Subject: Dein Brief vom 2.12. am 18. Dezember 2021 Lieber Jochen, draußen alles grau und neblig, kein Frost, nichts Winterliches, jeden Tag dasselbe, eigentlich gutes Wanderwetter, wenn es denn Wege gäbe in unseren entbaumten ehemaligen Wäldern mit den tief zerfurchten, schlammigen, unbrauchbar gemachten Wegen. Das entmutigt auf die Dauer wirklich. Unser asphaltierter Ausweichweg, die schmale Kreisstraße im Kerspetal, ist so stark befahren, dass Fußgänger - die es fast gar nicht mehr gibt - alle Naselang an den Rand ausweichen müssen, was auf die Dauer den oft missmutigen Gedankenfluss zum Stocken bringt. Die Autobahn 45, unsere Sauerlandlinie, die zur Überwindung der vielen Täler sehr viele brücken enthält, ist wegen gefährlicher Brückenschäden - die spätestens seit 2014 bekannt sind - ist urplötzlich zwischen Lüdenscheid und Lüd.Nord bis in unbekannte Ferne gesperrt, das Chaos ist groß, die Ratlosigkeit und Verzweiflung auch. Davon sind Bernd und ich nur sehr mittelbar und eher wenig betroffen, aber der zwangsweise umgeleitete Verkehr füllt natürlich auch unsere Straßen. Und die LKWs, ohnehin die Alpträume unserer zeit, haben es schwer, machen aber auch allen anderen das Leben ebenso. Naja. Selber schuld, die Menschheit. Noch 6 Tage bis Heiligabend, ich backe die in meiner Familie traditionellen Haferflockenmakronen und das Berliner Brot, wozu mir heute Morgen - ich konnte schlecht schlafen - genau ein Ei fehlt, obwohl uns unser freundlicher Bauer (der mit den Blühfeldern) jede Woche 10 Eier in den amerikanischen großen Briefkasten legt. Naja, der Tag ist noch lang. Bernd war betrübt, weil ich schon lange vor ihm aufgestanden war und er mir also nicht, wie sonst nahezu täglich, Zeitung und Tee ans Bett bringen konnte. Das motiviert ihn zum Aufstehen, und heute muss er nun ganz allein einen Grund finden. Er hat eine Neigung zu Depressionen. Gerade habe ich ihn etwas ermuntert, und nun werden wir erst einmal eine Tasse Tee trinken und das Leben, besonders den heutigen Tag, bedenken. Jetzt schicke ich dieses Brieflein erstmal los, es ist ja nur eine Art Vorrede, aber vielleicht besser als gar nichts. Du schläfst wohl noch, bei Euch ist es tiefe Nacht. Umdisponiert! Also weiter. Wir haben uns sehr gefreut über Deine neuen Hausgenossen, Nathaniel und Sabine. Glückwunsch! Ich nehme an, die Beiden haben andere Vorstellungen von der ihnen zuträglichen Raumtemperatur, und möchten nicht den Winter als Eskimos verbringen. Wie einigt Ihr Euch da? Kannst Du Dich vielleicht mit etws südlicherer Luft anfreunden? Seid Ihr von diesen Schrecklichen Tornados irgendwie betroffen? oder habt Ihr schon Wintereinbrüche? Das Wetter ist in den USA doch oft unheimlich zu Extremen neigend. Wir haben hier im Sauerland ja bisher Glück gehabt - nein, nicht im Sauerland, da gab es ja auch heftige Überschwemmungen und Erdrutsche, aber in der Schmiedestraße war davon nichts zu spüren. Deine Auseinandersetzung mit Jesaia hat uns sehr beeindruckt, auch verwirrt, wir haben sie mehrmals gelesen und kamen aus dem Staunen nicht heraus. Von Jesaia ist uns nicht mehr als der Name bekannt und einige Liedzeilen, ebenso, dass er Prophet war, aber inhaltlich hat er uns nie berührt. Du hast Dich intensivst in seine Gedanken hineinversetzt. Wir fühlen uns geehrt, dass Du uns das mitteilst, aber es bleibt uns fremd. Nicht so der Zwiespalt zwischen dem Bedürfnis nach Einsamkeit und Gesellschaft, wobei die Anteile dieser beiden Bedürfnisse wohl bei verschiedenen Menschen verschieden stark ausgeprägt sind. Aber zuallermeist ist der Mensch ein soziales Wesen und braucht den Umgang und die freundliche Nähe zu anderen. Die Dosierung wechselt. Und im Alter wächst, nach meinen Beobachtungen, das Bedürfnis nach Wegtauchen, nach einem tiefen langen Winterschlaf. DANACH WIRD HOFFENTLICH WIEDER ALLES BESSER: Die Großbuchstaben waren ein Versehen, aber sie passen zum Text, finde ich, deshalb dürfen sie bleiben. Auf der Terrasse erscheinen ein Rotkehlchen, drei Stieglitze, eine Amsel und immer wieder mit unwahrscheinlicher geschwindigkeit ein Mäuslein. An den Sonnenblumen-kernen sind sie alle interessiert. Jetzt werde ich das Gespräch mit Bernd nachholen, dann zu einer befreundeten Nachbarin gehen und ihr das Wochenendrätsel aus der heutigen Zeitung bringen und über das Leben klönen, danach mit Bernd unseren Gang im Kerspetal machen und schließlich , nachdem ein Ei erworben ist, die zweite Fuhre Berliner Brot backen. Kennst Du das?? Bestelle doch bitte Nathaniel ganz herzliche grüße und richte ihm aus, dass wir immer mal wieder mit Vergnügen an ihn denken. Dir alles Gute! Wir werden über Weihnachten zu unseren alten Freunden nach Langenfeld fahren, den Baum bringen wir mit, einen sauerländischen, und unsere Kekse und Baumschmuck und zur Unterhaltung einige DvDs, "A Christmas Carol" und eine über die Wiedereinführung der Gänsegeier im Lozère und über die Przcwalskipferede auf der Causse Méjean und die Umsiedlung der ersten etwa 10 Tiere in die Mongolei, woher sie ursprünglich kommen. Mal sehen. Barbara möchte immerzu Weihnachtslieder singen, aber das finden wir allmählich kaum noch möglich. Es fehlt nicht nur der christliche Glaube, sondern auch der vertraute familiäre Rahmen. Am 13.Dezember 1958 hat mein Vater die letzte Prüfung seiner Fortbildung zum Realschullehrer bestanden. Da war er schon sehr krank. Trotzdem hat er im Januar noch am Probeunterricht mitgewirkt (Aufnahmeprüfung für Gymnasium der Grundschüler). Kurz darauf kam er ins Krankenhaus und ist genau vier Wochen später gestorben. Das alles ist mir immer noch sehr nah und wird es von Jahr zu Jahr mehr. So, jetzt fängt dass Tagesgeschehen so richtig ab. Viele liebe Grüße, Deine gertraud und Bernd. P.S. Die verflixte Großschreibung korigiere ich nicht mehr. Du weißt schon, was gemeint ist. Ich drücke oft nicht stark genug auf die entsprechende Taste.