am 28. Dezember 2021 Liebe Gertraud, lieber Bernd, jedes Mal wenn ich die Rechnerkarteien dieses Monats überschaue, fällt mir auf, dass ich es bis jetzt unterlassen habe Eueren wie stets so liebenswürdigen und liebevollen Brief vom 18. Dezember zu beantworten. Wenn ich mich dann frage, wieso meine übliche Redseligkeit mich scheinbar im Stich gelassen hat, bietet sich mir als Antwort die Feststellung, dass ich begonnen habe mich meines Schreibens zu schämen. Ich betrachte es als aufdringlich, Euch mit den vorlauten Gedanken mit denen ich mir die Tage und Nächte vertreibe, zu behelligen; zugleich finde ich es ungehörig die großen, schweren Fragen zu denen ich keine Antwort weiß und die es sich gebührt den akademischen Spezialisten zu überlassen, immer und immer wieder anzuschneiden und wiederzukauen. Vielleicht tue ich dies, weil ich mich der unmittelbaren Problematik des Lebens im hohen Alter hilflos gegenüber befinde. Ich war im Begriff zu schreiben "hilflos gegenüber stehe", aber damit hätte ich Euch über die Tatsache hinweggetäuscht, dass mir seit einiger Zeit das Stehen, abwesend der Gehbock, auch ohne jegliches Gegenüber nicht mehr gelingen will. Am Abend des 17. Dezember erhielt ich einen Telephonanruf von Margarets Neffen John McPhedran - die Umstände unter welchen ich Margarets Neffen auch als den eigenen betrachten sollte, sind mir unklar. - John berichtete sein Vater, Alex, wäre um vier Uhr, am frühen Morgen dieses Tages, im Alter von 92 Jahren und 50 Wochen, gestorben. Alex und ich hatten uns im September 1945 als Mitschüler in Germantown Friends School kennen gelernt. Im folgenden Mai, hatte er mich eingeladen seine Familie, einbeschlossen seine Schwester Margaret, zu den Bach Festkonzerten in Bethlehem Pennsylvania zu begleiten. Hernach hatten wir uns im Grundstudium in Harvard, drei Jahre lang in einer Wohnung geteilt, so wie auch im ersten Jahr des Medizinstudiums. Als wir uns kennen lernten war ich 15 Jahre alt. Alex war anderthalb Jahre älter. Der Anbeginn unserer Beziehung war gedämpft von der Vorstellung seiner Eltern, ich solle ihrem Sohn in irgendeiner Weise als Vorbild (role model) dienen. Wie Alex den Umgang mit mir, 76 Jahre lang ausgehalten hat, weiß ich selbst nicht. Während ich im Geiste Felix Krulls mich vor dem Militärdienst im Vietnamkrieg drückte, indem ich den mich prüfenden Psychiater versicherte, ich verspräche mir vom Militärdienst die Besserung meiner seelischen Leiden, und wäre zuversichtlich Militärdienst erfolgreich erfüllen zu können, vorausgesetzt dass mir ein Einzelzimmer zur Verfügung stünde - wurde Alex seinem Quaker Pazifismus gerecht, indem er als alternativen Dienst Betätigung im U.S. Public Health Service wählte. Hinterher ließ er sich als Neurologe ausbilden, und erhielt Anstellung von Emory University in Atlanta, Georgia als Privatdozent. Nach einigen Jahren, 1973, zog er nach Augusta, Maine um sich an der Gründung eines Instituts zur Ausbildung praktischer Ärzte auf dem Lande zu beteiligen. Dort war er bis etwa zehn Monate vor seinem Tode tätig. In den vierzig Jahren zwischen 1973 und 2013 unternahmen Margaret und ich regelmäßig die achtstündige Rundfahrt nach Maine um Alex und seine Familie zu besuchen. Ich kann mich nicht besinnen, dass er bei Gelegenheit mehrfach wiederholter Besuche zu seinem Vetter in Boston, auch nur ein einziges Mal zu Margaret, Klemens und mir nach Belmont gekommen wäre. Schließlich, im Sommer 2015, als Margaret umnachtet und bettlägrig war, ließ Alex sich zwei oder drei Mal von seinem Sohn John nach Belmont fahren. Auch dann war er mit meiner Pflege seiner Schwester nicht zufrieden. Er drängte mich Hilfspersonal anzustellen, und sagte "You would be better off, and so would she." Nachdem Margaret gestorben war, setzte er ohne Besprechung mit Klemens oder mir, auf Drängen seiner - und Margarets jüngerer Schwester Janet, eine Gedächtnisfeier für Margaret, nicht bei uns, nicht einmal bei sich, sondern in Janet's Haus in Sharon Massachusetts an. Klemens war entsetzt und empört. Ich selbst war durch Margarets Tod in einem Maße gelähmt, dass ich nichts bekundete als meine Weigerung an der geplanten Gedächtnisfeier teilzunehmen, und gab aber meinen Gedanken und Gefühlen in drei deutschsprachigen, und schon deshalb von keinem verständlichen Sonetten Ausdruck. Posthume Scheidung Sie waren nie mit unsrem Glück zufrieden. Geschwister drei, die ich von Dir erworben, haben sich nie mit unsrer Lieb' beschieden und hätten bald die Ehe uns verdorben. Hätten uns gern geschieden umso mehr weil es unmöglich war uns zu verkennen. Die Dich zu pflegen unterließen hoffen sehr es sollte jetzt gelingen uns zu trennen. Sie feiern Dein Gedächtnis ohne mich! Die Gabe in ihren Kreis woll'n sie zurück sich holen, als hätt' ich Dich von ihnen einst gestohlen. Ich weiß du drehst erstaunt Dich um im Grabe. Bewein es nicht, lach' ihnen ins Gesicht, und frag mit strengem Blick, Ihr schämt euch nicht? Gedächtnisfeier I Die Feier ist vorsätzliches Verbrechen euch an der Seele Heiligkeit zu rächen. Der Vorwand ist Erinnerung zu schüren um Mord an Treu und Wahrheit durchzuführen. Gedächtnis ist Gelegenheit geworden um Lieb und Trauer ruchlos zu ermorden. Ihr Gruppenvergewaltiger der Seele beklagt dass ich euch bei der Feier fehle. Nichts ist mir ferner als zu dieser Schande mit euch mich zu verbinden, Lümmelbande gefühl- und herz- und geistlos die ihr seid. Ich warte in Geduld und Einsamkeit, und danke Gott dass sie nicht mehr erlebt die Schand' und Schmach die ihr zusammen webt. Gedächtnisfeier II Trächtig mit trauriger Zerstrittenheit, was will dies Wort Gedächtnisfeier besagen? Ich komme nicht umhin danach zu fragen: Ist's meine Schuld? Ist's meine Eitelkeit? Geheimnisvolles Kreuz von Ich und Welt. Zwar feiern viele, doch ist's einer nur der das Geheimnis im Gedächtnis hält. Ich suche Dich. Hier find ich keine Spur von Liebe, nichts als einen Opfergang sie am Geselligkeitsaltar zu schlachten, zu witzeln und zu kichern, lebenslang Gedächtnis mit Vergessen zu verachten. Dich zu erinnern heißt das Leben erben; die Liebe zu vergessen heißt zu sterben. Schließlich versagte Margarets Geschwistern der Mut. Alex ins besondere war um Klemens Verärgerung besorgt. Es entwickelte sich eine Reihe von Telephonaten zwischen uns. Als ich anbot mich ihm bei einer auch Klemens annehmbaren Gedächtnisfeier für Margaret behilflich zu sein, wies er mich, mit der Erklärung von schließlich mangelndem Interesse, ab. Ich weiß nicht ob es nur die letzten Monate oder schon die letzten Jahre seines Lebens waren, dass Alex Beziehung zu mir zunehmend liebevoller und leidenschaftlicher wurde. Wir telephonierten mit einander wöchentlich, jeden Sonnabend oder jeden Sonntag rief einer von uns den anderen an. Ich bekannte ihm meine Schuldgefühle seiner Schwester, seinen Eltern und seinen Geschwistern gegenüber, der ich Margaret aus der Welt ihrer Kindheit in meine eigene abwegige Existenz gelockt hatte. Wir zitierten die Namen, und erinnerten die Personen der vorverstorbenen Mitstudenten die wir in den Jahren 1946 bis 1954 kennengelernt hatten. Anfangs betonte Alex seine Rüstigkeit, erzählte mir, der ich schon damals kaum vom Stuhl aufzustehen vermochte, von seinen täglichen Ausflügen. Anfangs schaffte er drei Meilen pro Tag; dann wurden es zwei, und schließlich nur noch eine Meile. Er beschrieb seine zunehmende Kurzatmigkeit, das Anschwellen seiner Beine, die Schmerzhaftigkeit der Binden in die man meinte die triefenden Glieder einwickeln zu sollen. Und dann starb er, ich vermute zum Teil infolge des Morphiums mit dem man versuchte seine Atemnot zu lindern. Als ich Klemens von seines Onkels Tod berichtete, sah ich eine Träne am Rande seines Augenlids. Und nun, das verstehe ich sehr wohl, bin ich der Nächste, bin ich an der Reihe. Inzwischen aber meine neue Aufgabe, die Bewirtung meines Enkels Nathaniel seiner Verlobten Sabine, und seines großen, fast völlig stummen schwarzen Hundes mit weißen Pfoten und weißer Schwanzspitze. Heute sind es genau vier Wochen, achtundzwanzig Tage, seit ihrem Einzug. Bis jetzt hätte sich das neue Zusammenleben kaum ersprießlicher entwickeln können. Nathaniels Dirigententätigkeiten sind verständlicher Weise durch die Covidpandemie unterbrochen. Umso leidenschaftlicher vervollkommt er sich in seinem Trompetenspiel. Er hat sich das Westzimmer im dritten Stock des Anbaus als Übungsort gewählt. Dort übt er sein Trompetenspiel, morgens, nachmittags oftmals bis in den Abend. Ich höre ihn gern. Die zwanghafte Intensität seiner Betätigungen erinnert mich an die Zwangsmäßigkeit meines eigenen Denkens und Schreibens. Und auch die Verzweiflung die zeitweilig von der Vereinsamung in seinem Beruf ausgelöst wird, meine ich nachempfinden zu können. Seine Verlobte, Sabine, - nach ihrem Nachnamen habe ich nie gefragt - scheint ihm bedingungslos zugetan. Sie ist eine eifrige Köchin, deren Bemühungen auch mir zugute kommen. Sie möchte Jura studieren, ist bei Rechtsfakultäten in Boston so wie auch in Toronto, Kanada, angenommen; und hat vorerst um Geld zu verdienen eine Stelle als Assistentin (Paralegal) bei der Staatsanwaltschaft von Middlesex County angenommen. Nathaniel berichtet, Sabine würde es vorziehen beim Verteidigen als beim Verklagen zu assistieren. Dafür möchte ihr was sie jetzt lernt eines Tages als künftige Verteidigerin zugutekommen. Das Weihnachtsfest war für Sabine von erheblicher Bedeutung. Der Baum den sie besorgte und schmückte, die Girlanden kleiner weißer Glühbirnen am Treppengeländer und an dem Türrahmen, erinnerten mich an eine Kindheit und Jugend wo das Feiern mich nie so recht befriedigte. Jetzt aber bin ich dankbar für die Gelegenheit zu beweisen dass es mir gelingen kann, das Feiern meiner Enkelkinder nicht zu stören. Somit soll es genug sein für heute. Herzliche verspätete Weichnachtsgrüße und verfrühte Neujahrswünsche an Euch beide. Euer Jochen