am 2. Januar 2022 Lieber Herr Nielsen, Dies ist die versprochene Fortsetzung meines Briefes vom 31. 12. 2021. Sie betrifft mehr als acht gedruckte Seiten. Ich schreibe viel zu viel, und viel zu ausführlich. Das ist mein Gebrechen. Bitte fühlen Sie sich nicht verpflichtet meine Ergießungen überhaupt zu lesen. Bitte fühlen Sie sich zu keiner Antwort veranlasst. In Vorbereitung hab ich ein weiteres Mal unsere Korrespondenz zum vorigen Neuen Jahr überlesen. Erlauben Sie mir bitte mich vorerst für die Unzulänglichkeit mit der ich damals Ihre Fragen beantwortete zu entschuldigen. Ich bin stets besorgt um die mögliche Fehlerhaftigkeit meines Denkens und um die entsprechende Leere meiner hochtrabenden Worte. Auf Ihre Frage: "Haben die weltweiten problematischen Entwicklungen Ihre Sicht auf Geschichte und Gegenwart in fundamentaler Weise verändert? Und vor allem, welche Erwartungen haben Sie für die Zukunft?" erlauben Sie mir zu antworten dass ich nicht weiß ob sich meine Sicht auf Geschichte und Gegenwart verändert hat, vornehmlich weil ich meine Gedanken von vor zwei, vier, sechs, acht Jahren nicht mehr erinnere. Wenn ich die Briefe und Tagebuchaufzeichungen von vormals lese, so scheint es mir in widersprüchlichen Worten, dass sich mein Denken "beständig wechselt" (welch ein Oxymoron!), dass ich heute derselbe bin wie einst, und dass ich mich dennoch verwandelt habe. Ich entschuldige mich. Es klingt anspruchsvoll und prahlerisch wenn ich schreibe, es scheint mir, dass in meinem Denken Religion und Philosophie in einander schmelzen. Das Denken löscht die verbotene Vorstellung der Menschenähnlichkeit Gottes indem es zugleich die unbedingte Gottesähnlichkeit der Menschenseele konstatiert. Über dies Thema mehr bei anderer Gelegenheit. Einschlägig hier ist meine Überzeugung (mit Kierkegaard) dass "die Subjektivität" "die Wahrheit" ist, dass es unmöglich ist eine Vergangenheit zu konstatieren, unmöglich jemals festzustellen, "wie es eigentlich gewesen", (Leopold von Ranke) und ebenso unmöglich zu prophezeien "wie es (eines Tages) eigentlich sein wird." Der ausschließliche Prüfstein der Wirklichkeit ist mein gegenwärtiges Erleben. Dies Erleben bestimmt den Rahmen, die Parameter der Gegenwart, einer Gegenwart aus der ich weder in eine Vergangenheit noch in eine Zukunft zu entkommen vermag. In unverschämter und schamloser Parodie von Rilkes "Sonnette an Orpheus, hab ich in lümmelhafter Weise 52 "Sonnette an Chronos" verfasst wo ich versuche mich in dem Strom der Zeit zurecht zu finden. http://73.253.255.20/ - siehe Nummer 4 "Aus der Umnachtung". Vom Gesichtspunkt der unentrinnbaren Gültigkeit der Subjektivität als der ausschließlichen Wahrheit, verfallen die verschiedenen Ansprüche der öffentlichen Lehren an denen die Politiker wie an zerrissenen Ariadnefäden die Wege aus dem Labyrinth des Nichtwissenkönnen zu erraten suchen. Als Mediziner weiß ich aus eigenster praktischer Erfahrung, dass es ein persönliches, subjektiv erlebtes Wissen gibt, demgemäß ich zu dem Versuch verpflichtet bin meinem Patienten in spezifischer Weise zu helfen. Es ziemt sich für jeden denkenden Menschen seine eigene "docta ignorantia", (Nikolaus von Kues, 1440) sein eigenes "gelehrtes Unwissen" zu pflanzen und zu pflegen. Die Corona Virus Pandemie, der Klimawechsel, und die Volksherrschaft (Demokratie) enthüllen Probleme wofür sich mir keine Lösung bietet. Dabei finde ich bemerkenswert, dass unser optimistisches Zeitalter welches sich anmaßt alle Rätsel lösen, und alle Schwierigkeiten überwinden zu können, unfähig ist der Krankheit als dem Versagen der Gesundheit und dem Tod als Versagen des Lebens mutig und demütig aber auch dankbar zu begegnen. Ich erinnere aus einem Gedicht von Rilke: "Da geht der Sturm, ein Umgestalter, geht durch den Wald und durch die Zeit, und alles ist wie ohne Alter: die Landschaft, wie ein Vers im Psalter, ist Ernst und Wucht und Ewigkeit. "Wie ist das klein, womit wir ringen, was mit uns ringt, wie ist das groß; ließen wir, ähnlicher den Dingen, uns so vom großen Sturm bezwingen, - wir würden weit und namenlos. "Was wir besiegen, ist das Kleine, und der Erfolg selbst macht uns klein. Das Ewige und Ungemeine will nicht von uns gebogen sein. Das ist der Engel, der den Ringern des Alten Testaments erschien: wenn seiner Widersacher Sehnen im Kampfe sich metallen dehnen, fühlt er sie unter seinen Fingern wie Saiten tiefer Melodien. "Wen dieser Engel überwand, welcher so oft auf Kampf verzichtet, der geht gerecht und aufgerichtet und groß aus jener harten Hand, die sich, wie formend, an ihn schmiegte. Die Siege laden ihn nicht ein. Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte von immer Größerem zu sein." (Der Schauende aus Das Buch der Bilder, Rilke) In diesem Zusammenhang erinnere ich auch die Bach Kantate, BWV 146, "Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen," Sie bitten um "Fingerzeige zum entstehenden Roman." Zur Zeit beschäftigt mich der siebte Band der Romanserie "Vier Freunde" http://73.253.255.20 Siehe Nummer 15. Ich scheue mich Ihnen das Lesen dieses fragwürdigen bröckligen Stückes vorzuschlagen, denn ich halte es für möglich, dass, weil es vielleicht der gröbste Unsinn ist, Sie damit ihre Zeit vergeudeten. Im Laufe der Jahre hat sich meine Ansicht über mein Schreiben verwandelt. Anfangs beabsichtigte ich mit meinen Texten Instrumente der Verständigung zu schaffen, Brücken zu einem gemeinsamen Geistesgut. Als ich erfuhr, dass ich diesen Zweck verfehlte, erwies es sich mir dennoch unmöglich mein Schreiben aufzugeben. Ich war der Schreibsucht verfallen, und vermochte nicht zufrieden zu sein ohne Tag für Tag, Monat für Monat was ich dachte und was ich fühlte weiter zu beurkunden. Die Einsicht, dass meine Texte von keinem gelesen würden, befreite mich von der Notwendigkeit dem abwesenden künftigen Leser mit dem Inhalt oder mit dem Stil zu gefallen, und erlaubte mir in meinem Roman, Seite nach Seite, welche Vorstellungen, Bilder und Gedanken mir auch immer einfielen, anzureihen wie unechte, gekünstelte Perlen auf eine schäbige wertlose Kette. So ließ ich meinem Unterbewusstsein unbehinderten freien Lauf. Was sich ergab betrachte ich als eine Seelenautobiographie, denn ich erlaubte mir die Echo und die Schatten der Lebensproblematik die ich erfahren hatte, auch jene welche ich nicht zu bewältigen vermochte, und besonders diese, in Wortgebilden Ausdruck zu verleihen. Luther Bibel 1545, 4 Mose 21:6-9 6 Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, daß viel Volks in Israel starb. 7 Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, daß wir wider dich geredet haben; bitte den HERRN, daß er die Schlangen von uns nehme. Mose bat für das Volk. 8 Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie zum Zeichen auf; wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. 9 Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie auf zum Zeichen; und wenn jemanden eine Schlange biß, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben. Wie ich mich anderweitig als mit dem Beschreiben von "ehernen Schlangen" beschäftigt hätte, kann ich mir nicht vorstellen. Lieber Herr Nielsen. Die Hermeneutik der Romane bietet besondere Schwierigkeiten. Die Bücher zu lesen und zu bedenken nimmt ungebührlich viel Zeit, Kraft, Mühe und Sorge in Anspruch. Deshalb habe ich für Sie im Stegreif eine Skizze entworfen. Ich berichte was ich ohne nachzulesen betreffs meines Romanschreibens erinnere und was ich ohne detailliert vorauszuplanen diesbezüglich beabsichtige. Diese Synopsis füge ich meinem Brief als Anhang bei. Bitte fühlen sie keine Verpflichtung ihn zu lesen, geschweige denn auf ihn schriftlich einzugehen, oder diesen allzulangen Brief überhaupt zu beantworten. Ein weiteres Mal sende ich Ihnen beiden meine herzlichen Neujahrsgrüße und Guten Wünsche, und verbleibe Ihr Jochen Meyer. ============= Über mein Romanschreiben Tatsächlich handelt es sich um eine Romanfolge in 9 Büchern, zwei Bände "Döhring" und sieben Bände "Vier Freunde". Der Literaturprofessor Jonathan Mengs ist der Familienvater der Großfamilie deren Geschichte ich erzähle, Mengs erscheint schon in den ersten Seiten des Döhringbuches mit dem ich Ihnen bei unserem ersten Treffen ein Geschenk machte. Es sind einsame Menschen deren Existenzen ich beschreibe. Der kinderlose Mengs befreundet sich mit dem jungen unerfahreren Studenten Joachim Magus, dessen Studienberater er ist, als Magus, bei einem Tanzfest, "ich kann nicht tanzen und ich will nicht tanzen" erklärte, und als "Tanznicht" verhöhnt, sich aus Verzweiflung entschlossen hatte die Universität zu verlassen. Mengs meint in Magus den einzigen Schüler gefunden zu haben der es möglicherweise lernen möchte, ihn, Mengs, zu "verstehen." Mengs hat ein Verhältnis mit einer Cembalistin, Susanna Freudenberg, die beim Vortrag einer der schwierigsten der Goldberg Variationen in der Katharinenkirche am braunschweiger Hagenmarkt plötzlich erkrankt, zusammenbricht, und die nach der Rückkehr, sterbend, von ihrer mittelmäßigen Klavierschülerin Charlotte Graupe gepflegt wird. Nach Susannas Tod verbleibt Charlotte in Mengsens Haus als selbsternannte Haushälterin, denn Charlotte hat es auf Joachim abgesehen. Charlotte beneidet Jonathan Mengs um seine Beziehung zu Joachim und verschmäht Mengsens Anspruch auf akademische geistige Kultur. Um ihre Stellung als Haushälterin zu befestigen entschließt Charlotte sich als Kochspezialistin ausbilden zu lassen. Sie immatrikuliert in die jüngst eingerichtete "Aletheia Universität der Kochkünste" auf deren Wappen das altgriechische Wort "Aletheia" (Wahrheit) in güldenen Buchstaben die Kochkunsthochschule von der alten Veritas Universität wo Mengs und Magus tätig sind, unterscheidet. (Platon betont in einem seiner Gepräche den Unterschied zwischen dem Koch der das Begehren der Menschen befriedigt, und dem Arzt der ihnen die Gesetze vorschreibt mittels derer ihre Gesundheit zu erhalten ist.) Und wie in der Veritas als Voraussetzung für das Medizinstudium, die Schüler in den Naturwissenschaften Physik, Mathematik, Chemie, Biologie fachkundig werden müssen, so müssen in der Aletheia die Kochstudenten und vor allem die Kochstudentinnen sich in den Sinnlichkeitskünsten ausbilden lassen und sich zu diesem Zweck, regelmässigen Sinnlichkeitsübungen unterziehen. Diese Sinnlichkeitsübungen in Einzelheiten zu beschreiben untersagt mir meine Prüderie. Bezeichnend aber ist die bekannte Tatsache dass unter den Sinnlichkeitspräzeptoren der Aletheia sich nicht nur sämtliche Mitglieder des Aletheia Aufsichtsrats befanden, sondern auch etliche angesehene und wohlhabende Bürger der Universitätsstadt, Mitglieder des Justizministeriums und des obersten Bundesregierungsrats, und unter ihnen ein Richter Lemuel Adams, ein Amtskollege jenes berüchtigten Richter Adam der im Zerbrochenen Krug die entscheidende Rolle spielt. Als nun Maximilian Katenus und seine Haushälterin Elly Solmsen von der Lügeninsel zu Jonathan Mengs, Joachim Magus und Charlotte Graupe ins Döhringhaus in der Linnaeusstraße geflohen waren, wurde Charlotte von der Brenzlichkeit der Gefahren die nicht nur Katenus und seine Begleiterin bedrohten, sondern auch Jonathan, Joachim und sie selber als deren Beschützer und Verhehler, beängstigt, und entschied sich ihr Verhältnis zu Joachim ein und für alle Mal zu versiegeln, indem sie ihre intime Beziehung zum Richter Lemuel Adams ausnützte um Katenus, Elly, und sie alle, ein für alle Mal in Sicherheit zu stellen. Dieser Sicherheit halber würde sie Lemuel Adams mittels der Drohung erpressen, dass wenn von auch nur einem einzigem Mitglied der Döhringhausgroßfamilie ein Haar gekrümmt würde, am darauf folgenden Tag des Richters Betätigungen in der Aletheia und ins Besondere die Einzelheiten seiner Beziehung zu ihr, Charlotte Graupe auf den Schlagzeilen der Morgenpost erscheinen würden. Mit diesem Vorhaben machte Charlotte sich auf den Weg zur Aletheia, in dem Bewusstsein, dass eine neue Epoche in ihrem Leben begonnen hatte. Es kam aber anders als Charlotte es erwartet hatte. Kaum hatten sich die elektrisch getriebenen Eingangstüren der Aletheia ihrem Fußtritt gehorchend geöffnet, wurde Charlotte polizeilich auf Befehl des Richters Adams festgenommen. Und dies nicht um sie zu bestrafen, sondern um sie in seine Nähe bringen zu lassen, weil der Richter sich nach ihr sehnte, und weil er selber ihres Schutzes bedurfte. Vor einigen Tagen hatte Adams um sich einer unbeschränkten Bühne für seine Tändeleien mit Charlotte zu besorgen, seine Ehefrau als unzurechnungsfähig erklärt und ins Irrenhaus gesperrt. Von dort, als man Frau Adams nach wenigen Tagen als geistig kerngesund entlassen hatte, war sie wie eine Furie nach dem Adamshaus in Waldshut zurückgekehrt, hatte Lemuel auf der Stelle rausgeschmissen, und war nun im Begriff eine Strafanzeige gegen ihn einzugeben, sich von ihm scheiden zu lassen, und ihn um ungeheure Summen Schadensersatz zu verklagen. Es war ein freundlicher, gutmütiger Polizist namens Chuck der Charlotte festgenommen hatte. Mit der Erklärung Richter Adams hätte sie zur Oberprokuristin bestimmt, setzte Chuck sie in sein Polizeiauto und brachte sie mit kreisendem Blaulicht und heulender Sirene zum Oberregierungsverwaltungsgebäude in der Innenstadt, in dessen Penthaus Kanzleien, laut Chuck, der Richter Adams eine jedenfalls vorläufige Wohnung gefunden hatte. Zu ihrem Erstaunen fand Charlotte die Kanzlei in welche Chuck sie abgesetzt hatte leer. Weder Adams noch irgend ein anderer Beamter war in Sicht. Charlottes Klopfen an jede der verschiedenen Türen welche den Kanzleisaal umringten war erfolglos. Schließlich, nach vielen Minuten, erschien eine Reinemachefrau mit Besen, Eimer und Schrubber, begrüßte Charlotte mit vorzüglicher Höflichkeit mit den Worten, "Guten Tag, ich heiße Mathilde," beantwortete dann Charlottens Frage nach ihrer Vorgänger-Oberprokuristin, diese wäre schon seit Monaten spurlos verschwunden, und belehrte Charlotte mit der Aufklärung, dass es, abgesehen von der Oberprokuristin, überhaupt keine Regierung gäbe. Die Kabinettsminister nämlich erschienen nur einmal monatlich, um am dreißigsten oder einunddreißgsten ihre Tantiemen und andere Bestechungserlöse in Empfang zu nehmen. "Ja, aber die Regierung, wie verläuft denn die Regierung?" fragte Charlotte erstaunt und ahnungslos. "Ach so," sagte Mathilde, "fast hätte ich es vergessen, vor einigen Jahren graste hier das Losungswort Digitalisierung. Die Grünen behaupteten durch Digitalisierung würde der Staat endgültigt erneuert und erlöst. Nachdem die Grünen die Wahlen gewonnen hatten, wurden die Schreibtische sämtlich geleert und hinaus getragen, gleichfalls die vielen Aktenschränke, und bis auf die Oberprokuristin wurden alle Beamtinnen entlassen. Sie zu ersetzen wurden im Nebenzimmer zahlreiche teure elektronische Rechner eingebaut. Und ja, fast hätte ich ihn vergessen, ein neuer Programmierer namens Jeremias Zehplus wurde geheuert um die Wartung der elektronischen Ungeheuer zu übernehmen. Aber ich glaube Jeremias hat nicht viel zu tun, denn jedesmal wenn ich zum Reinemachen in der Rechnerhalle erscheine, befindet er sich in tiefem Schlaf. Du kannst dir garnicht vorstellen, wie er schnarcht. Mit diesen Informationen aber war Charlotte nicht geholfen. "Ich bin doch vom Richter Adams als Oberprokuristin bestellt. Es ist dringend nötig dass ich mein Amt so bald wie möglich antrete." "Da kann ich dir leider nicht helfen," sagte Mathilde. "Ja, dann musst DU mich zur Oberprokuristin ernennen," flehte Charlotte. "Das ist mir leider nicht erlaubt," sagte Mathilde, "denn es steht nicht auf meiner Dienstliste. Die Oberprokuristin muss von der Bundeskanzlerin ernannt werden." "Und wo ist die Bundeskanzlerin?" fragte Charlotte. "Ach," sagte Mathilde, "das weiß ich nicht, und wenn ich es wüsste, würde es doch nichts zur Sache tun, denn die Bundeskanzlerin ist nicht mehr im Amt." "Wenn ich mich nun selber zur Bundeskanzlerin ernennte, um mich dann als Bundeskanzlerin zur Oberprokuristin zu ernennen. Hättest du etwas dagegen?" "Ich etwas dagegen, ich bin doch nur die Reinemachefrau." "Du bist sehr höflich, bist sehr zuvorkommend," sagte Charlotte, "aber wenn mich nun jemand fragt: Wer bist du? Was soll ich antworten?" "Dann solltest du einfach erklären," sagte Mathilde, "'Ich bin Adams Mädchen.'" "Und wenn mich jemand fragt, wer hat dich ernannt?" "Dann antwortest du, 'Ich bin' hat mich ernannt. Das ist eine Antwort die alle Welt dir glauben wird, denn sie ist schon seit einigen tausend Jahren im Umlauf." Lieber Herr Nielsen, ich vermag nicht zu entscheiden ob die improvisierte Zusammenfassung meiner gegenwärtigen Romanbemühungen für Sie von auch nur dem geringsten Interesse ist, es besteht aber für mich kein Zweifel, dass meine Berichte ein keineswegs günstiges Licht auf meine literarischen Fähigkeiten und auf meine eigene geistige Gesundheit werfen. Da es aber seit unabsehbarer Zeit mein Vorsatz geworden ist mein Denken niemals zu unterbrechen, niemals zu zensieren und niemals rückgängig zu machen, will ich, wie unklug auch immer, mit meinen Ausführungen fortfahren. Es ist Charlotte gelungen sich als Bundeskanzlerin zu bestimmen, und mit Mathilde der Reinemachefrau, mit Jeremias Zehplus dem Programmierer, mit einem Klempner-Philosophen und einem Zimmermann-Theologen, mit Richter Adams als Justizminister ein Kabinett zu bilden. Die erste Stelle in der Rangfolge ihrer Vorhaben ist den Schutz gegen die Verfolgung von Katenus und Elly, von Joachim, von Jonathan Mengs und natürlich ihrer selbst zu bewirken. Sie weiß dass die Gefahr für sie alle in den von Zehplus verwalteten Rechnerkarteien liegt. Als neue Bundeskanzlerin veranstaltet sie eine private Konferenz mit a) ihrem persönlichen Rechtsberater dem ehrlichen Anwalt Moritz Schwiegel dem sie traut, weil sie weiß dass Schwiegel im Stillen und Geheimen in sie verliebt ist, und b) Jeremias Zehplus dem Hüter der gefährlichen, schicksalshaften Rechnerkarteien. Seinerseits ist Zehplus hilfsbereit und entgegenkommend, denn er ist sich bewusst, und tatsächlich um manches erleichtert, dass er in Charlotte endlich eine kultivierte Vorgesetzte hat die ihn als zuverlässig und ehrlich anmutet. Die Konferenz zwischen Charlotte, Zehplus und Schwiegel über die Katenuskartei im Bundesregierungsrechner ist außerordentlich ergiebig, nicht nur weil man Katenus eifrig bespitzelt hatte, sondern weil Katenus selbst besonders daran gelegen hatte seine Gedanken und Gefühle sprachlich auszuführen und schriftlich zu beurkunden. Bestätigt wurde was Charlotte schon den Diskussionen im Döhringhause in der Linnaeusstraße entnommen hatte, dass Katenusens Vorbild in seinem Denken und besonders in dessen Mitteilung, der altgriechische Denker Platon war, nämlich in der Einsicht, dass das Denken ein Ergebnis der Gesellschaft ist, dass Philosophie den Gesprächen zwischen zwei oder mehreren Menschen entspringt, und dass die dialektischen Zitate solcher Gespräche als die gültigste und verlässlichte Beurkundung des Menschgeistes erkannt werde sollten. Es ergab sich aus den von Zehplus verwalteten Katenuskarteien, dass kurz nachdem Katenus und Elly aufs Festland entflohen waren, und ihre Abwesenheit bekannt geworden war, man auf Befehl des Inselpolizeipräsidenten Leopold Brandes das von Katenus mit Elly Solmsen bewohnte Haus durchsucht hatte. Bei dieser Durchsuchung waren verschiedene elektronische Rechner beschlagnahmt worden deren Festplatten Jeremias Zehplus übergeben worden waren um ihren Inhalt in die von ihm verwaltete Bundesregierungsrechneranlage zu übertragen. Jetzt lagen vor nicht nur eine anonym verfasste Biographie von Katenus, nicht nur getrennte Vorlagen zum Druck seiner zwölf veröffenlichten Bücher, sondern auch am umfangreichsten, eine vierzig Zeilen lange Liste mit dem Titel "Tagebücher und Briefe" mit einem getrennten Eintrag für jeden einzelnen Monat der vergangenen vierzig Jahre, bis zuletzt in jedem Monatsverzeichnis zumindestens hundert Karteien. Das wären insgesamt kaum weniger als achtundvierzigtausend Einheiten. Sogar Zehplus, an elektronische Überfülle gewohnt, schien von der Unmenge des Stoffs entgeistert. Die drei Konferierenden blickten einander an und verstummten. Zuletzt durchbrach Moritz Schwiegels Stimme die Stille. "Mein Gott," sagte er, "Wer soll denn das alles lesen?" Es dauerte aber nicht lange bis Jeremias Zehplus sich erheiterte. Die Sorge und der Gram waren von seinen Gesichtszügen gewichen. Er sagte "Die Problematik die der elektronische Rechner schafft ist am besten mit dem elektronischen Rechner zu beseitigen." "Wie meinen sie das? Wie sollen wir das verstehen?" fragte Moritz Schwiegel. "Die Anlage die ich verwalte," erklärte Zehplus, "ist mit der Suchfunktion 'grep' ausgestattet. Grep steht für 'Global search for regular expression and print out' und ermöglicht die Suche nach jedem Wort das jeweils von Interesse ist. So werden auf die Befehlseingabe 'grep Gott *' alle Zeilen in dem der Ausdruck 'Gott' erscheint, auf dem Bildschirm oder auf Papier abgedruckt. Vergleichbar andere Worte wie etwa 'Teufel', 'Himmel' oder 'Hölle'. Es sollte uns möglich sein mit wenigen Anschlägen in die Tastatur ein wortgetreues umfassendes Bild der Ausstattung von Katenusens Gedankenwelt zusammenzustellen." "Aber gerade diese Fähigkeit der Rechneranlage ist es was für Katenus so große Gefahren birgt, denn wenn Katenusens Denken der Öffentlichkeit zugänglich würde, dann brächte man ihn um, oder sperrte ihn lebenslang ins Gefängnis oder in eine Irrenanstalt," sagte Moritz Schwiegel. "Gerade das, was Sie beschreiben," fügte Charlotte hinzu, "wollen wir verhüten. Was können wir tun? Was schlagen Sie vor? Helfen sie uns!" Diese Worte seiner Vorgesetzten stifteten bei Zehplus große Zufriedenheit; er fühlte sich geehrt ihr behilflich sein zu können. "Ach," antworte er, "das ist ja eine Kleinigkeit. Einfacher noch als Zeilen mit anstößigen Ausdrücken zu finden, ist es, die Kartei in der sie sich befinden mit einem einzigen Anschlag in die Tastatur zu löschen. Zwei Buchstaben 'rm' also 'remove' eingegeben, und die leidigen Gedanken sind verschwunden." Es entstand eine Pause. Schließlich sagte Schwiegel. "Das völlige Auslöschen von Katenusens Gedanken aus den Rechnerkarteien ist aber auch nicht endgültig befriedigend; denn schließlich wollen die Behörden sich ja Katenusens mittels seiner Gedanken bewältigen." "Auch dafür hat die Rechnerelektronik eine Lösung," antwortete Zehplus, denn nun vermochte er es auch sich dem anderen Beteiligten an dieser Konferenz gefällig zu erweisen. "Ich entwerfe für sie ein Programm der künstlichen Intelligenz, AI, artificial intelligence, das die Bedürfnisse der vielen in sogenannte Soziale Netzwerke eingeflochtenen Bürger abliest, und ihnen entsprechend Zusammenfassungen entwirft welche wir dann als Katenusens Gedanken in den Bundesregierungsrechnern speichern. Dann wird keiner an Katenusens Ansichten oder an seiner Person, Anstoß nehmen können." "Großartig, großartig!" jauchzte Charlotte. So hab ich's in der Aletheia gelernt. Hat zwar mit Kochen nichts zu tun, - das aber hat ja auch die Aletheia nicht. Wir gehen dialektisch vor; wir kehren alles um, und stellen alles auf den Kopf. Wir bedienen uns der Katenuskarteien deren Inhalt so anstößig ist um eine neue mehr schmackhafte Lehre zu erfinden und zu veröffentlichen, eine Sammlung wo genau das steht, was alle Welt hören, was alle Welt bestätigt haben will. Daraus werden Bücher die jedermann kauft. Bestseller! Wir werden reiche Leute. Schließlich wird Katenus zum Bundespräsidenten gewählt. Nein, er wird Schützenkönig, und seine Elly, was wird aus der? Elly wird Schützenkönigin." "Endlich, endlich," schloss Charlotte, "habe ich den Beweis, dass die zwanzig Zwanzigdollarscheine, die ich seinerzeit der Schopenhauerausgabe entnommen und im Dusel in die Opferschale in der Glaskapelle der Aletheia geworfen habe, doch nicht vergeudet waren."