am 1. Januar 2022 Liebe Margret, Dein Neujahrsbrief hat mich beglückt, hab vielen Dank. Auch ich habe verschiedentlich an Dich gedacht, ohne zu wissen, wo ich die Brücke zur Vergangenheit finden könnte, und wenn ich sie fände, wie sie zu überqueren. Du magst wissen, oder Dir vorstellen können, dass ich, wie alte Männer so oft unablässig reden, zwangsmäßig schreibe. Da bin ich auf der Suche nach einer Goldnen Mitte, zwischen dem Wortschwallüberfluss und dem Schweigen. Du sollst entscheiden ob ich sie gefunden habe. Wenn ich Dir über meine Gesundheit Rechenschaft ablege, muss ich wählen einerseits zwischen der protzenden Behauptung, dass es mir in Anbetracht meiner einundneunzig-einhalb Jahre gut geht, wenn nur weil ich noch am Leben bin, indessen 85,6% meiner gleichaltrigen Zeitgenossen längst verstorben sind, und andererseits der Mitleid erscheischenden Klage, dass die Verkrüppelung meiner Hüften und die Schwäche meiner Muskeln mir das Stufen- und Treppensteigen wesentlich erschweren, und dass ich zum Gehen in Schneckengeschwindigkeit, oder auch nur zum Stehen, des Gehbocks nicht mehr zu entbehren vermag. Tatsächlich aber bin ich von der Einsicht begeistert, dass wir zu überleben vermögen, indem wir uns an alles Unzuträgliche gewöhnen. Wenn ich heute Briefe und Aufzeichnungen aus meiner Jugend überlese, bin ich erstaunt wieviel zufriedener ich mir mit 91 Jahren vorkomme als mit neunzehn. Nachdem Nathaniel und seine Verlobte Sabine den Sommer in unserem nach 17 Jahren immer noch unfertigen Ferienhaus auf der Insel Nantucket verbracht hatten, sind die beiden am 30. November dieses Jahres zu mir in das geräumige Haus in Belmont gezogen, wo ich seit dem Tod meiner Frau am 14. Oktober 2015 in abgeschiedener Einsamkeit wohnte. Auch ihren großen schwarzen Hund, mit weißen Pfoten, mit weißer Nase, und weißem Brustfleck haben sie mitgebracht. Nathaniel hat mir verschiedentlich berichtet, das Vorbild bei der Anschaffung war Euer Hund, den er vor Jahren bei dem Besuch in Pankow kennen lernte. Als ich gestern von Deinem Brief erzählte, erinnerte sich Nathaniel lebhaft an seinen Besuch bei Euch, und äußerte wieder einmal seine Dankbarkeit für Deine damaligen Bemühungen ihn mit Berlin vertraut zu machen. Nathaniel sendet Dir seine herzlichen Grüße zum Neuen Jahr. Obgleich ich dem Eindringen in meine Einsamkeit mit einiger Besorgnis entgegen sah, stimmt mich heute die Gelegenheit ihm und Sabine behilflich zu sein sehr zufrieden. Wenn mich das lange Leben eins gelehrt hat so ist es, dass mein Glück nicht darin besteht geliebt zu werden, sondern in der Gelegenheit zu lieben. Herzliche Grüße und Wünsche für ein seliges Neues Jahr an Euch beide. Dein Jochen