Lieber Jochen, Allein, die Tatsache, dass du mir antwortest ist schon eine Freude, denn dies bedeutet, dass du lebst. Es sind nämlich viele Menschen, junge, alte, gesunde und kranke seit unserem letzten Briefwechsel gestorben. Aber ich war mir sehr sicher, dass du nicht zu denen gehörst. Es ist sehr schwer für mich mir vorzustellen, dass du nicht mehr lebst. Dann würde das Haus wo ich noch vor wenigen Jahren zu Besuch war in meinen Gedanken leer stehen. Tatsächlich ist es so, dass ich mir das Haus an der School Street 174 in Belmont nicht ohne dich vorstellen kann. Ich nehme an, dass du noch viele Jahre dort leben wirst und kann mir keinen Grund ausdenken, wieso das nicht der Fall sein sollte. Die Oma meiner liebsten Cousine, eine Südtirolerin, wird im Mai 2022 ihren 100. Geburtstag feiern. Ich freue mich schon sehr auf deinen Jubiläumstag. Wenn es dir nichts ausmacht, schreibe mir doch dein Geburtsdatum, damit ich dir auch jährlich gratulieren kann. In der Zwischenzeit freut es mich, dass ich dir zu deiner Führerschein-Verlängerung gratulieren darf. Es wundert mich zwar etwas, denn meinem eigenen Großvater, der jünger ist als du und körperlich viel flexibler, wurde der Führerschein dieses Jahr nicht verlängert. Grund dafür war glaube ich ein grauer Star, aber er sieht eigentlich gar nicht so schlecht. Du bist schon ein Glückspilz muss ich zugeben. Ich denke oft an Boston, denn meine Zeit dort habe ich als sehr schön und glücklich in Erinnerung. Es war so wie ein Weihnachtstraum der bald wieder verflog, jedoch ein paar Gefühle, Gerüche und Atmosphären hinterließ an die ich mich mit gutem Gewissen und gerne erinnere. Auch fühle ich, dass sich diese Zeit nie wiederholen wird. Ein weiterer Besuch nach Boston wäre ziemlich wahrscheinlich eine Enttäuschung. Damals schien einfach alles wie in einem fantastischen Film. Das Konzert, Nathaniels Freund- und Gesellschaft, deine Gastfreundlichkeit meiner Familie gegenüber, das Zusammensein, die Bekanntschaft mit Ben Zander und Roz, die Weihnachtsfeiern, die Besuche bei diesen reichen Leuten, die in großen Villen lebten, sich als liberal bezeichneten, vieles über die damals aktuellen Weltgeschehnisse zu wissen und dabei ihr luxuriöses Leben in vollen Maßen zu genießen schienen. An alles erinnere ich mich, nur etwas verschwommen und wie von einem rosa Schleier umhüllt. Und die einzige Verbindung, die ich zu dieser Zeit habe, sind meine Erinnerung und du. Stirbst du, werden auch meine Erinnerungen in einen langen tiefen Schlaf fallen. Denn in der gegenwärtigen Welt, in der ich lebe, im Wien des Winters 2021 passiert viel. Es ist nur eine Frage der Zeiteinteilung wie lange man sich zu träumen erlaubt und wieviel man sich ums Leben bzw. Überleben kümmert. Eine Sache weiß ich, lieber Jochen, und zwar dass unser Briefaustausch, sowohl meine wie auch deine emails - im Gegensatz zu meinen Erinnerungen - zusammen mit anderen Dokumenten und Aufnahmen in zwei Festplatten gespeichert sind und in meinem Schrank aufbewahrt auf mich warten. Vielleicht werden sie nie wieder von mir gelesen werden. Aber wahrscheinlich doch. Und auch wenn ich in meinem 28. Lebensjahr keine Zeit finde dir oft zu schreiben, dann werde ich mich jedoch in hohem Alter, vielleicht zu meinem 91. Geburtstag, den ich vielleicht einsam in einem Haus in der Nähe Wiens verbringen werde wieder an die Meyers, an Boston und Belmont erinnern. Ich werde die Briefe lesen und mir erlauben alte Zeiten herbei zu träumen. Und das Leben wird schöner sein als ohne die Briefe. Und damit auch schöner als hätte es dich nie gegeben. Lieber Jochen, trotz all deiner Weisheiten, Schriften, Aufsätze, Erkenntnisse, Geschichten, Gedichte und Gedanken, die du mir anvertraust, wurde ich allein durch deine Existenz nur von einem Glauben überzeugt: Solange der Geist hell leuchtet, ist es schwierig zu sterben. Herzlichst Cristina Cristina Basili - cellist mobile: +43 681 20638356 web: http://cristinabasili.com/ Von: Ernst Meyer Gesendet: Mittwoch, 24. November 2021 21:19 An: Cristina Basili Betreff: am 24. November 2021 Liebe Cristina, Dein Brief ist wie ein Sonnestrahl an einem grauen Herbsttag. Hab vielen herzlichen Dank. Ich hab ihn wiederholt gelesen, und habe viel über seinen Inhalt, über das was er enthielt und was er nicht enthielt, nachgedacht. Es ist meinem alternden Gedächtnis anzurechnen, dass ich mich an unseren jüngsten Briefwechsel im Jahr 2020 nicht mehr zu besinnen vermochte. Nun habe ich meine Erinnerung von diesem Austausch erfrischt. Ich mag mich täuschen, aber ich vermute, dass sich in Deinem Leben, wie in meinem, seither manches verändert hat, und wünsche, dass die Wandlungen nicht allzu schmerzhaft gewesen sind. Wo so viele Menschen obdachlos sind, muss ich mich schämen in diesem geräumigen Haus mit seinen acht Schlafzimmern allein zu wohnen. Aber es ist nun einmal so, dass ich der Abgeschiedenheit bedarf. Die Hürde der Vergesellschaftung ist zu hoch, dass es möglich wäre mir vorzustellen, fremde, unbekannte Menschen einzuladen hier mit mir zu wohnen; indessen meine Familie, mein Sohn, meine Schwiegertochter, meine Enkelkinder, es vermeiden sich dieser Räume zu bedienen. Es wäre ihnen eine Last mir Gesellschaft zu leisten. Es ist das Schicksal fast aller alten Menschen, dass sie den jüngeren zur Last fallen. Daher die Ubiqität der Altersheime. Statt hier zu wohnen, benutzt meine Familie dies Haus zum Abstellen von Habseligkeiten die ihnen anderswo im Wege stehn. Auch dieses geringste Miteinander heiße ich willkommen; weit entfernt, dass ich mich darüber beklagte. Ich bin mir der Wiedersprüche zwischen meinen Bedürfnissen allein zu sein und nicht allein zu sein lebhaft bewusst. Am 17. Januar 1951, schrieb mir meine zukünftige Frau: "You have told me often of the impossibilities with which you are confronted: that it is impossible to live without me, but that it is equally impossible to live with me." Inzwischen bin ich älter geworden und hab erfahren, dass obwohl mein Leben in scheinbaren Unmöglichkeiten besteht ich dennoch überlebe. Die Einsamkeit in der ich mich heute befinde ist ein Geschenk um das ich gebeten und gebetet habe und das ich nun in Dankbarkeit und Demut genieße. Im April dieses Jahres hab ich, trotz meiner Überzeugung dass es sich nicht gebührt das ewige Leben hier auf Erden zu begehren, mich zwei Mal gegen das Coronavirus impfen lassen. Eine dritte Auffrischungseinspritzung steht noch aus.Allmonatlich macht mein Sohn Klemens Lebensmitteleinkäufe für mich, und verstaut das Gekaufte im Eisschrank und auf den Regalen. Ab und zu bestelle ich im Internet verschiedene Sachen die ich zu benötigen meine, lasse sie an der Vordertür abliefern, bugsiere sie mittels meiner Gehstöcke ins Haus, und hebe sie dann mit einer ungelenken Zange auf den nächsten Stuhl um sie auszupacken. Mich zu bücken um etwas vom Boden aufzulesen, vermag ich schon lange nicht mehr. Mein Führerschein wurde letztes Jahr bis 2025 erneuert. Das Auto steht zum Abfahren bereit vor der rechten der zwei Garagentüren, aber seit Anfang der Pandemie im Februar 2020, habe ich es nur wenige Mal aus der Einfahrt gesteuert, ein Mal um es inspizieren zu lassen, zweimal zwecks geringer Einkäufe, und dreimal zum Postkasten. Spazieren zu fahren um mich am Schnee des Winters, an den Blüten des Frühlings, an der Fülle des Sommers, oder an der Färbung des Herbsts zu ergötzen, hab ich unterlassen, mit der Erwägung dass beim denkbar notwendigen Aussteigen aus dem Auto die Behinderung meines verkrüppelten Gehens so auffällig sein möchte, dass die Polizei oder irgend ein Zuschauer mich verhindern möchte nach Hause zu fahren und mich stattdessen mit einem Krankenwagen zur nächsten Notaufnahme bringen lassen würde. Und das vor allem, möchte ich vermeiden. Der Preis mit welche ich mir bewusst und entschlossen meine Freiheit und Unabhängigkeit erkaufen will, ist die Gefahr, dass ich weil ich gefallen bin oder wegen einer plötzlichen Lähmung, hilflos, unfähig aufzustehen und um Hilfe zu telephonieren, irgendwo in einer Ecke stundenlang oder tagelang zuboden liege, eh ich dann bewusstlos werde bis man das Wenige entdeckt das von mir übrig geblieben ist. Ich besinne mich lebhaft wie bei Euerm Besuch vor fünf Jahren Du mich wegen meiner Überlegungen betreffs des sich zum Ende neigenden Lebens schaltst. Du hattest Recht. Ich habe das Glück, wenn man es so nennen will, meine Lebenserwartung von 76 Jahren bis jetzt schon um fünfzehn Jahre übertroffen zu haben. Aber keiner weiß, wie lange es so weiter geht. Gewiss nicht immer. Heute ist meine Lebenserwartung etwa 46 Monate, das heißt dass von hundert Männern in meinem Alter die Hälfte in drei Jahren und zehn Monaten verstorben sein wird. Meine Aufgabe betrachte ich nun, die mir noch übrige Zeit, wie kurz oder lang auch immer, würdig und sinnvoll zu verbringen. Indem ich älter werde merke ich wie sich nicht nur der Körper sondern auch das Gemüt sich verwandelt. Man erfährt nicht nur unerwartete Schwierigkeiten beim Treppensteigen. Auch das Denken entwickelt eine Problematik die vorab darin besteht, dass es zunehmend unbestimmbarer wird ob die neuen, ungewöhnlichen Gedanken der Altersweisheit oder der Altersschwäche anzukreiden sind. Deshalb fühle ich mich heute noch nicht bereit den Versuch zu machen Dir die Überlegungen die mich seit unserem letzten Briefwechsel beschäftigt haben, mitzuteilen. Vielleicht später, in einem zusätzlichen Brief. Inzwischen sende ich Dir und Deinen Eltern herzliche Adventsgrüße und alle guten Wünsche. Dein Jochen