am 11. Dezember 2021 Liebe Cristina, Noch eh ich meinen jüngsten Brief am 24. November 2021 an Dich abgesandt hatte, bekam ich einen Telephonanruf der die Einsamkeit und Abgeschiedenheit mit der ich mich zu trösten gewohnt hatte, wesentlich zu bedrohen schien. Obgleich die Gültigkeit der schon fertig beschriebenen Preisung meines Alleinseins damit in Frage gestellt, wenn nicht gar Lügen gestraft schien, drückte ich dennoch auf den "Send" Knopf zu dem der Bildschirm mich einlud, und ließ Dir die Beschreibung meiner scheinbar überholten Existenz zukommen. Am nächsten Tag erhielt ich Deine liebenswürdige und liebevolle Antwort, und fand mich nun umgehend für meine Unredlichkeit, wenn es eine solche war, bestraft, insofern ich mich verlegen befand, wie es mir möglich sein sollte auf den Pfad der ungeschminkten Wahrheit zurückzukehren. Vierzehn tagelang habe ich ihn gesucht. Die Entscheidung ob ich ihn gefunden habe, soll Dir überlassen bleiben. Der Telephonanruf am 24. November war von Nathaniel. Du magst Dich an meine Festellung erinnern, mit der ich vor fünf Jahren unseren Austausch von Gedanken und Gefühlen einleitete, dass die Beziehung zwischen Dir und mir, als grundsätzlich von Nathaniel separat und getrennt verstanden werden sollte. In all den Briefen die ich Dir seither schrieb, habe ich es nach Möglichkeit vermieden Nathaniel überhaupt zu erwähnen, wie unmittelbar sein Wesen, sein Leben, sein Schicksal mich auch dieweil beschäftigen mochte. Auch jetzt werde ich von diesem Vorsatz nicht abweichen, es sei denn lediglich Dir zu erzählen dass der Telephonanruf am 24. November von Nathaniel kam, der mir berichtete, dass er, seine Freundin Sabine, und sein Hund, am 30 November 2021, in dieses große leer stehende Haus auf 174 School Street in Belmont, für unabsehbare Zeit einziehen würden. Die Ursache: Sabine die Rechtsgelehrsankeit zu studieren beabsichigt, habe eine bezahlte Stelle bei der Staatsanwaltschaft von Middlesex County, als Assistentin für Fahndungsverfahren gegen Wirtschaftsverbrecher (white collar criminals) angenommen. Somit befürchtete ich die Einsamkeit mit der ich geprotzt hatte wäre unwiederbringlich zerstoben. In den jüngst verstrichenen zehn Tagen habe ich aber erfahren, dass dies nicht geschehen ist, und höchst wahrscheinlich nicht geschehen wird. Hingegen erscheint mir die gelobte Einsamkeit bewahrt und unverbrüchlicher denn je. Auch jetzt will ich Dir meine Beobachtungen und Erwägungen über Nathaniel, über seine Freundin und über seinen Hund ersparen, will Dich statt dessen mit den theologischen und psychologischen Erwägungen behelligen, die in den vergangenen Wochen und Monaten wie Fledermäuse in einer verfallenen Rumpelkammer in meinem umnachteten Gemüt herumgeschwirrt sind, und Verstecken mit einander gespielt haben. Ich bin mir bewusst, dass diese Gedanken eventuell als Rückschlüsse oder Entwürfe der Fülle oder Leere des alltäglichen "Familienlebens" in einen transzendentalen Bereich des rein Geistigen gedeutet werden möchten. Aber dergleichen Entknotungen, so wie mögliche Unterscheidungen zwischen Wahrheit und Unwahrheit liegen in Deinem Bereich und bleiben Dir überlassen, Dem Bedürfnis mich zu erklären und verstanden zu werden stehe ich mit Zurückhaltung gegenüber. Was heißt Verstehen? Was heißt verstanden werden? Was besagt es zu beanspruchen die Sprache, die ausgesprochenen oder niedergeschriebenen Gedanken eines anderen zu verstehen? Nichts was "selbstverständlich" ist, bedarf meiner Bemühungen es zu erklären, es zu deuten, es zu verstehen. Was aber nicht selbstverständlich erscheint, ist unverständlich, und wird durch den Anspruch es dennoch zu verstehen oder verständlich zu machen, gezwungen und entstellt. Vielleicht ist die Sehnsucht verstanden zu werden das Bedürfnis ein Zusammensein, eine Gemeinsamkeit, zu erlangen welche ein gegliedertes Zusammenwirken oder gar Zusammendenken und Zusammenfühlen ermöglicht. Wie lässt sich der Wunsch verstanden zu werden mit dem Bedürfnis nach Einsamkeit vereinbaren? Meine Mutter, welche die Einzige war von der ich als Kind "verstanden" zu werden meinte, erklärte später meiner künftigen Frau, mein Verlangen nach Einsamkeit wäre der Ausdruck meiner Verzweiflung nur in einem mir ungenügenden Maße verstanden zu werden. Wenn ich eine Ähnlichkeit der geistige Nähe des Verstandenwerdens mit der körperlichen Nähe des Umarmtwerdens konstatiere, dann kommt mir die Forderung von fremden Menschen verstanden zu werden, als unverschämt, schamlos, wenn nicht gar unsittlich vor. Das möchte der Grund sein, weshalb ich seit einiger Zeit nicht mehr versuche was ich denke, was ich fühle, was ich schreibe, zu veröffentlichen. Ich frage mich, ob es überhaupt einen einzigen Menschen gibt dem ich versuchen sollte mich zu erklären, mich mitzuteilen. Nicht verstanden zu werden ist die endgültige Einsamkeit. Es ist offensichlich unhöflich, aber es will gesagt sein: Indem ich unsere Korrespondenz vom Anfang des vorigen Jahres überlese, ahne ich, dass es mir nicht gelingen wollte, Dir was ich mit dem 7. Kapitel meines Romans Döhring im Sinn hatte, verständlich zu machen. Im Rückblick scheint es mir, dass ich mein ganzes Leben mit dem Versuch verbracht hätte die entsetzlichen Untaten der national-sozialistischen Deutschen - und Österreicher - in ein erträgliches Weltbild einzufügen, ein Unterfangen das man herkömmlich als Theodizee bezeichnet: Wie vermochte ein allwissender, allmächtiger und allgütiger Gott, Buchenwald und Dachau, Theresienstadt und Auschwitz und all die anderen Gräuelstätten und Gräueltaten der Nazis geschehen lassen? Der moderne Psychiater würde mein Erleben als Post Traumatische Belastungs Störung (PTBS) diagnostizieren. Ich vermag meine Erinnerungen nicht abzutun. Die große Mehrzahl der "guten" Deutschen waren National-Sozialisten und billigten das Vorgehen ihres Führers. Ich besinne mich auf Patienten meines Vaters, überzeugte Nazis, die zu Ostern 1934, ein Jahr nach dem Umsturz, meinen Vater trotz seines Judentums als "Frontkameraden und vorbildlichen Hausarzt" mit "freundlichem Gedenken" beglückwünschten, und welche die Untaten ihres mörderischen Reichskanzlers mit dem naivem Glauben entschuldigten, "Der Führer will das nicht." Immer wieder leiten mein Denken und mein Fühlen mich zu den Worten Jesajas welchen ich die Wurzel und den Gipfel dieses Siebten Kapitels entlese: "παιδεία εἰρήνης ἡμῶν ἐπ᾽ αὐτόν". Entschuldige bitte, dass ich die zwölf Verse aller drei mir zugänglichen Übersetzungen, die Septuaginta, die Lutherbibel, und King James Version zitiere. Ich tue es, weil ich die Ungereimtheiten der verschiedenen Texte nicht zu vereinbaren vermag. Vielleicht, dass Deine Vertrautheit mit dem modernen Griechisch Dir den mir teilweise unverständlichen Text der Septuaginta zugänglicher macht. 1 Aber wer glaubt unsrer Predigt, und wem wird der Arm des HERRN offenbart? 2 Denn er schoß auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt noch Schöne; wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4 Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in der Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg; aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7 Da er gestraft und gemartert ward, tat er seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer und seinen Mund nicht auftut. 8 Er aber ist aus Angst und Gericht genommen; wer will seines Lebens Länge ausreden? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er um die Missetat meines Volkes geplagt war. 9 Und man gab ihm bei Gottlosen sein Grab und bei Reichen, da er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat noch Betrug in seinem Munde gewesen ist. 10 Aber der HERR wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, so wird er Samen haben und in die Länge leben, und des HERRN Vornehmen wird durch seine Hand fortgehen. 11 Darum, daß seine Seele gearbeitet hat, wird er seine Lust sehen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, viele gerecht machen; denn er trägt ihr Sünden. 12 Darum will ich ihm große Menge zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, darum daß er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleich gerechnet ist und er vieler Sünde getragen hat und für die Übeltäter gebeten. So lautet die moderne (1912) Übersetzung nach Luther. Da aber Luthers Übersetzung stellenweise propagandistische Neigungen aufweist, und von King James Version wie auch Septuaginta abweicht, zitiere ich beide Übersetzungen zum möglichen Vergleich. LXX 1: κύριε τίς ἐπίστευσεν τῇ ἀκοῇ ἡμῶν καὶ ὁ βραχίων κυρίου τίνι ἀπεκαλύφθη 2: ἀνηγγείλαμεν ἐναντίον αὐτοῦ ὡς παιδίον ὡς ῥίζα ἐν γῇ διψώσῃ οὐκ ἔστιν εἶδος αὐτῷ οὐδὲ δόξα καὶ εἴδομεν αὐτόν καὶ οὐκ εἶχεν εἶδος οὐδὲ κάλλος 3: ἀλλὰ τὸ εἶδος αὐτοῦ ἄτιμον ἐκλεῗπον παρὰ πάντας ἀνθρώπους ἄνθρωπος ἐν πληγῇ ὢν καὶ εἰδὼς φέρειν μαλακίαν ὅτι ἀπέστραπται τὸ πρόσωπον αὐτοῦ ἠτιμάσθη καὶ οὐκ ἐλογίσθη 4: οὗτος τὰς ἁμαρτίας ἡμῶν φέρει καὶ περὶ ἡμῶν ὀδυνᾶται καὶ ἡμεῗς ἐλογισάμεθα αὐτὸν εἶναι ἐν πόνῳ καὶ ἐν πληγῇ καὶ ἐν κακώσει 5: αὐτὸς δὲ ἐτραυματίσθη διὰ τὰς ἀνομίας ἡμῶν καὶ μεμαλάκισται διὰ τὰς ἁμαρτίας ἡμῶν παιδεία εἰρήνης ἡμῶν ἐπ᾽ αὐτόν τῷ μώλωπι αὐτοῦ ἡμεῗς ἰάθημεν 6: πάντες ὡς πρόβατα ἐπλανήθημεν ἄνθρωπος τῇ ὁδῷ αὐτοῦ ἐπλανήθη καὶ κύριος παρέδωκεν αὐτὸν ταῗς ἁμαρτίαις ἡμῶν 7: καὶ αὐτὸς διὰ τὸ κεκακῶσθαι οὐκ ἀνοίγει τὸ στόμα ὡς πρόβατον ἐπὶ σφαγὴν ἤχθη καὶ ὡς ἀμνὸς ἐναντίον τοῦ κείροντος αὐτὸν ἄφωνος οὕτως οὐκ ἀνοίγει τὸ στόμα αὐτοῦ 8: ἐν τῇ ταπεινώσει ἡ κρίσις αὐτοῦ ἤρθη τὴν γενεὰν αὐτοῦ τίς διηγήσεται ὅτι αἴρεται ἀπὸ τῆς γῆς ἡ ζωὴ αὐτοῦ ἀπὸ τῶν ἀνομιῶν τοῦ λαοῦ μου ἤχθη εἰς θάνατον 9: καὶ δώσω τοὺς πονηροὺς ἀντὶ τῆς ταφῆς αὐτοῦ καὶ τοὺς πλουσίους ἀντὶ τοῦ θανάτου αὐτοῦ ὅτι ἀνομίαν οὐκ ἐποίησεν οὐδὲ εὑρέθη δόλος ἐν τῷ στόματι αὐτοῦ 10 καὶ κύριος βούλεται καθαρίσαι αὐτὸν τῆς πληγῆς ἐὰν δῶτε περὶ ἁμαρτίας ἡ ψυχὴ ὑμῶν ὄψεται σπέρμα μακρόβιον καὶ βούλεται κύριος ἀφελεῗν 11: ἀπὸ τοῦ πόνου τῆς ψυχῆς αὐτοῦ δεῗξαι αὐτῷ φῶς καὶ πλάσαι τῇ συνέσει δικαιῶσαι δίκαιον εὖ δουλεύοντα πολλοῗς καὶ τὰς ἁμαρτίας αὐτῶν αὐτὸς ἀνοίσει 12: διὰ τοῦτο αὐτὸς κληρονομήσει πολλοὺς καὶ τῶν ἰσχυρῶν μεριεῗ σκῦλα ἀνθ᾽ ὧν παρεδόθη εἰς θάνατον ἡ ψυχὴ αὐτοῦ καὶ ἐν τοῗς ἀνόμοις ἐλογίσθη καὶ αὐτὸς ἁμαρτίας πολλῶν ἀνήνεγκεν καὶ διὰ τὰς ἁμαρτίας αὐτῶν παρεδόθη Und King James Version lautet: 53 Who hath believed our report? and to whom is the arm of the Lord revealed? 2 For he shall grow up before him as a tender plant, and as a root out of a dry ground: he hath no form nor comeliness; and when we shall see him, there is no beauty that we should desire him. 3 He is despised and rejected of men; a man of sorrows, and acquainted with grief: and we hid as it were our faces from him; he was despised, and we esteemed him not. 4 Surely he hath borne our griefs, and carried our sorrows: yet we did esteem him stricken, smitten of God, and afflicted. 5 But he was wounded for our transgressions, he was bruised for our iniquities: the chastisement of our peace was upon him; and with his stripes we are healed. 6 All we like sheep have gone astray; we have turned every one to his own way; and the Lord hath laid on him the iniquity of us all. 7 He was oppressed, and he was afflicted, yet he opened not his mouth: he is brought as a lamb to the slaughter, and as a sheep before her shearers is dumb, so he openeth not his mouth. 8 He was taken from prison and from judgment: and who shall declare his generation? for he was cut off out of the land of the living: for the transgression of my people was he stricken. 9 And he made his grave with the wicked, and with the rich in his death; because he had done no violence, neither was any deceit in his mouth. 10 Yet it pleased the Lord to bruise him; he hath put him to grief: when thou shalt make his soul an offering for sin, he shall see his seed, he shall prolong his days, and the pleasure of the Lord shall prosper in his hand. 11 He shall see of the travail of his soul, and shall be satisfied: by his knowledge shall my righteous servant justify many; for he shall bear their iniquities. 12 Therefore will I divide him a portion with the great, and he shall divide the spoil with the strong; because he hath poured out his soul unto death: and he was numbered with the transgressors; and he bare the sin of many, and made intercession for the transgressors. Ich entnehme diesem Text den wortgetreuen Sinn, dass der Prophet den anscheinend bösesten, den scheinbar schlechtesten unter den Menschen, den Verbrecher, den in der Gesellschaft am meisten verachteten Menschen: 3. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 3: ἀλλὰ τὸ εἶδος αὐτοῦ ἄτιμον ἐκλεῗπον παρὰ πάντας ἀνθρώπους ἄνθρωπος ἐν πληγῇ ὢν καὶ εἰδὼς φέρειν μαλακίαν ὅτι ἀπέστραπται τὸ πρόσωπον αὐτοῦ ἠτιμάσθη καὶ οὐκ ἐλογίσθη als den Boten Gottes begrüßt. Die Theologen des Christentums haben es sich leicht gemacht indem sie diese Beschreibung eines Messias als eine ausschließlich auf Christus gemünzte Prophezeihung ohne jegliche andere Bedeutung deuteten. Lediglich die Quaker meinten, wenngleich, so viel ich weiß, ohne Beziehung auf diesen besonderen Text, "that of God in every man" zu erkennen. Vielleicht solltest Du es Dir als senile Geistesschwäche meinerseits erklären, dass ich diesen besagten Text nicht nur als Beschreibung der Grenzen der Gesellschaft deute, eine Beschreibung welche auf ein Jenseits weist, wo menschliches Zusammenleben hinfällig und unmöglich, also undenkbar wird; sondern dass ich zugleich diesen Text als ein Konkursverfahren deute, als Insolvenzerklärung der Theologie, genauer als Bankrottgeständnis der Theodizee, eine Lehre welche die Güte Gottes als Illusion enthüllt, welche das unbedingt Gute mit dem unendlich Bösen, welches in manichäischer Weise den Gott mit seinem Widersacher, dem Teufel verschmilzt. Ein solches Denken erweist sich als geistiges Aqua Regia, das alles zerfrisst, das nichts Heiliges kennt, ein Denken von dem geschrieben steht, es sei die unverzeihliche Sünde gegen den Heiligen Geist. Oder wäre es vielleicht ein harmloses Denken das nichts mehr Bedrohliches bewirkt als den von Rilke gepriesenen "Raum um dein Gefühl"? Jedenfalls scheinen mir diese Worte Jesajas auf die Unvereinbarkeit des von Moses entdeckten hebräischen Gottes mit der menschlichen Gesellschaft im allgemeinen hinzuweisen, und wohl auch mit diesem Gotte zugeschriebenen auserwählten Volke. Bezeichnend für diesen Gott ist, dass er mit dem Verbot seines Namens seine Objektivität verleugnet. Denn gegenständlich, objektiv ist, was oder wer mit seinen Namen einer Menschengruppe bekannt ist. Der Namenlose Gott, und besonders er, bleibt inwendig, subjektiv und unbekannt. Ich schreibe diesen zwölf Versen Jesajah eine tiefe geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Bedeutung zu, welche der Problematik von Ich und Wir, von Individuum und Gesellschaft sowohl als auch dem Widerspruch in der Entdeckung (oder Erfindung) von Gott und Seele gerecht zu werden strebt. Ich betrachte die Sprache, das Wort und ins Besondere den Namen, das Nominativ, als Abzeichen des Objektiven, weil sie das Denken und Fühlen des Einzelnen äußerlich darzustellen scheinen. Da aber die Sprache zugleich als bestimmender Hinweis auf etwas von allen Gesellschaftsmitgliedern Wahrgenommenen auch von jedem einzelnen Mitglied inwendig, subjektiv erlebt wird, erscheint die Sprache als Überbrückung, als Beseitigung der Kluft zwischen Objekt und Subjekt. Ich erkläre mir von dem einschlägigen Bibeltext, Exodus 3:14, dass er eine Vergegenständlichung des Bewusstseins, des Subjektiven zustande bringt, indem er das Singular der ersten Person des urgründigen Zustandsverbs "sein" als Namen Jahwes bestimmt, und somit eine scheinbare Objektivierung des Inwendigen, des Subjektiven, bewirkt. Dadurch dass auf den absolut inwendigen, und demgemäß Namenlosen mit den Worten "ὁ ὤν" hingewiesen wird, entsteht der Schein der Veräußerlichung des Innen. Lutherbibel 1912, Exodus 3:14 14 Gott sprach zu Mose: ICH WERDE SEIN, DER ICH SEIN WERDE. Und sprach: Also sollst du den Kindern Israel sagen: ICH WERDE SEIN hat mich zu euch gesandt. LXX 14 καὶ εἶπεν ὁ θεὸς πρὸς Μωυσῆν ἐγώ εἰμι ὁ ὤν καὶ εἶπεν οὕτως ἐρεῗς τοῗς υἱοῗς Ισραηλ ὁ ὢν ἀπέσταλκέν με πρὸς ὑμᾶς King James Version 14 And God said unto Moses, I Am That I Am: and he said, Thus shalt thou say unto the children of Israel, I Am hath sent me unto you. (Kannst Du erklären weshalb Luther "ὁ ὤν" mit dem zukünftigen, "Ich werde sein" übersetzt, die Jakobiner aber mit dem gegenwärtigen "I am"?) Mir scheint, dass die hebräische Religion in ihrem Ursprung dient den Widerspruch zwischen Subjektv und Objekt, zwischen dem Einzelnen und den Vielen, zwischen dem Ich und der Gesellschaft, zu verdecken ohne diesen Widerspruch zu beseitigen. Der Widerspruch bleibt bestehen; und wird aufs Neue von Jesaja entdeckt. In diesem Zusammenhang erkläre ich mir Gott, den Gott, das Göttliche, als Vermittler unter den Menschen, als Instrument das die Abgeschiedenheiten der Subjektivitäten der einzelnen Glaubensmitglieder vertarnt und somit die Vorstellung der Gesellschaft ermöglicht. Vielleicht ist Gott, oder das Gotteserlebnis, oder die Gottesvorstellung eine Vorbedingung ohne welche die Gesellschaft nicht zu entstehen oder zu bestehen vermag; eben weil die Gottesvorstellung das unentbehrliche Band zwischen den Inwendigkeiten, zwischen den Subjektivitäten der verschiedenen Gesellschaftsmitglieder ist. Es handelt sich, meines Verständnisses gemäß, um das Entstehen, um das Wesen und Walten der Herde, um die Ein- und Ausgliederung des Einzelnen als Bestandteil und Gegensatz von der Gesellschaft. Jesaja erkennt und beschreibt die Beziehung nicht nur des Strafens sondern auch des Bestraftwerdens zum Göttlichen; denn Strafen und Bestraftwerden sind Übergänge zwischen dem Äußeren und dem Inneren, zwischen Objekt und Subjekt vergleichbar mit der Zwittererscheinung Gottes als ὁ ὢν. Das Erleben des Bestraftwerdens wirkt als Erscheinen des Subjektiven, und somit des Göttlichen. Der Bestrafte wird mit der Bestrafung von der Herde, von der Gesellschaft ausgeschlossen, und erlebt demgemäß in der Strafe die Subjektivität, will sagen, die Göttlichkeit. Die Strafe vergegenwärtigt, enthüllt, objektiviert die Subjektivität, will sagen, die Göttlichkeit des Menschen. Daher wird der gekreuzigte Mensch zum Gott. Anders ausgedrückt, es ist das Wesen der Gesellschaft dass sie das Göttliche bestraft, und dass sie den Bestraften zum Gott macht. Aus anderer Perspektive lässt sich das Ergebnis der Jesajalehre als Auflösung der Gesellschaft deuten. Denn die Gesellschaft entsteht und besteht in der Einbindung des Einzelnen in die Menge, und diese Einbindung des Einzelnen in die Menge kann zustande kommen nur durch Paideia, durch Strafe, durch Unterjochung des Einzelnen, durch die Bestrafung des Einzelnen und durch das Opfer des Ich das sich dem gesellschaftlichen Gefüge verweigert. Ich komme nicht umhin als das Verhältnis vom Einzelnen zur Gesellschaft als dialektisch zu betrachten, als einen Widerspruch auf den es keine Antwort gibt. Denn Gesellschaft ist dem Geist völlig unabkömmlich; zugleich aber ist sie der Seele unerträglich. Das ist ein unumgänglicher Widerspruch. Es gibt um ihn keinen Weg herum. Er ist unentrinnbar. Es ist unmöglich ihm zu entfliehen. Zu existieren heißt diesen Widerspruch Tag für Tag, Monat um Monat, Jahr um Jahr, von der Erscheinung des Bewusstseins bis zu seinem schließlichen Vergehen mit dem Ende des Lebens, zu ertragen. Liebe Cristina, vielleicht merkst Du, dass ich mit meinem Denken, obgleich nur am Anfang, dennoch zu Ende bin. Hab mich von den Gedanken in eine Sackgasse verleiten lassen, von wo sich mir kein Ausgang bietet. Ich sende Dir und Deinen Eltern, liebe Grüße und schließe mit einigen Versen Hölderlins. Dein Jochen Abendphantasie Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd. Gastfreundlich tönt dem Wanderer im Friedlichen Dorfe die Abendglocke. Wohl kehren itzt die Schiffer zum Hafen auch, In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts Geschäftger Lärm; in stiller Laube Glänzt das gesellige Mahl den Freunden. Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh und Ruh Ist alles freudig; warum schläft denn Nimmer nur mir in der Brust der Stachel? Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf; Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich, Purpurne Wolken! und möge droben In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid! – Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht Der Zauber; dunkel wirds und einsam Unter dem Himmel, wie immer, bin ich – Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja, Du ruhelose, träumerische! Friedlich und heiter ist dann das Alter. Hölderlin