am 14. November 2021 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Habt wieder einmal vielen herzlichen Dank für Euern Brief, der mich seit seinem Empfang vor drei Tagen beschäftigt und ich hoffe zu nicht allzu unsinnigen Gedanken anregt. Vorerst ist es Eure wiederholte Erwähnung Eurer Freunde daheim in Kierspe, daheim in St.Pierre, in Weimar, und, wenn mein Gedächtnis nicht täuscht, auch in München, in Herford, in Dänemark, und selbstverständlich in Belmont, Massachusetts; wobei ich mir vorstelle, dass es sich, im Sinn von Ferdinand Tönnies, mehr um Gemeinschafts- als um Gesellschaftsbeziehungen handelt. Ich stehe unter dem Eindruck, dass viele Eurer Schüler, wenn auch nicht alle, Eure Freunde wurden und geblieben sind. Vergleichbares ist es mir mit den Patienten meiner ärztlichen Praxis, die ich als eine Grossfamilie betrachtete und behandelte, widerfahren. Ich hätte keinen Grund zum Neid oder zur Klage, auch wenn ich meine Tage heute und morgen und nächste Woche mit zunehmendem Alter in zunehmender Einsamkeit erlebe. Dabei erinnere ich das Gedicht von Hermann Hesse, das ich wahrscheinlich wiederholend zitiere: Im Nebel Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, Kein Baum sieht den andern, Jeder ist allein. Voll von Freunden war mir die Welt, Als noch mein Leben licht war; Nun, da der Nebel fällt, Ist keiner mehr sichtbar. Wahrlich, keiner ist weise, Der nicht das Dunkel kennt, Das unentrinnbar und leise Von allen ihn trennt. Seltsam, im Nebel zu wandern! Leben ist Einsamsein. Kein Mensch kennt den andern, Jeder ist allein. Eure Beschreibung der Theateraufführung von Nathan der Weise hat mir so manche Erinnerungen ausgelöst. Ich entdeckte das Drama als Kind in Konnarock in einem der mehreren Bände deutscher Literatur, die mein am 6. November 1914 auf der Lorettohöhe bei Souchez in der Normandie im Ersten Weltkrieg gefallener Onkel Ernst Joachim Meyer nur fünf Jahre zuvor zu seiner Bar Mitzvah Feier geschenkt bekommen hatte. Nathan der Weise war, nach Wilhelm Tell, das zweite deutsche Drama mit dem ich vertraut wurde. Ich besinne mich, dass ich als 15 Jähriger in Germantown Friends School bei Gelegenheit von Diskussionen im Klassenzimmer mit naiver Begeisterung meinen Mitschülern die Geschichte von den drei Ringen erzählte, ein Bericht der wesentlich dazu diente mich in die philanthropische Welt der Quaker einzubürgern. Beim Lesen Eueres Briefes, wurde der Gedächtnisschwund meines Alters mir dringlich bewusst, denn auf Nathan und Recha, auf Saladin und Sittah vermochte ich mich zwar noch zu besinnen, aber ein Tempelherr schwebte mir im Gedächtnis so ungenau und verschwommen wie der Engel mit welchem Daja und Recha ihn verwechseln. Das Selbstverständliche, natürlich, war das Drama umgehend ein weiteres Mal zu lesen. Das tat ich. Um den Text leichter vom Bildschirm abzulesen, vergrößerte ich ihn, mit dem Ergebnis, dass manche der Zeilen gespalten wurden, und ich den Rhythmus der Verse nicht immer erfassen konnte. Dieser Mangel ließe sich ohne weiteres durch ein zweites Lesen beheben. Meine erste Reaktion auf die erneute Bekanntschaft mit dem Text war unerwartete Enttäuschung, war Verdruss über die politische Absicht und Zweckmäßigkeit welche das Schauspiel begründet und beherrscht. Der Zwang mein Denken und meine Sprache auf gesellschaftlich Annehmbare Gedanken, wenn nicht gar Worte, zu begrenzen, beleidigt mich. Man nennt es bei uns "political correctness." Selbstverständlich ist mir das von Lessing gepredigte Aufklärungsevangelium sehr sympathisch, und dennoch höre ich beim Lesen von Nathan der Weise Goethes Worte: "... und wenn sie auch die Absicht hat, den Freunden wohlzutun, so fühlt man Absicht, und man ist verstimmt." (Tasso) Zum ersten Mal wurde mir klar, dass auch "Nathan der Weise" in Lessings "Rettungen" eingestuft werden muss. Nicht nur Nathan soll dramatisch "gerettet" werden, sondern auch Recha und der Tempelherr, auch Saladin und Sittah, und wodurch? Dass sie sich nicht als natürliche Menschen, sondern als veredelte, einander außergeschlechtlich liebende Geschwister, als Söhne und Töchter, als Väter und Mütter, in eine menschliche Gemeinschaft gebunden erweisen. Der Patriarch aber nicht; für den gilt scheinbar die Drohung Sarastros aus der Zauberflöte, "Wen solche Lehren nicht erfreun, Verdienet nicht ein Mensch zu sein." Das ist ein hartes Urteil. Es ist furchterregend sich vorzustellen was erlaubt ist einem anzutun der es nicht verdient ein Mensch zu sein. Bezeugt es einen Charakterfehler meinerseits, wenn ich darauf hinweise dass Nathan der sich dem Tempelherrn, und Saladin, und Daja gegenüber so großzügig erweist, sein angebliches Wesen widerruft wenn er uns beichtet: "Ich komm von einer weiten Reis', auf welcher Ich Schulden eingetrieben.--Fast hab ich Des baren Gelds zuviel." Vermutlich haben seine Schuldner, denen er sein Geld abforderte, die Grenzen von Nathans Großzügigkeit erfahren; und Saladin dessen Erbarmen vom Tempelherrn dem er das Leben geschenkt hat, als unvergesslich gepriesen wird, möchte all den anderen Kriegsgefangenen die er vor seinen Augen hat töten lassen, nicht ganz so erbarmungsvoll erschienen sein wie seinem Neffen. Gefangene zu töten nennt man heutzutage Kriegsverbrechen. Wenn ich Goethes Rede zum Shakespeares Tag und Lessings inbegriffene Dramaturgie recht verstehe, weist Goethes Lob, "Und ich rufe Natur! Natur! nichts so Natur als Shakespeares Menschen," auf eine Ablehnung von Lessings Moralitätsbemühungen. Der heidelberger Literatur Historiker Friedrich Gundolf betont in seinem Buch über Shakespeare, dass dessen literarische Größe zum Teil darauf fußt, dass Shakespeare's Geist durch keine religiösen Vorstellungen beeinträchtigt war. Ich erkläre mir Shakespeares Unabhängigkeit von religiösen Urteilen und Vorurteilen als eine der Ursachen für Goethes Begeisterung. Lessings Kunst hingegen ist, trotz seines ausgesprochen betonten Laizismus, durch eine quasi-religöse Anbetung des Menschlichen gekennzeichnet. Ich erinnere wie in der französichen Revolution, Robespierre, nach der Abschaffung jeglicher alten Religionen durch die Rationalisten, die völkische Verherrlichung eines "Höchsten Wesens" (Être Suprême) als Ersatz unentbehrlich fand. Möglicherweise ist "Nathan der Weise" als Nachfolge von Mysterienspielen und sogenannten "Moralitäten" zu deuten. Mein literarisches Wissen ist so beschränkt, dass es tunlich scheint aus dem Internet Wikipedia zu zitieren: "Das Mysterienspiel (griechisch mysterion, Geheimnis) ist eine seit dem Altertum praktizierte Form der Darstellung von religiösen Glaubensinhalten. Im Alten Ägypten sind bereits die Osiris-Mysterien belegt. Im 14. Jahrhundert hatten Formen des Dramas und Musiktheaters christlich-religiöse Motive. Der Begriff wird meist etwas weiter gefasst als der des liturgischen Dramas, das noch in den Zusammenhang mit dem Gottesdienst gehört und im Kirchenraum stattfindet. Das Mysterienspiel hat zumeist religiöse Inhalte, kann aber unabhängig von kirchlichen Zeremonien aufgeführt werden. Seine Renaissance hatte das Mysterienspiel unter anderem in Frankreich und England." "Die Moralität bezeichnet eine Schauspielform mit moralischem oder religiös-lehrhaftem Charakter, die im Mittelalter nach dem Niedergang der Mysterienspiele in Europa beliebt war. Vor allem in England (morality) und in Frankreich (moralité) waren sie äußerst populär, ...." "Die Moralitäten entwickelten sich im Zuge der Säkularisierung des Dramas im 15. und 16. Jahrhundert aus den christlich-religiösen Mysterienspielen, die im 14. Jahrhundert entstanden waren. Im Unterschied zu den Mysterienspielen, die als heilsgeschichtliche Ausgestaltung biblischer Episoden nur ein begrenztes Spektrum von thematischen Variationsmöglichkeiten zuließen, waren die Moralitäten aufgrund der nun nicht mehr starr festgelegten Inhalte wesentlich flexibler. Ihre erhalten gebliebene didaktische Grundkonzeption ermöglichte zudem die gleichzeitige Nutzung für vielfältige Zwecke und Interessen, da die Moralität gleichermaßen mit religiösen wie auch mit weltlichen Inhalten gefüllt werden konnte und somit ebenso für die lehrhafte Behandlung zeitgenössischer politischer oder pädagogischer Probleme eingesetzt werden konnte." Die Saat der tiefsten menschlichen Tragödie die ich in Lessings Schauspiel zu erkennen meine, ist eine andere. Sie ist nicht die gegenseitige Intoleranz der Religionen, auch nicht die mörderische Vernichtgungswut gegeneinander streitender Armeen, sondern sie ist die mir geheimnisvolle Gefahr des so gefürchteten Inzests aus Unwissen, woraus die Ödipustragödien von Sophokles entspringen. Im 15. Kapitel des ersten Teils meine Döhringromans (Seite 308) spielte ich mit ähnlichen Inzestbefürchtungen meines Protagonisten. (Mein verstorbener Freund Helmut Frielinghaus verwehrte mir den Gebrauch des Ausdrucks Blutschande in Anbetracht des Missbrauchs dieses Wortes von den Nazis, als heutzutage politisch unannehmbar.) Zugleich frage ich mich ob es möglich ist dass die Beziehung von Vater und Tochter, gegebenenfalls also von Nathan und Recha, so innig wird, dass ein Sigmund Freud sie parallel zum "Ödipuskomplex" als seelenkrank stigmatisieren würde. Nachdem ich Nathan der Weise gelesen und überlegt hatte, suchte ich und fand im Internet eine verfilmte Theateraufführung des Stückes die mich beeindruckte und die mir weitere Perspektiven auf das Stück eröffnete. https://www.youtube.com/watch?v=wZcwACvm_fQ Außerdem hab ich in den vergangenen Wochen im Internet die "wissenschaftlichen" Erklärungen und Begründungen für den Klimawandel aufgesucht. Gefunden hab ich eine 3959 Seiten umfassende Zusammenstellung technischer Berichte. https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/downloads/report/IPCC_AR6_WGI_SPM_final.pdf Sie stammt von 117 zusammenwirkenden Verfassern aus 44 Ländern. Im Vergleich, erforderte die vom ägyptischen Pharao beorderte Übersetzung der Bibel ins Griechische nur 70 Rabbiner, die angeblich separat, die ohne Konsultationen, also ohne zu mogeln, den gleichen Wortlaut entdeckten; indessen der Römische Kaiser Konstantin, um religiösen Streitigkeiten in seinem Lande vorzubeugen, nicht nur siebzig, sondern sämtliche Geistliche seines Reiches, mehr als 1400, im Jahre 325 zum Konzil von Nizäa einlud um sich auf ein gemeinsames, allen beteiligten annehmbares Glaubensbekenntnis zu vereinigen. Nur ein Bruchteil, etwa 300 nahmen seine Einladung an, und schmiedeten den Text der seither, die folgenden 1696 Jahre hindurch, in den christlichen Kirchen nachgesprochen wird, ohne dass auch nur zwei der Millionen von Menschen welche dieses Bekenntnis wiederholt haben, es in demselben Sinne verstanden haben könnten, eben weil es als Wissen unverständlich ist, und um sinnvoll zu werden geglaubt werden muss, als geglaubtes Bekenntnis aber seinen Zweck erfüllt und das Denken aller beteiligten Menschen auf die Worte, und nur auf die Worte des Bekenntnisses, wie unverstanden auch immer, als einen gemeinsamen Nenner reduzidert. Ich erwähne das Konzil von Nizäa, 325, betreffs des Kirchenglaubens im Zusammenhang mit dem Konzil von Glasgow, 2021, betreffs des Klimawandelglaubens, weil das Verhalten von Glauben und Wissen für die Deutung beider Konzile einschlägig ist. Heute weiß ich sogar noch nicht wieviele der 3959 Seiten des Klimaberichtes ich nicht nur lesen, sondern auch "verstehen" und erinnern muss, um mir ein vom Glauben unabhängiges Wissen über die einschlägigen existentiellen Fragen betreffs der Zukunft unserer Gesellschaften zu ermöglichen. Zur Zeit verfüge ich über nichts als eine "docta ignorantia", eine gelehrte Unwissenheit, wie etwa die gelehrte Unwissenheit über das Göttliche des Nikolaus von Kues, im Jahre 1440, im Moseltal wo, wie immer beschränkt das Wissen, der Wein dennoch unvergleichbar ist. Herzliche Wintergrüße an Euch beide. Euer Jochen