Liebe Gertraud, Hab vielen Dank für Deine beiden Briefe. Post von Dir macht mir stets viel Freude, und jede Antwort die ich entwerfe ist willkommene Gelegenheit zu frischen Gedanken und zu neuer Perspektive. Diesmal ist's Dein Hinweis auf die Prägung unser aller Harzerlebnis durch die Literatur, ins Besondere, durch Goethes Faust. Vorerst fällt mir auf, wie oberflächlich bis zum Verschwinden mein Wissen über Goethes drei Harzreisen ist, und wie lückenhaft mein Gedächtnis vom Inhalt seiner vielen Schriften. Ich erinnere mich als Margaret und ich 1992 in Schierke übernachteten, eine kleine Nebenwanderung zu den Schnarcherklippen gemacht zu haben, - oder werde ich auch hier, wenn ich heute Goethes Anspielungen auf diese Steingebilde nachlese in meinen Erinnerungen von Sehnsucht getäuscht. Seh die Bäume hinter Bäumen, wie sie schnell vorüberrücken, und die Klippen, die sich bücken, und die langen Felsennasen, wie sie schnarchen, wie sie blasen! Goethe (Faust I) Der Blocksberg bleibt ein gar bequem Lokal, Wo man auch sei, man findet sich zumal. Frau Ilse wacht für uns auf ihrem Stein, Auf seiner Höh wird Heinrich munter sein, Die Schnarcher schnauzen zwar das Elend an, Doch alles ist für tausend Jahr getan. Goethe (Faust II) Was mir aber von dem schlängelnden Pfad zwischen Schierke und dem Brockengipfel unzweifelhaft unvergesslich in Gemüt haftet, ist das Bild eines Häuflein menschlichen Kots an Rande des Wanderwegs. Auf keiner meiner zahlreichen anderen Wanderungen ist mir je dergleichen begegnet. Am Brockengelände erscheint es als eine körperliche Spiegelung des Walpurgisnachtsereignisses das Goethe offensichtlich sehr stark beeindruckt hat. Dabei fällt mir auf in welchem Maße Goethe, der sich rühmte "zum Sehen geboren zum Schauen bestellt" zu sein, den Brocken der mir einen so bezaubernden Blick auf das umliegende Deutschland schenkt, literarisch in einen Hexenstall verwandelt. Wie kann es danach möglich sein, es sei denn als Witz, zu sagen: 1 JCh hebe meine augen auff zu den Bergen / Von welchen mir Hülffe kompt. 2 Meine Hülffe kompt vom HERRN / Der Himel vnd Erden gemacht hat. 3 Er wird deinen fus nicht gleitten lassen / Vnd der dich behütet / schlefft nicht. 4 Sihe / der Hüter Jsrael / Schlefft noch schlumet nicht. 5 Der HERR behütet dich / Der HERR ist dein Schatten vber deiner rechten hand. 6 Das dich des tages die Sonne nicht steche / Noch der Mond des nachts. 7 Der HERR behüte dich fur allem Vbel / Er behüte deine Seele. 8 Der HERR behüte deinen ausgang vnd eingang /Von nu an bis in ewigkeit. (121. Psalm) 1 I will lift up mine eyes unto the hills, from whence cometh my help. 2 My help cometh from the Lord, which made heaven and earth. 3 He will not suffer thy foot to be moved:he that keepeth thee will not slumber. 4 Behold, he that keepeth Israel shall neither slumber nor sleep. 5 The Lord is thy keeper: the Lord is thy shade upon thy right hand. 6 The sun shall not smite thee by day, nor the moon by night. 7 The Lord shall preserve thee from all evil: he shall preserve thy soul. 8 The Lord shall preserve thy going out and thy coming in from this time forth, and even for evermore. (Psalm 121) Dabei fällt mir auf, dass Goethes Feier der Walpurgisnacht, diese in Dunkelheit verhüllt belässt und nicht im geringsten dazu beisteuert die Tragik des Hexenaberglaubens zu erhellen. Und wenn Goethe sein Buch betitelt: Der Tragödie erster Theil, so meine ich, die wahre Tragödie die hier geschildert wird, ist der Hexenaberglaube, welcher die Weigerung Gretchens sich vom Opfertod retten zu lassen einbeschließt. Dem Internet entnehme ich: "Goethe beginnt die Arbeit an seinem Faust zwischen 1772 und 1775, angeregt von dem Prozess gegen die Kindesmörderin Susanna Margaretha Brandt (deren Hinrichtung Goethe wahrscheinlich 1772 miterlebt hat). In dieser ersten, "Urfaust" genannten Fassung, steht die Liebestragödie um Gretchen im Vordergrund." "Am 13. Juni 1782 wurde im protestantischen Schweizer Kanton Glarus die letzte Hexe Europas hingerichtet. Der Henker schlug ihr mit einem Schwert den Kopf ab. In Deutschland wurde am 11. April 1775 in Kempten das letzte Todesurteil gegen eine Hexe verhängt. Und der letzte Hexenprozess fand aufgrund des "witchcraft act" vor ca. 70 Jahren in Schottland gegen Helen Duncan, eine Wahrsagerin und Geisterbeschwörerin, statt. " Zuweilen lese ich den Faust als Theodizee, als Rechtfertigung, nicht des Gottes der 1755 dem Erdbeben und dem Tsunami erlaubt hat Lissabon zu zerstören, sondern jenes weit mehr gefährlichen Gottes der den Hexen erlaubt hat sich auf dem Brocken, und den Teufeln sich in den Buchenwald einzubürgern, und der, nebenbei bemerkt, es Faust erlaubt hat ein Bündnis mit Mephisto zu schließen, den Teufel als Possenreißer zu verniedlichen, und dem Dichter der von Margarethes traurigem Ende wusste, erlaubt hat als weimarischer Staatsbeamter, das Todesurteil einer "Kindesmörderin", auch als "Hexe" bekannt, zu unterschreiben. Die Entschuldigung, im einen Falle wie im anderen ist, dass es "garnicht so schlimm war." Am Ende von Faust II bedient sich Goethe des zweiten Aberglaubens von der rettenden Jungfrau Maria, um den ersten Aberglauben von Hexen und Teufeln aufzuwiegen. Heutzutage lese ich Faust als die denkbar raffinierteste Theodizee und Holocaustleugnung. Alle guten Wünsche und herzlichen Grüße an Euch beide. Dein Jochen