From: bugstrangfeld@web.de Date: September 20, 2021 1:48 p.m. Subject: Morgen ist Herbstanfang Lieber Jochen, heute ist der letzte Sommertag, 12°, trocken, mittags 13°, Zeit für Wollenes. Bernd hat gerade den "Rasen", die grasigen Flächen, gemäht, das sieht nahezu korrekt aus. Auf der Terrasse lächeln die aus dem Vogelfutter erwachsenen Sonnenblumen. Die Herbstastern sind heuer von Schnecken verschont und strahlen in schöner farblicheer Abstimmung. Danke für Deinen melancholischen Brief. Ja, Dein Leben verläuft äußerlich ruhiger als unseres noch, und Dank Bernds Fortschritten mit seinem verletzten Bein - er geht schon manchmal fast normal, nahezu flott, sogar ohne Stöcken, danach hat er dann Muskelkater, aber doch ein gutes Gefühl - , der wachstumsförderlichen Witterung und unserer Begabung, genau hinzusehen draußen, entdecken wir viele interessante Pilze und ergötzen uns an den Querschnitten gefällter toter oder sterbender Buchen, die, von Pilzmyzelen durchsetzt, die apartesten Muster und Farben zeigen.. Wir fotografieren mal wieder maßlos, freuen uns aber hinterher intensivst an den Bildern auf dem Computerbildschirm. Warum wohl mein Brief mit den Fotos noch nicht angekommen ist? Mein Misstrauen gegen die US-amerikanische Post wächst täglich. Deine Betrübnis über den Mangel an Publikum für Deine mit so viel Herzblut geschriebenen Bücher können wir sehr verstehen und sprechen immer mal wieder darüber. Haben natürlich auch ein schlechtes Gewissen, weil wir ja auch nicht besser sind. Dabei entwickelst Du so viele interessante Gedanken und kleidest sie in ausgezeichnete Sprache. Wahrscheinlich sind wir zu oberflächlich, um uns in Deine tiefgründigen Überlegungen hineinzuversetzen. Unserem 90jährigen Nachbarn, einem geistig quicklebendigen und sehr gebildeten Mann imponiert Deine Sprache. Wir haben ihm kürzlich den ersten Band der Vier Freunde geliehen. Er betreibt seit langem vor allem Familiengeschichte, hat aber auch jahrelang Gerichtsprotokolle aus dem 16.Jh. (17.?) transskribiert, dazu Wörterbücher verfasst, hat schon etwa 30 Bücher verfasst, hat Schwierigkeiten mit dem Druck, denn nicht ein jeder kauft seine Werke, es interessieren sich dafür Heimatforscher, Bibliotheken, Historiker. Und er kann nicht aufhören, arbeitet von früh bis spät an seinem Computer. Allmählich spürt er aber ein Nachlassen seiner Kräfte. Den großen Garten pflegt er auch noch einigermaßen, aber natürlich lückenhaft, und sieht das Ende seiner Möglichkeiten nahen. Neulich haben wir viele Pfifferlinge gefunden und den Nachbarn zum gemeinsamen Verzehren eingeladen. Dachdecker haben uns endlich eine neue Dachrinne angebracht. Die Fallrohre, meinten sie, seien noch ziemlich in Ordnung, die brauchten nicht erneuert zu werden. Und der Chef, mit dem ich mich einige Zeit über die politische Lage, Mindestlohn, tote Fichten und Holzpreise unterhalten habe, erklärte, eigentlich müsse er ein teures Gerät anbringen, halte das aber nicht für nötig und unterlasse es deswegen, trotz drohender Kontrollen. Es gibt viele prächtige Handwerker, auch in Ost-Westfalen damals, in herford, und auch bei unseren Freunden um Bruchsal. Das sind doch Lichtblicke! Versuch es doch mal mit Bill Bryson, A Walk in the Woods. Du wirst darin auch einiges finden, das Dich an die Wald-Abschglachtaktionen um Konnarock aus Deiner Kindheit erinnert. Und überhaupt. Unterhaltsam und belehrend, keine Belletristik. Inzwischen ist ere ja Brite gewoden Auf gehts zu den Nachrichten. Dann Schluss mit Tätigkeiten, außer Fernsehen (eventuell eine politische Sendung, gestern ein Krimi) und Lesen. Gute gedanken und heitere Stimmung wünschen Dir herzlichst Deine Gertraud und Bernd.