Eine weitere Erwägung in dieser Beziehung ist die respektive Gültigkeit der verschiedenen "Wissenswahrheiten" mit denen ich (und mein Gemüt) von der Gesellschaft in der ich mich jeweilig befinde erleuchtet oder umnachtet werde. Je empfindlicher und je nachdenklicher ich bin, desto öfter prägen sich widersprüchlich unvereinbare Schlussfolgerungen mir ins Gemüt und zwingen mich zu Unterscheidungen zwischen richtig und falsch, zwischen wahr und unwahr, zwischen Wachen und Traum, zwischen Wahrnehmung und Phantasie, zwischen gültig und ungültig, zwischen Wahrheit und Unwahrheit, zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit. Das Aussortieren, das Entwirren dieser Unbestimmtheiten ist eine der wesentlichsten Aufgaben meines Denkens. Denn die Welt in der ich lebe ist eine geistige, ist eine Geisteswelt, wenn nicht gar Geisterwelt. Es ist die Welt meiner Vorstellungen. Diese Welt meiner Vorstellungen ist Resultante unterschiedlicher und sich oftmals widersprechender gesellschaftlichen Forderungen, Imperative, deren Ziel ich bin. Die Anfälligkeit, die Verletzlichkeit meines Geistes, meines Denkens, ist Folge und Funktion der Öffentlichkeit, des Öffentlichseins meiner Gedanken. Überlegungen die stillgeschwiegen nur mir selber, nur engvertrauten, und wie etwa meinem Irrenarzt, meinem Psychiater, meinem Beichtvater bekannt werden, vermögen nur von jenen Eingeweihten beanstandet werden. Verlautbarungen jedoch, wie etwa Leserbriefe, Gerichtseingaben, Proklamationen aller Art welche an die Öffentlichkeit gelangen, setzen mich Gefahren von Geldstrafen wenn nicht gar Freiheitsstrafen wenn nicht im Gefängnis, dann in der Irrenanstalt aus. Umso bedrohlicher wenn ich dozierte, sei es als Grundschullehrer oder als Universtätsprofessor. Dann'' würden meine Arbeitgeber, wenn nicht gar meine Schüler oder Studenten, sich anmaßen meine Gedanken an ihrem eigenen vielleicht begrenzten Verständnis zu eichen, um mich für meine gedanklichen Vergehen mit den ihnen verfügbaren Maßnahmen, Auflagen, Sanktionen zu bestrafen. Mehr problematisch dünkt mich die Tatsache, dass mein Denken, mein geistiges Wirken in Grunde ein gesellschaftliches ist, und dass es zu seinem Gedeihen des gesellschaflichen Austausches bedarf. So wird ersichtlich die Weise, der Mechanismus, mittels dessen die Gesellschaft, eigentlich jede Gesellschaft dem zermürbenden oder konstruktiven Einfluss unregelmäßiger, ordnungswidriger Gedanken vorbeugt und sich das Verbleiben in vertrauter Mittelmäßigkeit gewährleistet.