Liebe Cristina, Dein Brief ist wie ein Sonnenstrahl an einem grauen Herbsttag. Hab vielen herzlichen Dank. Ich hab ihn wiederholt gelesen, und habe viel über seinen Inhalt, über das was er enthielt und was er nicht enthielt, nachgedacht. Es ist meinem alternden Gedächtnis anzurechnen, dass ich mich an unseren jüngsten Briefwechsel im Jahr 2020 nicht mehr zu besinnen vermochte. Nun habe ich meine Erinnerung von diesem Austausch erfrischt. Ich mag mich täuschen, aber ich vermute, dass sich in Deinem Leben, wie in meinem, seither manches verändert hat, und wünsche, dass die Wandlungen nicht allzu schmerzhaft gewesen sind. Wo so viele Menschen obdachlos sind, muss ich mich schämen in diesem geräumigen Haus mit seinen acht Schlafzimmern allein zu wohnen. Aber es ist nun einmal so, dass ich der Abgeschiedenheit bedarf. Die Hürde der Vergesellschaftung ist zu hoch, dass es möglich wäre mir vorzustellen, fremde, unbekannte Menschen einzuladen hier mit mir zu wohnen; indessen meine Familie, mein Sohn, meine Schwiegertochter, meine Enkelkinder, es vermeiden sich dieser Räume zu bedienen. Es wäre ihnen eine Last mir Gesellschaft zu leisten. Es ist das Schicksal fast aller alten Menschen, dass sie den jüngeren zur Last fallen. Daher die Ubiqität der Altersheime. Statt hier zu wohnen, benutzt meine Familie dies Haus zum Abstellen von Habseligkeiten die ihnen anderswo im Wege stehn. Auch dieses geringste Miteinander heiße ich willkommen; weit entfernt, dass ich mich darüber beklagte. Ich bin mir der Wiedersprüche zwischen meinen Bedürfnissen allein zu sein und nicht allein zu sein lebhaft bewusst. Am 17. Januar 1951, schrieb mir meine zukünftige Frau: "You have told me often of the impossibilities with which you are confronted: that it is impossible to live without me, but that it is equally impossible to live with me." Inzwischen bin ich älter geworden und hab erfahren, dass obwohl mein Leben in scheinbaren Unmöglichkeiten besteht ich dennoch überlebe. Die Einsamkeit in der ich mich heute befinde ist ein Geschenk um das ich gebeten und gebetet habe und das ich nun in Dankbarkeit und Demut genieße. Im April dieses Jahres hab ich, trotz meiner Überzeugung dass es sich nicht gebührt das ewige Leben hier auf Erden zu begehren, mich zwei Mal gegen das Coronavirus impfen lassen. Eine dritte Auffrischungseinspritzung steht noch aus.Allmonatlich macht mein Sohn Klemens Lebensmitteleinkäufe für mich, und verstaut das Gekaufte im Eisschrank und auf den Regalen. Ab und zu bestelle ich im Internet verschiedene Sachen die ich zu benötigen meine, lasse sie an der Vordertür abliefern, bugsiere sie mittels meiner Gehstöcke ins Haus, und hebe sie dann mit einer ungelenken Zange auf den nächsten Stuhl um sie auszupacken. Mich zu bücken um etwas vom Boden aufzulesen, vermag ich schon lange nicht mehr. Mein Führerschein wurde letztes Jahr bis 2025 erneuert. Das Auto steht zum Abfahren bereit vor der rechten der zwei Garagentüren, aber seit Anfang der Pandemie im Februar 2020, habe ich es nur wenige Mal aus der Einfahrt gesteuert, ein Mal um es inspizieren zu lassen, zweimal zwecks geringer Einkäufe, und dreimal zum Postkasten. Spazieren zu fahren um mich am Schnee des Winters, an den Blüten des Frühlings, an der Fülle des Sommers, oder an der Färbung des Herbsts zu ergötzen, hab ich unterlassen, mit der Erwägung dass beim denkbar notwendigen Aussteigen aus dem Auto die Behinderung meines verkrüppelten Gehens so auffällig sein möchte, dass die Polizei oder irgend ein Zuschauer mich verhindern möchte nach Hause zu fahren und mich stattdessen mit einem Krankenwagen zur nächsten Notaufnahme bringen lassen würde. Und das vor allem, möchte ich vermeiden. Der Preis mit welche ich mir bewusst und entschlossen meine Freiheit und Unabhängigkeit erkaufen will, ist die Gefahr, dass ich weil ich gefallen bin oder wegen einer plötzlichen Lähmung, hilflos, unfähig aufzustehen und um Hilfe zu telephonieren, irgendwo in einer Ecke stundenlang oder tagelang zuboden liege, eh ich dann bewusstlos werde bis man das Wenige entdeckt das von mir übrig geblieben ist. Ich besinne mich lebhaft wie bei Euerm Besuch vor fünf Jahren Du mich wegen meiner Überlegungen betreffs des sich zum Ende neigenden Lebens schaltst. Du hattest Recht. Ich habe das Glück, wenn man es so nennen will, meine Lebenserwartung von 76 Jahren bis jetzt schon um fünfzehn Jahre übertroffen zu haben. Aber keiner weiß, wie lange es so weiter geht. Gewiss nicht immer. Heute ist meine Lebenserwartung etwa 46 Monate, das heißt dass von hundert Männern in meinem Alter die Hälfte in drei Jahren und zehn Monaten verstorben sein wird. Meine Aufgabe betrachte ich nun, die mir noch übrige Zeit, wie kurz oder lang auch immer, würdig und sinnvoll zu verbringen. Indem ich älter werde merke ich wie sich nicht nur der Körper sondern auch das Gemüt verwandelt. Man erfährt nicht nur unerwartete Schwierigkeiten beim Treppensteigen. Auch das Denken entwickelt eine Problematik die vorab darin besteht, dass es zunehmend unbestimmbarer wird ob die neuen, ungewöhnlichen Gedanken der Altersweisheit oder der Altersschwäche anzukreiden sind. Deshalb fühle ich mich heute noch nicht bereit den Versuch zu machen Dir die Überlegungen die mich seit unserem letzten Briefwechsel beschäftigt haben, mitzuteilen. Vielleicht später, in einem zusätzlichen Brief. Inzwischen sende ich Dir und Deinen Eltern herzliche Adventsgrüße und alle guten Wünsche. Dein Jochen