücklich war oder wirkte mit Dir? Oder gab es Konflikte zwischen Alteingesessenen und Zugereisten, wie etwa Dir? Manchmal tauchen ja völlig atavistische Denkstrukturen auch bei hochklugen und sankfmütigen Menschen auf. Naja, ich habe keine Ahnung, finde aber Deine geschichte sehr anregend und bedenkenswert. Ich erinnere mich, dass Du von dieser Gedächtnisfeier für Margaret schriebest - wir kennen diese Art von feier wenig oder gar nicht, eine amerikanische Erfindung, scheint mir, müsste ich aber googeln.Der Sinn ist doch wohl, dass die Hinterbliebenen si ch zusammenfinden, einander nahekommen in gemeinsamer Erinnerung an die Verstorbene, Erinnerungen und Gefühle austauschen und teilen, so dass die verstorbene wiederaufersteht und die Hinterbliebenen Gemeinschaft empfinden. Das scheint mir ein menschliches Grundbedürfnis und ein Versuch, die Tote ein wenig zum Leben zu erwecken, ihr näherzukommen. Aber auch aus Märchen kennt man das Motiv, dass Menschen darum wetteifern, wer sie am meisten geliebt oder wen sie am meisten gliebt hat. verwandtschaft kann sehr schwierig sein. Keine Verwandten zu haben, ist aber auch gar nicht gut. Dies Gefühl, allein auf einer fremden Erde zu sein, wird dadurch verstärkt. Das neue Jahr begießt uns und unsere Umgebung unermüdlich. Dabei soll angeblich die Erde in tieferen Schichten immer noch viel zu trocken sein. Das ist schwer vorstellbar. Etliche kraniche sind in der Zeit zwischen den Jahren noch gezogen, die meisten wohl gen Süden, aber aus Bielefeld wurde gemeldet, dass einige schon Richtung Norden flogen. Dabi wird es jetzt deutlich kälter, und vielleicht kriegen wir ja bald Winter. Ich freue mich, dass Sabine einen Weihnachtsbaum für wichtig hält und ihn entsprechend behandelt, und dass sie das Haus geschmückt hat. Wir haben nur das altvertraute und geliebte Hexenhaus aufgestellt, der gekaufte hübsche kleine Baum wanderte mit zu unseren Freunden in Langenfeld bei Düsseldorf, wo wir 4 Tage mit unseren freunden verbrachten und ein wohlüberlegtes Programm zur Entfaltung brachten: Die herzwärmende geschichte von Astrid Lindgren, "Pelle Zieht aus"; Auszüge aus Tove Janssons geschichten von den von ihr erfundenen Mumintrolls; ein Live-Mitschnitt von Ludwig Thomas "Die heilige Nacht", gelesen von dem sehr geliebten Gustl Bayrhammer; eine sehr gute Verfilmung von Charles Dickens' unsterblichem "Christmas Carol" (der ein gelungenes beispiel dafür ist, wie man Weihnachten feierlich und unvergesslich und menschenfreundlich feiern kann ohne christlichen Hintergrund, dass es auch ohne Heilsgeschichte ewige menschliche Werte gibt, die immer wieder neu belebt werden sollten) , und zum Schluss haben wir uns stundenlang mit einem einem Lernspiel vergnügt, bei dem es um unsere Sprache geht, grammatische Fragen und solche der Rechtschreibung, das war sehr kommunikativ und manchmal richtig aufregend. Jetzt ist der Installateut gekommen, um unseren kleinen Klagen bezüglich Tropfendem nachzugehen. Im einen Fall tropft es nicht mehr, im anderen meinte er, das könne er erst im Frühjahr beurteilen, wenn die Heizung nicht mehr läuft. Nicht schlimm, doll war s ja nicht. Ein gutes neues Jahr, lieber Jochen, weiterhin freude an der neuen Wohngemeinschaft, und lass Dich nicht abschrecken durch unsere unphilosophische Natur, uns Deine gedanken mitzuteilen! Wir denken immer darüber nach, aber oft ohne Ergebnisse. Wen Dich das nicht stört... Liebe Grüße, Deine Gertraud und Bernd.