Mein vorläufiger Vorschlag zur Lösung des Erkenntnisproblems: Unser Erkennen ist das direkte oder das indirekte Assimilieren der Gegebenheit. Das direkte Assimilieren der Wirklichkeit ist etwa das Erlernen einer Sprache, einer Melodie, das Vertrautwerden mit einer Landschaft, etwa mit dem Kreislauf von Sonne, Mond und Sterne, das Begreifen eines Gedichtes, einer Legende, eines Mythos. Das direkte Assimilieren wird dann ergänzt und verschmilzt in das indirekte Assimilieren durch Modelle in welche anderweitig unzugängliche Gegebenheiten in ein vom menschlichen Geist gestaltetes Gefüge entworfen, projiziert werden. Solche Gegebenheiten sind anderweitig unzugänglich wegen ihrer Entlegenheit in Raum und Zeit, und manchmal auch weil sie ihren Umständen gemäß mit der möglichen Anwesenheit, mit dem Erleben und Leben des vorstellbaren Beobachters unvereinbar sind. Um dergleichen Geschehnisse, Gegebenheiten, Umstände habhaft zu werden entwickelt mein Gemüt, Simulacra, Scheinbilder, die ich als Modelle bezeichne. Tatsächlich entwickeln sich Modelle von selbst, zuweilen infolge der Wahrnehmung selbst, insbesondere bei jedem Versuch ein Erleben oder ein Erlebtes, sei es sprachlich, sei es mathematisch, mitzuteilen. Alles was sich mir als formelles Wissen darbietet oder aufdrängt, erkenne ich als ein solches Modell. Mit dieser Deutung des Modellierens weise ich nicht nur auf das primär Gewusste als Gegenstand des Modellierens, sondern gleichfalls auf das Modell als Gegenstand von weiterem Modellieren. Dass sich mit dieser Betrachtung das Modellieren als eine bis ins Unendliche rekursive Tätigkeit ergibt, dient nicht die Gültigkeit des Modellierens zu verringern, sondern, wenn irgend, diese Gültigkeit des Modellierens zu bestärken. So lassen sich alle sprachlichen und mathematischen Ergebnisse unserer Wissensbemühungen als Modelle verstehen. Unter dieser Vorstellung erscheinen mir die Vorstellungen von Geistes- und Naturwissenschaften zum ersten Mal verständlich. Meine diesbezüglichen Gedanken entwickelten sich beim Versuch von den Lehren über den Ursprung der Erde und des Weltalls kundig zu werden. Immer wieder stieß ich auf vorgeblich wissensschaftliche Theorien, wie sich als Modelle vorstellten, als Modelle die sich unter beliebigen Umständen, bei weiteren Erwägungen oder im Lichte neuer Beobachtungen, ergänzen, berichtigen oder auswechseln ließen. Da fragte ich mich ob es auch Wissen gibt, das nicht als Modell zu deuten ist, und gab mir die Antwort, dass die reine Assimilation, das Sprechen einer Sprache, das Singen einer Melodie ein Wissen, oder genauer, ein Können außerhalb des Bereiches des Modellieren darstellt. Ich glaube modellieren ist ein mehr spezifischer Ausdruck für idealisieren, und das gefügte Modell entspricht dem Ideal Platons, mit dem wesentlichen Unterschied, dass Platon das Ideal als die endgültige Wirklichkeit konstatierte, indessen meinem Verständnis gemäß, Modelle begrenzt und hinfällig sind, abhängig von den einzigartigen Erleben und Auffassungen der verschiedenen an den Modellen beteiligten Gesellschaftsmitglieder, indessen meinem Verstänis gemäß, die einzige verlässliche Wirklichkeit mein jeweiliges Bewusstsein ist. So etwa lautet meine Docta Ignorantia.