Liebe Gertraud, lieber Bernd, Seit etwa neun Tagen sind Klemens und ich aus Konnarock zurück. Es war in jeder Hinsicht eine erfreuliche und zufriedenstellende Reise, auch wenn es uns nicht gelingen wollte, die verstopften Abflussrohre aus einem der Badezimmer freizumachen. Vielleicht wird es im nächsten Jahr gelingen, wenn es für mich ein nächstes Jahr überhaupt noch gibt. Abgesehen von dem reparaturbedürftigen Badezimmer, war das Haus in gutem Zustand. Wegen der Pandemie hatten wir den Besuch im vorigen Sommer überschlagen. Bei diesem Besuch hat Klemens die Gelehenheit wahrgenommen drei weitere ins Internet eingebundene Überwachungskameras anzulegen. Nun ist es mir möglich täglich der Vergangenheit einen elektronischen Besuch zu erstatten. In Belmont bediene ich mich eines gesonderten Gehbocks in jeder der drei Etagen, und eines vierten Gehbocks im Keller. Weil sich aber im Auto zu wenig Platz für eine so aufwendige Gerüstsammlung fand, verbrachte ich die sechs Tage in Konnarock in einer einzigen Etage, im Parterre des Hause, und unterließ es mich in den zweiten Stock sowohl als auch in den Keller zu wagen. Ursprünglich hatte ich im Sinn gehabt in einige von den vielen, wenn auch beschädigten Büchern die wir vor 82 Jahren aus Deutschland mitgebracht hatten zu lesen. Dann aber, als ich den Gehbock vor eins der Regale geschoben hatte, wurde mir klar, dass es mir nicht gelingen würde die Bücher auf den unteren Regalen zu erfassen ohne mich auf die Kniee zu begeben, von wo ich dann versuchen müsste, auf die Lehnen eines nahstehenden Stuhls gestützt, mich mühsam, - und vielleicht vergeblich - wieder in die Höhe zu schieben. Das schien mir nicht der Mühe wert, und so begnügte ich mit dem Nachlesen auf dem Rechner von zugegeben oberflächlichen Beschreibungen des äußerst Kleinsten, der Teilchenphysik, und des äußerst Größten, der Astrophysik, in dem Versuch mir vorzutäuschen, dass es mir vielleicht doch noch gelingen möchte die enttäuschenden Versagen des langen Lebens wettzumachen. Es kann nicht vergessen, dass ich am Anfang meines Studiums vergebens hoffte Physiker zu werden. Jetzt fällt mir beim Lesen dieser esoterischen Schriften auf, dass man das Forschen nach diesen quasi heiligen geheimnisvollen Wirklichkeiten als "modellieren" bezeichnet, und die wissenschaftlichen Wahrheiten für welche man zum Verständnis oder in dessen Abwesenheit zum Glauben aufgefordert wird, "Modelle" sind und als Modelle begriffen werden müssen. Diese Forderung stiftet die Frage ob es auch Wissen gibt das weniger vorläufig, das verlässlicher ist, als das Wissen das in Modellen niederschlägt; und wenn, wo die Grenze zwischen den beiden Wissensarten sein möchte. Die Antwort aber, vermute ich, ist auf anderen Gefilden zu suchen, nämlich auf jenen wo festzustellen ist, dass jemand zu alt zu vernüftigem Denken geworden ist. Herzliche Grüße an Euch beide. Euer Jochen