am 11. November 2021 Lieber Jochen, ganz vielen Dank für Deine schönen Briefe , die seit 4 Wochen mindestens unbeantwortet unseren Computer bevölkern. Sehr interessant und anrührend, und eigentlich hätte ich darauf lange Antworten schreiben wollen, aber hier war allerlei los, das mir die innere Gemächlichkeit und Konzentration geraubt hat. Dein Kontakt mit dem professor Mayr ist spannend und bewirkte, dass ich Darwin aus dem Regal holte, aber er blieb dann ungelesen liegen und musste wieder zu Bett gebracht werden, aus Platzgründen. Hoffentlich ein anderes Mal an den berühmten langen Winterabenden, die meist irgendwie verschwunden scheinen. Und Du warst doch wieder in Konnarock, mit Klemens! Toll. Die weite Fahrt, ich erinnere mich gut. Weißt du noch, das Auto hatte eine Panne, und Du und Margaret, aber vor allem Du, habt sämtliches gepäck heraus geräumt, und das war viel, und ich habe derweil eine faszinierende unbekannte insektenfabrizierte Erscheinung an einem Strauch neben der Tankstelle entdeckt, fotografiert und später feststellen können, dass es sich um Puppen eine kleinen Nachtfalters, eines Sackträgers, handelte. Das Bild ist noch da, manchmal suche ich es und bewundere die tierische praktische und ästhetische Intelligenz, in so kleinen Köpfen! Ihr habt also den Quell des Schadens an Eurem Haus nicht finden können, aber stattdessen neue Beobachtungsposten installiert. Ist denn niemand mehr dort, der für Euch einspringen könnte? Du erwähnst ggar keinen Menschen mehr. Sind sie etwa alle gestorben? Oder vielleicht zu alt für solche anspruchsvollen Tätigkeiten. Was soll denn auf die Dauer mit diesem schönen Haus geschehen? Werden es Klemens' Kinder übernehmen? Es soll doch wohl in der Familie bleiben? Danke für die Bilder, ja, wir erinnern uns noch, und gern. Hier hatten wir zu tun mit Bernds gesundheitlichen Problemen, und dann mit der Vorbereitung unseres kleinen Jubiläumsfeier wegen "20 Jahre St.-Pierre". Am 1.September 2021 sind wir in die Vicairie in St.-Pierre eingezogen, und es begann ein neues Leben für uns, das beste überhaupt, dem wir immer noch nachtrauern. Weil wir wegen bernds Oberschenkelbruch im September nicht in Frankreich sein konnten, haben wir, etwas verspätet, unsere Weimarer freunde zu einem festlichen Begehen nach Kierspe eingeladen. Sie waren alle schon mindestens einmal dort und schwärmen seither von unserer zweiten heimat.Sieben Leute, und an einem Tag kamen noch unsere freunde aus Langenfeld dazu. Wir haben alles ausführlich vorbereitet, TAgebücher und Fotoalben beguckt, Auszüge gekennzeichnet, ein Heft angelegt mit Listen und Stichwortsammlungen, haben in unseren Köpfen gegraben und vieles ans Licht befördert, Erstbegegnungen mit späteren freunden, Hunden, Katzen - wir könnten mühelos einige Abende pausenlos erzählen, wenn wir erstmal in Schwung kommen. Und örtliche Filme gab es auch:über die Wiedereinführung der Gänsegeier (1982 wurden die ersten Tiere ins Freie entlassen), über die Prczwalski-Pferde (die Wildpferde, die auf den Höhlenzeichnungen z.B. von Lauscaux zu sehen sind), die in einem Riesen-Gehege auf unserer Causse Méjean leben und von denen vor etwa 10 Jahren 10 Tiere in ihre ursprüngliche Heimat, die Mongolei, gebracht wurden. Und, menschlich am interessantesten, ein Video-Mitschnitt eines Konzertes unseres Chores ("Les choers de la Jonte", Meyrueis) vom Juni 2005 in der romanischen Kirche von St.-Pierre, direkt gegenüber der Vicairie. (Den Schlüssel zu der Kirche haben wir eine Zeitlang verwahrt.) Unsere Gäste konnten wir im neu eröffneten Hotel "Unter den Linden" (Linden sind immer gut, nicht?) in unserem Ortsteil unterbringen, 6 Minuten zu Fuß von uns. Es war eine sehr gelungene veranstaltung, und wir hoffen, dass wir Ähnliches im Sommer wiederholen können. Es ist noch so viel übrig geblieben an Bildern und Erzählenswertem... In den letzten Tagen sind endlich Kraniche gezogen, lange Züge, immer wieder sehr herzbewegend. Ich wünsche ihnen immer ganz doll, dass sie heil an-und wieder zurück kommen.Prompt hat es letzte Nacht kräftig gefroren, alles ist dick bereift und sieht sehr winterlich aus. kraniche sollen Wetter bis zu drei Tagen vorausfühlen können. In den Pyrenäen wird es sicher schon ordentlich geschneit haben. Was für ein leben, so unterwegs und trotzdem so unentwegt, zweimal im Jahr diese Reisen! Am Sonntag kommen wieder, wie jedes Jahr, einige ehemalige Schüler (Abijahrgang 1982) zum fröhlichen Wiedersehen. letztes jahr musste das allerdings wegen Corona ausfallen, und jetzt steigen die Infektionszahlen so rasant, dass mir schon bänglich ist. Hoffentlich geht alles gut. Wir warten auf die dritte Impfung. Corona ist leider wieder das alles beherrschende Thema. Dabei glaubten wir uns im Sommer fast entkommen. Gleich fahren wir nach Lüdenscheid zum Hautarzt zur jährlichen Total-Inspektion, um etwaigen Hautkrebs früh genug zu entlarven. Du würdest sagen, an irgend etwas muss man ja sterben. Ja schon, aber dann bitte schnell und vielleicht nicht gerade an Hautkrebs. Plötzlich tot umfallen, oder morgens nicht mehr aufwachen, das wäre mein traum. Kann ich nus leider nirgend anmelden, stehe auf keine Warteliste. Das passioert nur in Märchen. Lieber Jochen, wir machen uns jetzt auf den Weg. Und heute NAchmittag wollen wir Falläpfel zu Mus verarbeiten, Laub fegen, Rosen und anderes anhäufeln...und Kuchen backen, für morgen haben wir unsere Freunde um die Ecke - die mit den wunderbaren Hunden und dem liebenswerten Kater - eingeladen. Danach Essen für die ehem. Schüler vorbereiten. Gut, dass wir das noch alles können. Aber manchmal fehlt schon der Schwung, alles dauert länger. Vorgestern haben wir in Meinerzhagen "Nathan der Weise" gesehen, eine überzeugende Aufführung des Westfälischen Landestheaters, die reisen rum. Der Nathan ist dieses Jahr Abiturthema, deshalb war der Saal ziemlich voll, fast alles Oberstufenschüler, die sich übrigens fabelhaft benommen haben. Am überzeugendsten fanden wir den Tempelherrn, der mit ungeheurem Einsatz einen von Emotionen erfüllten, leidenschaftlichen jungen Mann, obdachlos (ja wirklich, wo wohnt er denn eigentlich im Stück? Schließlich ist er allein übrig geblieben und doch völlig fremd in der gegend)und leicht zu entflammen. Sehr eindringlich. So, immer noch alles dick bereift, wir müssen los. Du erholst Dich hoffentlich von der Reise und kannst Dich an Deinem schönen Haus freuen. Aber Du bereitest Dich vermutlich auf Dein winterliches Eskimo-Dasein vor. Viele liebe Grüße, Gertraud und Bernd.