Am 12. Dezember 2021 NICHT ABGESANDT Liebe Cristina, Gestern Abend beendete ich meinen Brief an Dich mit der Einsicht, mein Denken habe mich in eine Sackgasse ohne erkennbaren Ausweg verleitet. Ich war müde; die Abendstimmung hatte sich meiner bemächtigt. Vorm Zubettgehen las ich dann eine Tagebuchaufzeichnung von vor etwa dreißig Jahren. Damals hatte der Widerspruch, oder vielleicht nur die Konkurrenz des äußerlichen darstellbaren objektiven Wissens mit dem anschaulichen, inwendigen, intuitiven Fühlen mein Denken in Besitz genommen. Gestern Abend fiel mir ein, dass es vielleicht dieser Widerspruch war der mein Denken auch jetzt noch fortfährt zu lähmen. Heute morgen entwickelte sich mein Denken mit der Feststellung, dass in meinem (einstigen) Beruf angenommen wird, alles Wissen sei unvermeidlich objektiv, und vermöchte nur von Sinnbildern, von Worten und mathematischen (statistischen) Symbolen zum Ausdruck gebracht werden. Es fiel mir plötzlich auf wie widersinnig es ist, dass die Psychiatrie, welche buchstäblich beansprucht die Subjektivität, will sagen, "die Seele" zu deuten, zu betreuen, zu heilen, diese Aufgabe mit den Instrumenten der Sachlichkeit zu bewerkstelligen sucht, wo es doch offensichtlich ist, dass es dabei um ein Inwendiges, Inneres, mit nicht darstellbaren Vorgängen geht. Dabei fiel mir auf, dass auch der Begriff, die Vorstellung des Normalen, dem Zählen oder Messen unterliegt. Es ist möglich eine normale Temperatur, ein normales Gewicht, eine normale Größe, eine normale Häufigkeit des Herzschlags oder des Atmens zu bestimmen. Man vermag das Ausmaß der normalen Aufnahme von Flüssigkeiten und Nährstoffen zählen oder messen. Auch normale Sehschärfe und Hörschärfe lassen sich festlegen. Sogar ein normaler Umfang und eine normale Beharrlichkeit des Gedächtnisses lassen sich feststellen. Aber "normale" Freude. normale Trauer, normale Besorgnis, normale Einsamkeit gibt es nicht. Weiteres Kalibrieren des Gemüts wird zunehmend verwickelter, schließlich bis zur Unmöglichkeit. Ohne diese Problematik weiter zu verfolgen, kam mir der Gedanke, dass es zwar in vielen Bereichen der Medizin möglich ist den gesundedn Patienten vom Kranken zu unterscheiden, doch bei der Behandlung der Seele, i.e. in der Psychiatrie, ist es vielleicht tunlich anzunehmen, dass Normalität schließlich nur ein Grenzstrich ist, eine Linie von infinitesimaler Breite, durch welche die weiten Spektren gegenseitiger seelischer Zustände von einander getrennt liegen. Das möchte am einleuchtendsten in den Bereichen von Gefühlen wie etwa Freude und Trauer, Manie und Depression, Schaffenslust und Faulheit, Euphorie und Dysphorie, Tätigkeit und Indolenz erscheinen, wo Gesundheit abhängig nicht vom Befinden des Betroffenen sondern von der gesellschaftlichen Annehmbarkeit seines Betragens ist. In meiner besonderen Situation frage ich mich, wie es um meine Redseligkeit, um meinen Zwang zum Schreiben einerseits und andererseits mit meinem Bedürfnis nach Einsamkeit und Abgeschiedenheit bestellt ist. Wäre es vielleicht eine Autismus Spektrum Störung womit ich behaftet bin? Und warum sollte nicht ein solches Siechtum als breites Ausschwingen in beide Bereiche, in das Zuviel und in das Zuwenig der Mitteilsamkeit ausschweifen. Wobei ich dennoch als "normal" erscheine, insoweit jedenfalls wie mein Betragen der Öffentlichkeit unanstößig ist. Bestätigt vielleicht nicht schon dieser Brief an sich meine Mutmaßungen? Liebe Cristina, ich meine entdeckt zu haben worum es vor allem im Leben geht: nämlich um die Fähigkeit mich mit der Verrücktheit, nein nicht der Welt, sondern meiner selbst, abzufinden. Herzliche Weihnachtsgrüße an Dich und Deine Eltern. Dein Jochen