Am 2. Dezember 2021 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Im Sinn hatte ich dies kurze Schreiben mit "fröhliches Neues Jahr" zu eröffnen, als mir noch rechtzeitig einfiel, dass es ja nicht der zweite Januar sondern erst der zweite Dezember ist. Also fröhlichen Advent! Seit meinem letzten Brief hat mein Leben sich verwandelt, insofern als mein Enkel Nathaniel mit seiner sehr liebenswürdigen Freundin Sabine und deren beiden großen schwarzen gutmütigen Hund auf unabsehbare Zeit zu mir ins Haus gezogen sind, das nun endlich seit zweiundzwanzig Jahren seinen ursprünglichen Zweck, die Familie zu beherbergen, zu erfüllen beginnt. Bis jetzt läuft alles sehr harmonisch ab, und ich bin zuversichtlich dass dies weiterhin der Fall sein wird, denn als ganz junger Mensch entschloss ich mich dass jeder Streit zweier beteiligten bedürfte, und dass ich meinerseits ein und für alle Mal meine Beteiligung an allen Streitigkeiten verweigern würde. Inzwischen hab ich endlich mit der jahrelang vernachlässigten Pflicht des Aufräumens begonnen, insbesondere des geräumigen Kellers des Anbaus wo ich eine zweite Küche eingerichtet hatte. - Ich weiß nicht ob sie zeit Eures letzten Besuches schon bestand. - Diese Küche mit neuem elektrischem Herd und Eisschrank, mit zwei Abwaschbecken und meterlangen Tresen - mein Größenwahnsinn wie Ihr ahnen möchtet ist nicht auf Literatur beschränkt - Diese Küche war unversehens zur Deponie der Familienerbschaften geworden. Nicht nur Geschmeide, Briefe und Bibliothek meiner vor zwölf Jahren verstorbenen Schwester largerten dort, sondern die Briefe und wissenschaftlichen Arbeiten meiner beruflich erfolglosen Kusine Marion, sondern das auch Fernrohr und das heutzutage als lebensgefährlich eingestuftes Quecksilber Blutdruckmanometer von Klemens Schwiergervater, nebst dessen klinischem Untersuchungstisch - er war Neurologe, waren dort gelagert, um Margarets heilige nachgelassene Habseligkeiten, wie etwa ihre Briefentwürfe an ihre Enkelkinder, ihre Sammlung von Bildkalendern - darunter "Schönes Sauerland" von etwa 1994, zuletzt zu erwähnen. Das Aussortieren, Wegwerfen oder anderswo Unterbringen nimmt umso länger in Anspruch weil ich mich bei jedem Schitt mit beiden Händen auf meinen Gehbock stützen muss, zwischen dessen Ständern ein geräumiger Einkaufssack mit fortzuschaffendem Trödel baumelt. All diese Kellertätigkeiten verschiebe ich in die dunklen Stunden des Abends und der Nacht, denn ich liebe das Licht, und verbringe meine Tage am Rechner vorm Fenster, dem ich mich und meine verrücktesten Einfälle schonungslos anvertraue, wie etwa kürzlich: "Was heißt Verständnis. Was besagt es die Sprache, die ausgesprochenen oder niedergeschriebenen Gedanken eines anderen zu verstehen? Vielleicht ein Zusammensein, eine Gemeinsamkeit zu erreichen welche ein gegliedertes Zusammenwirken oder gar Zusammendenken und Zusammenfühlen ermöglicht. Wie lässt sich der Wunsch verstanden zu werden mit dem Bedürfnis nach Einsamkeit vereinbaren? Meine Mutter, welche die einzige war von der ich als Kind verstanden zu werden meinte, erklärte später meiner künftigen Frau, mein Verlangen nach Einsamkeit wäre der Ausdruck meiner Verzweiflung nur in einem mir ungenügenden Maße verstanden zu werden. Wenn ich eine Ähnlichkeit der geistigen Nähe des Verstandenwerdens mit der körperlichen Nähe des Umarmtwerdens konstatiere, dann kommt mir die Forderung von fremden Menschen verstanden zu werden als unverschämt, schamlos, wenn nicht gar unsittlich vor. Das möchte der Grund sein, weshalb ich seit einiger Zeit nicht mehr versuche was ich denke, was ich fühle, was ich schreibe zu veröffentlichen. Ich frage mich, ob es überhaupt einen einzigen Menschen gibt dem ich versuchen sollte mich zu erklären, mich mitzuteilen. Nicht verstanden zu werden ist die endgültige Einsamkeit." "Nichts was "selbstverständlich" ist, bedarf meiner Bemühungen es zu erklären, es zu deuten, es zu verstehen. Was aber nicht selbstverständlich, ist unverständlich, und wird durch den Anspruch es dennoch zu verstehen, gezwungen und entstellt." "Zu der Rubrik "Aus der Umnachtung" gehört auch mein Verständnis, meine Deutung, der ersten zwölf Verse des 53. Kapitel Jesaja, wo ich nicht erwarte, dass es andere teilen." 1 Aber wer glaubt unsrer Predigt, und wem wird der Arm des HERRN offenbart? 2 Denn er schoß auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt noch Schöne; wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4 Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in der Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg; aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7 Da er gestraft und gemartert ward, tat er seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer und seinen Mund nicht auftut. 8 Er aber ist aus Angst und Gericht genommen; wer will seines Lebens Länge ausreden? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er um die Missetat meines Volkes geplagt war. 9 Und man gab ihm bei Gottlosen sein Grab und bei Reichen, da er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat noch Betrug in seinem Munde gewesen ist. 10 Aber der HERR wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, so wird er Samen haben und in die Länge leben, und des HERRN Vornehmen wird durch seine Hand fortgehen. 11 Darum, daß seine Seele gearbeitet hat, wird er seine Lust sehen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, viele gerecht machen; denn er trägt ihr Sünden. 12 Darum will ich ihm große Menge zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, darum daß er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleich gerechnet ist und er vieler Sünde getragen hat und für die Übeltäter gebeten. So lautet die moderne (1912) Übersetzung nach Luther. Da aber Luthers Übersetzung stellenweise propagandistische Neigungen aufweist, zitiere ich die King James Version zum möglichen Vergleich 53 Who hath believed our report? and to whom is the arm of the Lord revealed? 2 For he shall grow up before him as a tender plant, and as a root out of a dry ground: he hath no form nor comeliness; and when we shall see him, there is no beauty that we should desire him. 3 He is despised and rejected of men; a man of sorrows, and acquainted with grief: and we hid as it were our faces from him; he was despised, and we esteemed him not. 4 Surely he hath borne our griefs, and carried our sorrows: yet we did esteem him stricken, smitten of God, and afflicted. 5 But he was wounded for our transgressions, he was bruised for our iniquities: the chastisement of our peace was upon him; and with his stripes we are healed. 6 All we like sheep have gone astray; we have turned every one to his own way; and the Lord hath laid on him the iniquity of us all. 7 He was oppressed, and he was afflicted, yet he opened not his mouth: he is brought as a lamb to the slaughter, and as a sheep before her shearers is dumb, so he openeth not his mouth. 8 He was taken from prison and from judgment: and who shall declare his generation? for he was cut off out of the land of the living: for the transgression of my people was he stricken. 9 And he made his grave with the wicked, and with the rich in his death; because he had done no violence, neither was any deceit in his mouth. 10 Yet it pleased the Lord to bruise him; he hath put him to grief: when thou shalt make his soul an offering for sin, he shall see his seed, he shall prolong his days, and the pleasure of the Lord shall prosper in his hand. 11 He shall see of the travail of his soul, and shall be satisfied: by his knowledge shall my righteous servant justify many; for he shall bear their iniquities. 12 Therefore will I divide him a portion with the great, and he shall divide the spoil with the strong; because he hath poured out his soul unto death: and he was numbered with the transgressors; and he bare the sin of many, and made intercession for the transgressors. Ich schreibe diesen zwölf Versen eine tiefe geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Bedeutung zu, welche der Problematik von Ich und Wir, von Individuum und Gesellschaft sowohl als auch dem Widerspruch in der Entdeckung von Gott und Seele gerecht zu werden strebt. Ich betrachte die Sprache, das Wort und ins Besondere das Nominativ als Abzeichen des Objektiven, weil es das Denken und Fühlen des Einzelnen darzustellen scheint. Da aber die Sprache zugleich als bestimmender Hinweis aus etwas von allen Gesellschaftsmitgliedern Wahrgenommenen von jedem einzelnen'Mitglied inwendig, subjektiv erfahen wird, erscheint die Sprache als Überbrückung, als Beseitigung der Kluft zwischen Objekt und Subjekt. So erkläre ich mir den einschlägigen Bibeltext. Exodus 3:14 bringt eine Vergegenständlichung des Bewusstseins, des Subjektiven zustande, indem er das Singular der ersten Person des urgründigen Zustandsverbs "sein" als Namen Jahwes bestimmt und somit eine scheinbare Objektivierung des Inwendigen, des Subjektiven bewirkt. Dadurch dass auf den absolut inwendigen, und demgemäß Namenlosen mit den Worten ὁ ὤν hingewiesen wird, entsteht der Schein der Veräußerlichung des Inneren. So dient die hebräische Religion in ihrem Ursprung den Widerspruch zu verdecken ohne ihn zu beseitigen, und er bleibt bestehen. Lutherbibel 1912 14 Gott sprach zu Mose: ICH WERDE SEIN, DER ICH SEIN WERDE. Und sprach: Also sollst du den Kindern Israel sagen: ICH WERDE SEIN hat mich zu euch gesandt. LXX 14 καὶ εἶπεν ὁ θεὸς πρὸς Μωυσῆν ἐγώ εἰμι ὁ ὤν καὶ εἶπεν οὕτως ἐρεῗς τοῗς υἱοῗς Ισραηλ ὁ ὢν ἀπέσταλκέν με πρὸς ὑμᾶς King James Version Exodus 3:14 14 And God said unto Moses, I Am That I Am: and he said, Thus shalt thou say unto the children of Israel, I Am hath sent me unto you. Demgemäß erkläre ich mir Gott, den Gott, das Göttliche als Vermittler unter den Menschen, als Instrument das die Abgeschiedenheiten der Subjektivitäten der einzelnen Glaubensmitglieder vertarnt und somit die Vorstellbarkeit der Gesellschaft ermöglicht. Vielleicht ist Gott, oder das Gotteserlebnis, oder die Gottesvorstellung eine Vorbedingung ohne welche die Gesellschaft nicht zu entstehen oder zu bestehen vermag; eben weil die Gottesvorstellung das unentbehrliche Band zwischen den Inwendigkeiten, den Subjektivitäten der verscheidenen Gesellschaftsmitglieder ist. Es handelt sich, meines Verständnisses gemäß um die Aus- und Eingliederung des Einzelnen als Teil und Gegensatz von der Gesellschaft. Jesaja erkennt und beschreibt die Beziehung des Bestraftwerdens und des Strafens zum Göttlichen; denn Strafen und bestraft werden sind sind Übergänge zwischen dem Äußeren und dem Inneren, zwischen Objekt und Subjekt vergleichbar mit der Zwittererscheinung Gottes als ὁ ὢν. So wirkt die Subjektivität, das Erlebnis des Bestraften, als ein Erscheinung des Göttlichen. So erlebt der Bestrafte die Subjektivität, will sagen, die Göttlichkeit in der Strafe, und so vergegenwärtigt, enthüllt, objektiviert die Strafe die Subjektivität, will sagen, die Göttlichkeit des Menschen. In dieser Weise wird der gekreuzigte Mensch zum Gott. Anders ausgedrückt, es ist das Wesen der Gesellschaft das sie das ihr Göttliche bestraft, und dass sie den Bestraften zum Gott macht. Zugleich ist das Ergebnis der Jesajalehre die Auflösung der Gesellschaft. Denn die Gesellschaft entsteht und besteht in der Einbindung des Einzelnen in die Menge, und diese Einbindung des Einzelnen in die Menge kann zustande kommen nur durch Paideia, durch Strafe, durch Unterjochung des Einzelnen, durch die Bestrafung des Einzelnen und durch das Opfer des Ich das sich dem gesellschaftlichen Gefüge verweigert. Ich komme nicht umhin als dass ich das Verhältnis vom Einzelnen zur Gesellschaft als dialektisch betrachte, als einen Widerspruch auf den es keine Antwort gibt. Denn zugleich ist Gesellschaft dem Geist völlig unabkömmlich der Seele aber ist sie unerträglich. Dieser Widerspruch ist unumgänlich. Es gibt um ihn keinen Weg herum. Er ist unentrinnbar. Es ist unmöglich ihm zu entfliehen. Zu leben heißt diesen Widerspruch Tag für Tag, Monat um Monat, Jahr um Jahr, von der Erscheinung des Bewusstseins bis zu seinem schließlichen Vergehen mit dem Ende des Lebens, zu ertragen. Die sprachliche Beschreibung der Welt in die ich erwache, ist ein so wesentlicher Bestandteil meiner Orientierung, dass ich die beschriebene Welt der von mir selbst erlebten Welt gleich setze, und jener mit dieser weitgehend verwechsele. Tatsache ist, dass ich das Erzählte nur als Erzählung, nicht aber als selbst erlebte Wirklichkeit empfange. Das Erzählte aber gilt es als Mythos zu erkennen und als Mythos zu erleben. Dass mein Geist in so außerordentlichem Maße von dem Mythos in welchem und zu welchem ich erzogen bin gestaltet werden, und abhängig bleiben sollte, ist mein Schicksal. Dies als Vorwort zu Überlegungen betreffs der Prahlerei des Horaz er baue sich ein Denkmal dauerhafter als Erz. Exegi monumentum aere perennius regalique situ pyramidum altius, quod non imber edax, non aquilo impotens possit diruere aut innumerabilis annorum series et fuga temporum. Erlösung von dergleichem seelischen Wiederkäuen finde ich durch Ablenkung ins Erste deutsche Fernsehen mit der Tagesschau wo ich mich über Angela Merkel, Olaf Scholz, Christian Lindner, und Annalena Baerbock belehren lasse; und dankbar werde für alles was mir erspart worden ist, zugleich mich aber "nach Hause" versetzt vorkomme, als ob ich statt in "Palais Meyer" in irgendeiner braunschweiger Gasse wohnte. Zum Schluss fällt es mir Größenwahnsinnigem ein das Goethewort, über Hafis: "Das du nicht enden kannst, das mach dich groß, und dass du nie beginnst, das ist dein Los." auf mich selbst zu beziehen. Herzliche Adventsgrüße an Euch beide. Euer Jochen