am 15. September 2021 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Euern zuversichtlichen, fast fröhlichen Brief vom 9. September hab ich mehrere Mal gelesen, und hab mich über Euer Wohlergehen gefreut. Im Vergleich ist die Welt in der ich lebe, öde und farblos. Die Tage folgen einander in unerbittlich gleichmäßiger grauer Reihenfolge. Sie zu beschreiben, hieße sie zu beklagen, und das Klagen will ich unter allen Umständen vermeiden. Der Brief mit den Bildern den Ihr erwähntet ist noch nicht angekommen. Von Bill Bryson nach dem Ihr mich fragt, hatte ich noch nie gehört. Es ist sicherlich einer meiner beträchtlichen Fehler dass ich mich so ausschließlich und so intensiv mit meinen eigenen Gedanken und mit dem was ich selber erlebt habe beschäftige, dass ich so viel in Briefen aus alten Zeiten herumstöbere und das ich vornehmlich lese was ich selbst niedergeschrieben habe. Die Zeitungsausschnitte die Gertraud mir vor etwa einem Monat sandte, umspannen ein weites Feld. Ich komme jetzt darauf zurück, weil ich annehmen muss, indem ich von mir selber nur Unwesentliches zu berichten hätte, dass diese Ausschnitte Themen berühren, die Euch interessieren. Ein sinnvoller und verantwortungsvoller Kommentar meinerseits zu Iris Radisch, "Letzter Ausweg nach Österreich," muss beschränkt bleiben, weil ich keine Bücher der von ihr erwähnten Schriftsteller gelesen habe, der ich mich in so ungebührlich narzistischer Weise auf das Lesen des eigenen Schreibens beschränke. Der Name Iris Radisch haftet mir im Gedächtnis wegen ihrer Bemerkung seinerzeit - oder sollte es heißen ihrerzeit? - über den umfangreichen Roman mit besagter Aufschrift "Ein weites Feld", den Günter Grass damals mit Hilfe meines Freundes Helmut Frielinghaus auf den Büchermarkt gebracht hatte. Ich betrachte die Frage welche Iris Radisch dann über dieses Werk von Günter Grass stellte, "Wer soll denn das alles lesen?" als die einzige Schnittstelle, wo sich jenes bekannte Werk des renommierten deutschen Schriftstellers mit meinen eigenen bescheidenen, unbescheidenen Bemühungen kreuzt. Warum aber sollte diese Frage: "Wer soll denn das alles lesen?" für mich noch von Interesse sein, wenn alle Zweifel an der Antwort: "Keiner," längst verflogen sind. Das Ausfallen jeglicher literarischer Anerkennung ist ein Kapitel meines Lebens das ich als abgeschlossen betrachte. Wieder einmal sende ich Euch beiden herzliche Grüße und viele Gute Wünsche. Euer Jochen 1,2 Top