From: bugstrangfeld@web.de Date: September 1, 2021, 1:56 p.m. Subject: Deine briefe vom 12. und 23.August Lieber Jochen, danke für Deine schnellen Antworten auf meine eher kümmerlichen Brieflein, die ich mehrmals glesen und mit Zustimmung bedacht habe, aber die ich nicht würdig genug beantworten kann, mangels Gedanken und Fühlen. Meine Situation ist sehr anders, und Du weißt ja, ich denke nicht so tief. Freue mich aber über Deine Ausführungen! Dass Du so große Mühe hast mit dem Gehen, hat mich erschreckt. Wie kommst Du denn mit den Treppen im Haus zurecht? Du lebst ja nicht nur auf einer Etage, und dazu gibt es auch noch Wendeltreppen bei Dir! Übrigens wird in den nächsten Tagen, abgeschickt vorgestern, wieder ein Brief im Kasten liegen, diesmal mit Fotos, Text nur auf den Rückseiten. Schön, dass Du dem Schreiben ohne große Leserschaft etwas Gutes, ja fast Beruhigendes abgewinnen kannst. Du und Dein Leben und Deine Situation ließe sich ja auch zu einem gewaltigen Roman ausgestalten. Dabei fällt mir wieder ein, dass ich Dich letztens nach Nathaniel gefragt habe. Weißt Du etwas über ihn? Und Lea? Und Benni? Rebekah kann ich mir noch am ehesten vorstellen. Heute hörte ich im Radio "Mitglieder und Mitgliederinnen", ganz im Ernst, sicher wohl guten Willens. Mein Vetter Bernd im fernen Frankreich berichtete mir neulich, dass er sich ertappte bei der Wortschöpfung "Schwesterin" für eine Nurse. Das Gendern treibt tolle Blüten. Es freut uns, dass das vielbesprochene Haus auf Nantucket doch bewohnt werden kann und als Feriendomizil gedient hat. So hat sich der lange Kampf doch gelohnt. Mit dem Wetter sieht es bei Euch wieder einmal schrecklich aus, und es entsteht mehr und mehr der Eindruck, die Welt ist aus den Fugen. Feuer und Wasser. Den schlimmsten Schaden macht immer der Mensch. Früher hat er nicht überall gewohnt, es gab mehr Platz. Niemand erwähnt die unendlich vielen Tiere, die Entsetzliches leiden, bevor sie entweder sterben oder - dann können sie auch noch von Glück sagen - oder auswandern müssen. Da sind wir in unserer Gegend ja noch bestens dran. Hochwasser und wilde Winde halten sich im Vergleich zu vielen anderen Gegenden noch in Grenzen. Ah, jetzt gerade versucht sich sehr vorsichtig die schon für gestern angekündigte Sonne! Gleich erscheint mir das Leben etwas leichter. Meinen Trimm-Gang von ca. 40 Minuten habe ich schon gemacht. Bernd hat derweil stundenlang die Berge von Strauch-und Staudenschnitt geschreddert, die ich im Laufe einiger Wochen angehäuft habe. Danach haben wir das "Schnittgut" in Plastiksäcke gefüllt und zum Rathaus gefahren, wo es eigentlich zu einem großen Komposthaufen verarbeitet werden sollte, sehr schöne Idee, aber weil viele Leute alle möglichen anderen Arten von Müll mitverpacken , kann der grünschnitt, um den es ja gehen sollte, nicht wieder zu guter Erde werden, sondern wird nach Iserlohn in die große Müllverbrennungsanlage des Märkischen Kreises gebracht. Das ist sooo ärgerlich! Ich kriege einen Zorn auf meine Mitmenschen, die ohne Not hilfreiche Pläne zunichte machen. Bernd ist aktiv, sein Physiotherapeut hat ihm geraten, die Krücken in die Ecke zu stellen und durch Walking-Stöcke zu ersetzen, weil die anstrengender und nützlicher sind. Gestern haben wir einen längeren Gang - unseren Trimm-Gang - zu zweit bewältigt, langsam, mit öfterem Seufzen und Stöhnen, aber doch bis ans Ende. Das verletzte Bein signalisiert Muskelkater, was gut ist, weil es zeigt, dass die dortigen, durch die blutige OP durchschnittenen Muskeln wieder tätig sind, wenn auch unter Protest. Er soll sich nicht schonen, sagt der Fachmann. Heute habe ich zwei Klassenkameraden von der Grundschule angerufen, wir haben lange gesprochen, sehr vertraut, obwohl wir uns zwischendurch Jahrzehnte nicht gesehen haben. Es ist berührend, wie die Gemeinsamkeit, die durch diese 4 Schuljahre entstanden ist, ein Leben lang halten kann. Ja, mit Inge war ich auch im Liebenburger Turnverein, wir haben uns selten, aber immerhin auf Klassentreffen gesehen, aber das letzte liegt schon 15 Jahre zurück. Macht nichts, die gefühlsmäßige Nähe ist noch da. Ich wundere und freue mich. Bernd kann so etwas leider nicht erleben, er war Flüchtling. Er hatte ja auch gehofft, dass ich, ob meiner Fremdheit hier, wieder in die Heimatgegend zurückziehen würde. Aber ich hatte viele Vorbehalte, sehr zu seinem Kummer. Aber das ist ein weites Feld. So, gleich gibt es Nachrichten - sicher wieder entsetzliche, man sollte sich fernhalten - , und dann beginnt der Abend. Wir werden uns an unseren heutigen nützlichen Taten erfreuen und von Telefonaten berichten. Dir wünschen wir gute Gedanken und schmerzloses Dasein! Deine Gertraud und Bernd.