am 1. September 2021 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen herzlichen Dank für den langen ausführlichen Brief. Vorerst möchte ich nun endlich Eure Fragen um meine Enkel beantworten. Nathaniel und seine Verlobte, Sabine, verbringen den ganzen Sommer, von Juni bis voraussichtlich Mitte oder Ende Oktober, in dem umstrittenen Haus auf Nantucket. Von Zeit zu Zeit telephonieren wir. Dann berichtet Nathaniel, dass es ihm gut geht, dass ihm das Haus viel Freude macht, dass er sich ein leidliches Einkommen mit Trompetenstunden verdient deren Anzahl, da er sie übers Internet verabreicht, nur von den Grenzen der eigenen Zeit und Kraft beschränkt ist. Seine Tätigkeit als Dirigent hatte er vor etwa anderthalb Jahren, mit dem Ausbruch der Viruspandemie unterbrochen. Bis jetzt stellt er keinen neuen Anfang in Aussicht. Die Wohnung die er mit Sabine in Cambridge bewohnte, hatten die Beiden Ende Juli gekündigt. Ihre Möbeln haben sie in diesem meinem großen Hause abgestellt. Wo sie den Winter zu verbringen gedenken, haben sie mir noch nicht mitgeteilt, auch nicht ob Sabine ihr Jurastudium in Boston oder in Toronto zu absolvieren beabsichtigt, - sie ist an beiden Orten angenommen worden. Ich habe Nathaniel und Sabine angeboten sich in hier in diesem Hause, einzurichten, verstehe aber dass sie nach Möglichkeit selbstständig und unabhängig sein möchten. Rebekah, wie ihr wisst, als Tierärtzin ausgebildet, pflegt, statt beruflich tätig zu sein, zwei kleine Töchter. Sie und ihr Mann waren nach Colorado gezogen, sind aber seit einem Jahr zurück. Sie haben sich im benachbarten Winchester ein Haus gekauft. Benjamin hat den Abschluss seinen Medizinstudiums mit zwei langen Wanderungen auf dem Appalachian Trail erst in Virginia, dann in New Hampshire gefeiert, und mit seiner Verlobung mit der Tochter eines erfolgreichen Geschäftsmanns in Chicago, wo Benjamin jetzt das "praktische Jahr" seines Studiums absolviert. Im nächsten Sommer, wird er in San Francisco mit seiner weiteren Ausbildung als Neurologe den Anfang machen. Leah, wie ich Euch schon erzählt haben mag, hat in dem Vorexamen zum Medizinstudium eine so hohe Zensur bekommen, dass sie zuversichtlich ist als Medizinstudentin an fast jeder beliebigen medizinischen Fakultät angenommen zu werden. Jedoch wo sie sich tatsächlich beworben haben möchte, weiß ich nicht. Mit den Enkelkindern also ist allenfalls gesellschaftlich, äußerlich, alles in Ordnung. Dass aber das Äußere nicht das Innere ist, das auch bei Sonnenschein tief traurig zu sein vermag, vergesse ich nie. Wie sehr und in welcher Weise es mit dem Großvater hapert, wisst ihr selbst. Die Schlusszeile von Hölderlins Abendphantasie, "Heiter und ruhig ist dann das Alter," scheint jetzt wie schon seit langem meinen Gemütszustand hinlänglich auszudrücken. Dabei frage ich mich, ob vielleicht nicht die gepriesene Zufriedenheit an sich schon eine Verfallserscheinung des Alters sein möchte. Die letzte und vielleicht die folgenreichste Aufgabe die mir bevorsteht, ist einsam, allein, und doch glücklich und dankbar zu sterben. Meine Schwester dient mir als Vorbild. Ich möchte Euch berichtet haben, wie sie damals im Oktober 2009, in Konnarock an einer eingeklemmten Hernie erkrankt, nach Boston gekommen war, sich hier in Boston scheinbar erfolgreich hatte operieren lassen, und dann, ein Paar Wochen später, darauf bestand an einer Kreuzfahrt in die Karibik die sie gebucht hatte, teilzunehmen. Als ich drei Tage nach ihrer geplanten Rückkehr nichts von ihr gehört hatte, beauftragte ich den Verwalter des Hochhauses in Detroit wo sie sich eingemietet hatte nach ihr zu suchen. Man fand sie umgefallen, tot in ihrem Badezimmer. Das Gedicht dazu, stammt von Rilke: "O Herr, gib jedem seinen eignen Tod./ Das Sterben, das aus jenem Leben geht,/ darin er Liebe hatte, Sinn und Not." Ich wünsche Euch beiden alles Gute. Euer Jochen