am 7. November 2021 Liebe Margaret, Meinen letzten Brief an Dich schrieb ich am 9. Oktober 2018. Allein die Tatsache, dass seitdem drei Jahre, ein Monat und zwei Tage vergangen sind, gibt mir zu denken. Dass ich mich heute Abend anstelle mit meinem Schreiben an Dich einen neuen Anfang zu machen drängt nach Verständnis, und verlangt eine Erklärung die mir dennoch entgeht. Ich will versuchen, Dir die Umstände der verstrichenen Tage, so wie sie jetzt in der Erinnerung auftauchen, mitzuteilen, ohne dass ich mein Gedächtnis durch das inzwischen Niedergeschriebene nachzulesen zu erneuern versuche; denn ich weiß, besonders wenn ich mit dem Lesen der einstigen Briefe den Anfang machte, würde ich diesen heutigen Brief an Dich in eine Zukunft so entlegen aufschieben müssen, dass er nie zustande käme. Mit Deinem Fortgang hat sich das Maß der Zeit die ich verlebe unabänderlich verwandelt. An jenem Tage, dem 14 Oktober 2015, ging auch mein damaliges Leben zuende. Das Leben mit Dir war das einzige Leben das ich seit meiner Jugend gekannt hatte. Das verlorene wurde ersetzt nicht durch ein neues Leben, sondern durch ein langsames unerbittliches Sterben. Ich will dieses langsame Sterben keineswegs beklagen. Ich heiße das Ende willkommen. Und doch erlebe ich das Schwinden meiner geistigen und körperlichen Kräfte manchmal als mühsam und schmerzhaft. Wenn ich, wie so oft, in unserem Briefwechsel aus den Jahren 1949, 1950, 1951, lese, wenn ich mich zweiundsiebzig, einundsiebzig, siebzig Jahre zurück in die Vergangenheit versetze, erahne ich wie schwierig, wie problematisch damals die Leben eines jeden von uns waren, beschattet von unvermeidbarer Einsamkeit und verwickelt in Trauer welche scheinbar nur durch den Tod gelöst zu werden vermochte. Obgleich wir jung waren, und körperlich gesund, spürten wir beide, Du und ich, eine Angst welche nur durch das Zusammenleben und Zusammengehören verbannt werden konnte. Die Erinnerung, dass wir damals die Ängste der Jugend überstanden, ist mir heute eine Quelle von Trost und Mut. Wenn ich jetzt über die verstrichenen drei Jahre, nein, über die verstrichenen sechs Jahre zurücksinne, wüsste ich weder mir noch Dir zu erklären wie ich sie überlebt habe. Noch weniger weiß ich wie ich die kommenden Tage, Wochen, Monate Jahre, wie wenig oder wie zahlreich sie sich auch immer ergeben möchten, überleben werde. Wobei zu bemerken ist, dass ungeachtet der ärztlichen beruflichen Propaganda, das Leben sich selbst bedient, für sich selber sorgt, und zwecks seiner Erhaltung nicht nur keine ärztliche Unterstützung, sondern auch keine Bemühungen meinerseits erfordert. Es ist vielleicht ein Fehler, nein, es ist sicherlich ein Fehler mich um die Zukunft zu bekümmern, anstatt, wie meine Eltern gesagt haben würden, sie auf mich zukommen zu lassen. Warum schreibe ich Dir? Heute bist Du zufrieden auch wenn Du drei Jahre lang auf einen Brief warten musst, weil für Dich die Zeit ihr Maß verloren hat. Vor 70, 72 Jahren lag Dir so viel an meinen Briefen, dass ich keine drei Tage nachrichtenlos an Dich vergehen lassen konnte. Ich will es uns beiden gestehen: Ich schreibe Dir heute um meiner selbst willen. Ich schreibe Dir, um mich zu trösten, um mich erhalten, um mich zu retten. Ich spüre und fürchte die Gefahr meiner Einsamkeit, einer Einsamkeit die mir einst so notwendig schien, und die mir auch heute noch unbedingt notwendig erscheint. Ich schreibe Dir um die Einsamkeit zu dämpfen, denn völlig vertreiben kann ich sie nicht. Während der 69 Jahre unseres Zusammenlebens war diese meine Einsamkeit durch Dich vertrieben, sowie in den drei Jahren zuvor von der Ahnung von Dir, und in den sechs Jahren danach war sie, von der Erinnerung an Dich gemildert. Um diese Erinnerung zu bestätigen und zu bestärken habe ich Dir Briefe geschrieben, und werde ich fortfahren Dir Briefe zu schreiben. Es mag sein das diese Versuche, durch Briefschreiben der Einsamkeit Einhalt zu gebieten, wenn nicht schon selbst Wahnsinn dem ich verfallen bin, dann Vorboten eines solchen Wahnsinns sind. am 8.November 2021 In den sechs Jahren und einem Monat seit Deines Fortgangs habe ich manches geschrieben. Wenn ich es heute bedenke, tatsächlich alles an Dich. Zuerst die 243 Sonette, davon etwa die ersten einundachtzig ausdrücklich an Dich, die weiteren 162, ein besonnener Versuch mein geistiges Erleben in Gedichten auszudrücken. Das hundertachtundfünfzigste an Shakespeare, weil ich hier die Zahl der von ihm überlieferten Sonette erreichte. Hinterher hab ich noch 52 weitere Sonette, diese an Chronos verfasst, darunter einige mit denen ich unzufrieden bin. Aber ich lasse sie stehen, weil ich dem eigenen Urteil nicht traue. Am Schluss stehen neun Wahnsinnsgedichte. Ich hab diese, die Wahnsinnsgedichte und die Sonette an Chronos wiederholt gelesen, und muss gestehen dass sie mir zuerst nur mäßig gefielen. Dass diese Gedichte mich bei mehrmaligem Lesen zunehmend gelungen anmuten, besagt wohl weniger über die Qualität meiner Dichtung als über die Psychologie der Bewertung, denn man schätzt die Literatur in dem Maße indem es einem gelingt sich in ihr wiederzuerkennen. Meinem Verständnis gemäß graviert sich was man liest in sein Gemüt, und beim wiederholten Lesen des nun Bekannten begrüßt man sich selbst und heißt sich herzlich willkommen. Außer den Gedichten hab ich in den vergangenen sechs Jahren meine Romanserie fortgeführt. Gegenwärtig beschäftigt mich der siebte Band der Vier Freunde, das wäre der neunte Band der gesamten Reihe. Was ich geschrieben habe gefällt mir nur mäßig. Mein Gedächtnis hat abgenommen, so dass es mir unmöglich wäre Dir die Geschichten der letzten sechs Romanbände zu erzählen ohne sie ein weiteres mal neu gelesen zu haben, - und ein solches Unternehmen würde sich über Monate und wenn ich kritisch läse, über Jahre hinziehen. am 9. November 2021 Heute ist der 83. Jahrestag des Pogroms das uns kurz vor unserer Auswanderung aus Deutschland noch erwischte. Ich habe es, und manches andere, überstanden. An meinem Schreiben ist bemerkenswert, dass ich aufgehört habe die Ergebnisse meiner Bemühungen zu zensieren. Das ist der Gegensatz zu allem was man mich gelehrt hatte und was ich als jüngerer Mensch, als ich noch an objektiv Gutes, Schönes, und Richtiges glaubte, mit so gewissenhafter Leidenschaft übte. Man möchte behaupten dass mein Leugnen einer unbedingten absoluten Qualität des Geschriebene einen Gipfel der sauren Trauben Entschuldigung darstelle. Diese Frage zielt auf eine Entscheidung die ich nicht zu treffen vermag. Umso dringender vertrete ich die Ansicht, dass alles Bewerten des Wortes des Geschriebenen Ausdruck des Bedürfnisses, der Sehnsucht, des Verlangens des einzelnen Lesers nach Sinn und Vernunft verstanden werden muss, weil es ihm unabdingbar notwendig ist als gerechter Geist an einer geordneten Geisteswelt teilzunehmen. Wie ich erwähnte habe ich demgemäß aufgehört mich zu regelmäßigem Schreiben zu zwingen. So wie ich ausspreche was mein Gemüt jeweilig beschäftigt, so schreibe ich auf, oder genauer, so tippe ich in die Tastatur die Gedanken und die Vorstellungen wie sie sich mir bieten. Den Sinn festzustellen, wenn es ihn überhaupt gibt, betrachte ich als Aufgabe des Lesers. Vor einigen Tagen, als mein Denken sich in einer Flaute befand, ließ ich mich vom Rechner ins Internet zu einem Aufsatz über die kleinsten denkbaren Gegenstände, subatomic particles, subatomare Teilchen, in die Teilchenphysik, in die Kernphysik ablenken, und von da, vielleicht weil mein Interesse sich als ein nur oberflächliches, schales, vielleicht frivoles ergab, schwang ich mich unbefangen und freudig empor zu den erhabnen Sternen wo Zeit und Raum sich in unvorstellbare Ausmaße erweitern, zurück an den Anfang, und vermutlich auch - und warum nicht - hinfort an was sich so schnell unbedacht, unüberlegt und unbesorgt als äußerster Raum und äußerste Zeit benennen lässt. In den Bereichen der Religion wird's Eschatologie genannt. Bei dem Versuch dies alles, das unendlich Kleine und das unendlich Große zu begreifen, stieß ich auf die Erklärung, das Beschriebene und das Errechnete seien Modelle und die wissenschaftliche Forschung mündete in einen Vorgang der als Modellieren zu bezeichnen wäre. Damit stellte sich mir unmittelbar die Frage ob nicht vielleicht, und wenn, inwiefern, andere naturwissenschaftliche Bemühungen in Modellieren ausarteten (eventuate), sich in Modellieren vollendeten. Vielleicht wäre manches, wenn nicht alles von mir Gewusste als Modell zu verstehen und zu erklären. Das sind Gedanken bei denen die kleine Merklin Modelleisenbahn meiner Kindheit immer und immer wieder das Fußgestell des Weihnachtsbaums umkreist, immer und immer wieder im bemalten Pappentunnel verschwindet um dann ganz nah mit Miniaturgeschwindigkeit an meinen Knieen vorbeizueilen. So erscheint das Modell als als Spielzeug das wir Kinder, Eberhard, Dieter und Helmut Frielinghaus und ich nach Bedarf und Wunsch aufzubauen und umzubauen vermochten, dessen gewaltiger, monumentaler Sinn aber darin liegt dass es ein Symbol ist für die wirkliche Eisenbahnzüge die in den Hauptbahnhof am südlichen Rande der Stadt einlaufen, bis an den schweren eisernen Puffer vor dem sie im Sackbahnhof halt machen müssen; von wo sie dann rückwärts hinausgeschoben, oder hinausgezogen werden müssen. Der wesentliche Unterschied zwischen der Eisenbahn als Modell und der Eisenbahn der "Wirklichkeit", ist dass wir jene nach unseren Wünschen zu arrangieren und rangieren vermögen, während die richtige, die wirkliche Eisenbahn jenseits unserer Befugnisse ist. Das Wissen von dder Eisenbahn als Modell unterscheidet sich von dem Wissen von der Eisenbahn als Wirklichkeit, weil ich in dem Umgang mit dem Modell mein Vorhaben, meine Gesinnung veräußere, indessen die andere Eisenbahn mir wirklich ist insofern ich mich ihr füge, insofern ich sie erinnere, oder genauer, insofern ich sie verinnerlicht habe. So etwa ist die meinem Jetzt und Hier transzendental. Damit will ich sagen, dass ich sie zwar tatsächlich einst mit den Augen und Ohren, vielleicht auch mit der Nase und, beim Ein- und Aussteigen, mit den Händen wahrgenommen habe, dass sie mir aber jetzt und hier nur in der Erinnerung gegenwärtig ist. Naturwissenschaftler der ich als Arzt nun einmal bin, muss ich mir vorstellen, dass meine Erinnerung an die wirkliche Eisenbahn auf einer körperliche Verwandlung des Gehirns zurückzuführen ist, dass man sich Fasern, Zellen, oder allenfalls Moleküle erdenken muss mittels derer das Wort Eisenbahn durch eine Kette von Erregungen (exitations) die Vorstellung der "wirklichen" Einsenbahn hervorruft. Dabei ist es fast selbstverständlich, dass auch die Modelleisenbahn über ihre eigene (kleine) Wirklichkeit verfuegt und somit ihrerseits ihr eigene Erinnerungen hervorzurufen vermag. Demgemäß stelle ich mir eine Verschachtelung der Modelle vor, dass es sozusagen stets Modelle von Modellen gibt, bis ins Unendliche. In der Mathematik würde man da Modellieren als eine rekursive Funktion bezeichnen. Ich muss es gestehen, so wie ich mich, allenfalls in der ersten Runde nicht lange bei der Nanophysik der Teilchen aufgehalten habe, obgleich ich auf diesem Gebiet sehr, sehr viel zu lernen hätte, sondern auf die Astrophysik mit ihren Nebula, Neutronensternen, schwarzen Löchern, Gravitationswellen, dem Urknall und das sich von ihm mit Lichtgeschwindigkeit ausdehnende Weltall umgesattelt habe, so verbrachte ich bei dieser grandios fantastischen Kosmologie der Astrophysik auch nur einige Tage, oder vielleicht nur wenige Stunden. Ich ließ mich nämlich von einem mir kostenlos zugänglichen 3949 Seiten langen Bericht von 117 Wissenschaftlern aus 44 Ländern über den Klimawandel ablenken. Denk' bitte nicht zu abfällig von mir. There's method in my madness. Denn ich lasse mich absichtlich auf Gebiete ablenken wo mir einschlägiger Lehrstoff zugänglich ist, zuversichtlich dass wenn mir Zeit und Kraft gegönnt sind, ich zu den früheren, nur flüchtig besuchten, fast überschlagenen Gebieten bei nächster Gelegenheit zurückkehren werde. Das Thema des Klimawandels betrachte ich vorerst aus soziologischer, oder sollte ich schreiben, aus zoologischer Perspektive, denn dieses Dokument in welches ich eingetaucht bin ist ein vorbildliches Muster des Herdenwissens. Es ist mir unvorstellbar dass jeder einzelne, oder auch nur ein einziger, der 117 beteiligten Wissenschaftler, besonders in Betracht des Ausmaßes und der Komplexität des verwickelten Themas durch eigenes Denken zu genau dem gleichen Beschluss wie seine 116 Kollegen gelangen könnte. Und deshalb muss ich mich fragen, inwiefern die Überzeugungen eines jeden Einzelnen seiner eigenen Einsicht, seinem eigenen unabhängigen Erleben entsprechen, und inwiefern dem Druck der Gesellschaft, der Herde. Darüber hinaus, stelle ich mir die Frage, ob es von der Herde unabhängiges Verständnis und Erleben überhaupt gibt. Eine unabhängige Sprache gibt es ja auch nicht. Wie also ist die Übereinstimmung der 117 zu deuten? Inwiefern ist sie glaubwürdig? Ist es nicht notwendig an das Wissen zu glauben? Woran unterscheide ich Glauben und Wissen?