From:Bernd Strangfeld Subject: Deine Briefe vom 16. und 22.9 Date: October 2, 2021, 1:33 p.m. Lieber Jochen, danke für Deine Briefe! Gut, dass die Bilder endlich gekommen sind. Warum der Brief dreieinhalb Wochen gebraucht hat, ist mir aber weiter ein Rätsel. Wir freuen uns, dass Dein Garten offenbar ein Zufluchtsort für allerlei Pflanzen und Tiere ist. Er zeigt offenbar auch, was alles möglich ist, wenn der Mensch sich nicht dauernd einmischt. Was dort alls an Getier lebt, kannst Du ja nicht ergründen, aber es ist sicher viel. Damit tust Du ein gutes Werk. Hier wächst die Zahl der Steingärten, in denen die Erde mit Schotter und anderem Gestein gedeckt wird, damit man bloß keine Hand rühren muss. Trostlos. Manche Städte verbieten so etwas bereits. Gegen die Gleichförmigkeit Deiner Tage ist wohl äußerlich wenig auszurichten, aaber Du kannst doch bestimmt mit dem Aufschreiben Deiner Gedanken, dem Erinnern von Gedichten und - was mich immer interessiert - Balladen, dem Untersuchen von Aktionen menschenfreundlicher Aktionen im Internet und wer weiß von was noch, Du bist ja kundig, bereichern. Allerdings muss ich sagen, wenn ich nachts mal wieder, wie öfter, dem Bett entsteige und durchs Haus wandele, dann reizt mich schier nichts von den oben erwähnten Tätigkeiten, sondern ich finde alles nur öde und unnötig. Das wird erst etwas besser, wenn es tagt. Immer mal wieder stoße ich auf die Fontane-Ballade "Gorm Grymme", die ich wohl im 9.Schuljahr gelernt und an der ich einiges über Textinterpretation gelernt habe, das mir heute noch jederzeit präsent ist. Vielleicht einer der mehreren Gründe, warum ich Deutschlehrerin werden wollte. Vor einem Jahr in Jütland (Dänemark) stießen wir in einem Museum auf Bilder von dem König Gorm Grymme und seiner Gemahlin Tyra Danebod (was für Namen!), und kürzlich auf dem TV-Kanal ZDF Info lernte ich Historisches über dieses Paar. Es gab sie wirklich, und es wurden zu dieser Regierungszeit wichtige Entscheidungen, die christliche Religion betreffend, getätigt, was das Ende der grimmigen Berserker bedeutete. Die auch nicht wegen des verzehrs von Fliegenpilzen ihre fürchterliche Kampfeswut erreichten, sondern aufgrund von Genen und brutaler Erziehung. Jedenfalls hat Fontanes Gorm Grymme mich mein ganzes Leben begleitet, nicht immer gleich intensiv allerdings. Erinnerst Du Dich, dass Du und Margaret uns 2004 im Frühling auf den Autor Bernd Heinrich aufmerksam gemacht habt? Biologe, Langstreckenläufer, Rekordhalter, Insekten- und Rabenforscher, Autor etlicher Bücher... Ihr habt uns in kürzester Zeit so neugierig gemacht, dass wir Dich baten, sofort eins für uns zu bestellen, und prompt kam einige Tage später das Paket. Ich habe damals gleich "A Year in the Maine Woods" gelesen und bin jetzt wieder darauf gekommen, sehe überall die Unterstreichungen und Hinweise aus meiner Lektüre und kann jetzt beim wiederholten Lesen nur bestätigen und Nicken. Darin wird überigens ein "Ernst Mayr" erwähnt, der Heinrich Foxglove-Samen geschenkt hat, die er auf der Pflanze unbekanntem Territorium ausgesät hat. Das warst nicht vielleicht Du? Man weiß ja nie, in Amerika ist vieles möglich. Wo doch Bischof Lilje Eure Familie in Konnarock besucht hat... Den Artikel über Levit habe ich beigelegt, weil ich die bombastischen versuche, die Musik und Präsentierweise in Worte umzuformen, so grotesk fand. Mir scheint, da fand sich der Berichterstatter ganz großartig. Gerade klingelt der Wecker, der anzeigt, dass Bernds Paprikareis fertig ist. Im Warten darauf haben wir schon zwei Packungen verfrühter (und sehr geliebter) Aachener Printen nach und nach verzehrt. Aber der Abend ist noch lang. Heute haben wir einen fast zwei Stunden langen Gang geschafft, Bernd kann schon wieder ziemlich gut laufen, wenn auch sein Gleichgewicht nicht stabil ist. Nach den desaströsen Prognosen seines Chirurgen damals ist das ein reines Wunder. Aber übermorgen haben wir einen Termin, den dritten, bei seinem Neurologen, nach einer erneuten Erleuchtung seines Gehirns, davor fürchten wir uns beide. Nun mache ich Schluss, ohne all die Fehler zu korrigieren. Ach ja, letzten Sonntag hatten wir hier das jährliche Treffen einiger ehemaliger Schüler (Abitur 1982-84), mal wieder sehr herzlich und familiär. Wir haben trotz der seltenen, aber regelmäßigen Treffen so viel gemeinsam und sind sehr vertraut miteinander. Mitte November versammelt sich die andere Gruppe, Reste meines ersten Englisch-Leistungskurses, Abi 1982. Dir viele angenehme, produktive Gedanken und schmerzfreies Bewegen! Liebe Grüße, Deine Gertraud und Bernd.