am 23. August 2021 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern e-mail Brief mit den Berichten von Bernds Besserung. Ich stelle mir die Schwierigkeiten vor, welche die Genesung von einer so schweren Verletzung unvermeidlich nach sich zieht, und bin mir bei der Unfähigkeit Euch irgendwie praktisch zu helfen, einer Ohnmcht bewusst die durch gedrechselte Worte nicht aufzuheben ist. Zugleich empfinde ich im Vergleich mit Euren Beschreibungen die Eintönigkeit meiner eigenen Tage. Die Schmetterlinge, die Vögel, die Blumen welche Euere Stunden schmücken sind hier nirgends in Sicht, und meine 91 Jahre alten verkrüppelten Hüften weigern sich sie anderswo aufzusuchen. Geduld ist das Stichwort das ich jeden Morgen und jeden Abend beflissen bin mir einzuüben.... Inzwischen war Klemens gekommen und ich hatte diesen Brief unterbrochen, um mich mit ihm zu unterhalten. Gestern war er von einem wochenlangen Urlaub auf Nantucket zurückgekehrt. Zufällig war die spätnachmittags Fähre die um 17 Uhr 30 die Insel verlässt, die erste die nach den Unterbrechungen durch den Orkan das Festland anlief. Die fünf vorhergehenden Überfahrten waren wegen hohen Wind und Wellen storniert. Klemens berichtete aber eine ruhige Fahrt, mit dem Sund von nicht mehr als niedrigen Schaumwellen gekräuselt. Während seiner Abwesenheit hatte ich auch Post für mich im Postamt aufbewahren lassen, weil mir das Erklimmen der zwei 20 cm. hohen Backsteinstufen vom Postkasten ins Haus so beschwerlich geworden ist, dass ich es vorzog, um nicht in der Familie Abwesenheit hilflos auf dem Fußweg zu liegen, mit weiterer Lieferung der Post bis zu ihrer Rückkehr zu warten. So brachte mir Klemens auch Gertrauds Brief mit den vielen anregenden Zeitungsausschnitten, die ich bis jetzt nur zum Teil gelesen habe, die mir aber vorerst den Mut einflößen Euch Gedanken mitzuteilen, von denen ich unsicher war, ob sie Euch interessierten. Dass das Schrifttum gesellschaftlich ist, und als solches politischen Strömungen gehorcht, ist ein Gedanke den ich schon vor mehr als dreißig Jahren im ersten Kapitel meiner Romanserie in Erwägung zog, eine Vermutung die seither bestätigt wird durch das ständige Versagen meiner schriftlichen Bestrebungen, bis heute wo ich mir jegliche Bemühungen erspare, Texte die ich seit Jahren geschrieben habe zu veröffentlichen. Seit langem beschämt es mich nicht mehr, darauf hinzuweisen, dass ich, wie Aesops Fuchs, die mir unerreichbaren Trauben als übermäßig sauer verschmähe; aber dass ich durch die Gleichgültigkeit gegen öffentliche Anerkennung ein ungeahntes Maß Gedanken- und Gefühlsfreiheit gewinne, ist nicht zu leugnen. So füge ich Tag für Tag ein paar Sätze oder ein Paar Seiten meinen schriftlichen Bemühungen zu, ohne Besorgnis was ein denkbarer Leser dazu sagen möchte, und erstaune dann über die ungeahnten Gedanken und Vorstellungen die dabei ans Licht kommen. Vielleicht wird das weitere Lesen in den Zeitungsausschnitten die Gertraud sandte, mich ermutigen Euch in späteren Briefen einiges davon zu unterbreiten. Inzwischen liebe Wünsche für weitere gute Besserung, und herzliche Grüße an Euch beide. Euer Jochen