From: Bernd Strangfeld Subject: Nathan Date: am 23. November 2021 Lieber Jochen, Dein letzter brief vom 14.11. war die reinste Wonne, hab ganz vielen Dank! Wir haben seither viel über Nathan nachgedacht und gefunden, dass Du ein fabelhafter Germanist geworden wärest, der seine Studenten mächtig angestachelt und begeistert hätte. Dabei erinnere ich mich an Deine Überlegungen zu Kleists Prinz von Homburg. Deine Bemerkungen zu Nathan sind uns zum Teil aus der Seele gesprochen, zum anderen Teil neu und sehr überzeugend. Nathan erschien uns doch sehr als eine Kunstfigur zu edel, zu unangreifbar. Das mag auch an der Inszenierung liegen, die ihn ziemlich stoisch darstellte, während ich micn jetzt gerade erinnere, dass ich früher mal erlebt habe, dass er auf er Bühne fast zusammenbrach unter der schrecklichen Last der Erinnerungen an die Ermordung seiner Familie. Das machte ihn menschlich begreifbarer. Dass er aber das geld, das ihm rechtlich zusteht und womit er früher anderen ausgeholfen hat, irgendwann zurückfordern muss, finde ich ziemlich selbstverständlich. Schließlich wächst es ja nicht über Nacht nach. Da fällt mir gerade eine biblische Geschichte ein, Du weißt sicher, wo sie steht: Tobias und der Engel Gabriel, die beie wunderbar von Veit Stoß gestaltet sind undin Nürnberg im Germanischen Nationalmuseum stehen. Tobias, jung und unerfahren und der Sohn eines reichen Kaufmanns, wird von seinem Vater auf eine größere Reise geschickt, um Außenstände einzutreiben. Das ist offgenbar eine waghalsige Unternehmung, denn der Engel Gabriel begleitet ihn dabei, wohl, um ihn vor unwilligen Schuldnern zu beschützen. Also, Nathan hat geld eingetrieben, darin kann ich nichts Unanständiges sehen. Ganz sicher haben Juden bei solchen Unterrnehmungen nicht immer Glück gehabt. Er wird ahnen, dass Saladin es auf sein geld abgesehen hat - bestimmt lange Erfahrungen mit Herrschern -, vielleicht ahnt er auch, dass Saladin die direkte Forderung peinlich sein möchte, und so kommt er ihm entgegen, indem er vorschlägt, Saladin könne ihm einen gefallen tun und ihm ein wenig dieses geldes abnehmen, ihn entlasten. Taktisch klug, vielleicht auch zartfühlend. ERr ist ja, obwohl angesehen und vermögend, im Zweifelsfalle immer der Unterlegene. Die Richtung, die Du der Inzestfrage gegeben hast, kommt mir überraschend. An Nathan und Recha hatte ich dabei nicht gedacht, aber natürlich, Altersunterschiede zwischen Mann und Frau sind ja geläufig, und der ältere Mann ist immer der mächtigere. Ich fand allerdings immer schon den jähen Gefühlsumschwung des Tempelherrn bezüglich Rechas verwunderlich und wenig glaubhaft, kenne aber solcherlei Postulate aus anderen Werken der Literatur und bin daher etwas abgehärtet. Aber nicht überzeugt, natürlich. Peinlich war m.E. am Schlus die umfänglich begründende Aufklärung der verwandtschaftsgrade. Kein "von x.y.", sondern ein "von y.x." , mit ausführlichen Namen, die zudem etwas lächerlich wirkten heutzutage ("Kurt"). Das ist eine Sache der Inszenierung und hätte abgekürzt werden sollen. Im sehr braven Publikum wurde leises Lächeln laut. Die Zuschauer bestanden zu 90% aus Oberstufenschülern der umliegenden Gymnasien, denn beim nächsten Abitur geht es um Nathan. Schön, dass sich das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel darauf eingestellt hat und den Nathen ins programm genommen. Deine Herleitung der moralisch-lehrhaften Haltung des Nathan aus den Moralitäten usw. finden wir sehr interessant. Du hättest lehren soll, s.o.! Zu Lessings Dramen habe ich sowieso. außer zum Nathan, dem ich menschlich nicht widerstehen kann, kein so ganz inniges Verhältnis. Am engsten wohl zu "Mis Sarah Sampson", der ersten bürgerlichen Tragödie, d.h. "bürgerlichem trauerspiel", das wir vor langer zeit in Gummersbach auf der Bühne gesehen haben, vielleicht auch vom Westf. Landestheater. Ja, das Hessesche Nebelgedicht ist unmittelbar eingängig und sehr bekannt. Vielleicht etwas schlicht. Ich denke lieber an Goethes "Füllest wieder Busch und Tal...", aber da ist ja von Glanz, also Helligkeit die Rede, kein Vergleich zu dem, was Hesse beschreibt, und kein ergleich zu dem Wetter, das wir heute hatten. Der Nebel drückte aufs gemüt. Bernd machte gestern und heute 24 mittelgroße (normal große) Gläser Apfelmus ein, am Sonntag hatte und ein ehemaliger Schüler ein paar Säckchen Äpfel gebracht, eher kleine kerlchen, aber nicht madig, und nun haben wir insgesamt 55 Gläser, alle selbstfabriziert, und unserem Bedürfnis nach Vorräten und dem, möglichst nichts umkommen zu lassen, ist Genüge getan. Außerdem bin ich dabei, mir Hörgeräte anpassen zu lassen, und stoße dabei auf allerlei S chwierigkeiten. Bin auch unwillig. Mal sehen, wie sich das entwickelt, bin jetzt im Endstadium, heuite vorletzte Anpassungssitzung, und das linke quietscht, und überhaupt ist es nicht so enorm nötig, aber irgendwann doch... Gleich gibts Nachrichten. Bestimmt wieder vor allem Corona betreffend. In Kierspe ist die Inzidenz über 950. Das liegt an bstimmten religiösen gruppen, die sich nicht impfen lassen. Aber das Nicht-Impfen ist ein verbreitetes Problem, betrifft auch zwei aus einer meiner ehemaligen Schülergruppen. Unbegreiflich. Bleib gesund und so unglaublich geistig präsent! Viele liebe Grüße, Deine gertraud und Bernd.