Lieber Jochen, was Du neulich über Deine Sorgen wegen der Zukunft Deiner Nachkommen geschrieben hast, kann ich sehr verstehen. Was in Deinen Kräften stand, hast Du getan, und wenn Deine Lieben Dich das auch nicht immer merken lassen, so wird es ihnen doch sehr wohl bewusst sein. Was macht eigentlich Nathaniel? Wo dirigiert er jetzt? Ich denke oft an ihn, wenn ich im Fernsehen eine Konzertübertragung sehe und höre. Zuletzt von den Salzburger Festspielen 2021, Mozart, die g-moll-Sinfonie, die ich besonders liebe. Aber meines Erachtens wurde sie zu schnell genommen, so dass manche Töne gar nicht hintereinander in dasselbe kleine Zeitfenster passten, und die Kontraste waren so mächtig, die akustischen, dass die leisen fast nicht zu hören waren. Wie wohl Nathaniel agiert hätte? Das ist eine rein rhetorische Frage. Die Gestaltung Deines Schreibens erinnert mich an unseren Freund aus Konstanz, der seit Jahren Aphorismen oder kürzere Notizen verfasst, die er uns gern vorträgt, wenn er - selten - mal bei uns zu Besuch ist und mit uns diskutiert. Er legt Wert auf unsere Meinung zu seinen Texten, und weil die alle kurz sind, gestaltet sich die Diskussion übersichtlich und meist präzise. Manchmal können wir nicht ganz folgen, das bringt ihn dann sehr ans Nachdenken, und auch. Wir haben uns über zwei Jahre nicht gesehen, da hat sich manches angesammelt. Anfang Dezember werden wir ihn hoffentlich hier sehen und wieder diskutieren. Habe ich Dir gesagt, dass ich kommenden Donnerstag Bernd aus der Reha abhole? Ja, habe ich schon. Jetzt sind es nur noch drei Tage. Das Auto ist in der Werkstatt, zur Inspektion, und sie haben etwas gefunden, eine defekte Ölleitung, das das Abholen des Autos verzögert. Aber nicht bis Donnerstag, hoffe ich. Gestern entdeckte ich auf meinem kleinen, meist täglichen Gang an einem größeren Brennnesselvorkommen neben der Straße, wo ich schon seit Wochen viele Schmetterlingsraupen betrachtet habe, mehrere golden glänzende Puppen, wahrscheinlich vom Tagpfauenauge. Da musste ich natürlich anhalten und genauer hingucken, auch Fotos machen. Neben mir stand eine Bank - steht immer noch da - , ein Junger Radfahrer, Anfang 20, mit wenig kommunikativem Gesichtsausdruck, hielt an und stellte sein Rad neben die Bank, ohne zu grüßen und mich irgendwie zur Kenntnis zu nehmen. Ich wagte ein Experiment und fragte, ob ich ihm etwas Kleines zeigen, ganz in der Nähe, zeigen dürfe. Immerhin hatte er ichts dagegen, wir gingen ein paar Schritte, und da hing an einer abgefressenen Brennnessel die erste Puppe. Ich zeigte und erklärte, und er schaute näher hin, kriegte einen suchenden Blick, zeigt auf eine weitere, bog Pflanzen auseinander, hörte sich dabei an, was ich sonst noch über Gewohnheiten und Parasiten zu erzählen wusste, es waren nämlich etwa acht Erscheinungen von watteähnlichen Gebilden zu finden, an manchen von denen eine wohl tote Raupe haftete - kurz, es wurde eine richtige Naturkundestunde, und schnell bemerkten wir auch viele Grashüpfer, einige Hülsen von geschlüpften Grashüpfern, eine Puppe mit Loch im Nacken, aus der schon der Falter geschlüpft war (der allerdings nicht mehr zu sehen war) - und ich war froh erstaunt, dass sich dieser anfangs eher muffelige und unkommunikative junge Mann in einen richtigen eifrigen Forscher verwandelte. Später, bei Bernd, im Umfeld seiner Reha-Einrichtung, überholten wir eine fragile alte Dame, die mitten auf dem schmalen Weg telefonierte, einen Dackel an der Leine, einen ihrer Stöcke quer über den Weg hatte fallen lassen und offenbar nicht zurechtkam. Sie war leicht verwirrt, suchte nach ihrem dritten Stock, versuchte vergeblich, nachdem man ihr den liegenden Stock aufgehoben hatte, mit zwei Söcken und Leine Schritte zu tun. Wir halfen ihr etwas, ich ergriff die Leine, machte mich mit dem Dackel bekannt, der sich zögernd von mir führen ließ, und geleitete die alte Dame, die sich entschuldigte und öfter fand, sie könne mir das doch nicht zumuten, sehr langsam zu einer Bank, nachdem ihr Hund auch noch einen Haufen produziert hatte, was der Dame genierlich war, aber sie hatte einen passenden Plastikbeutel dabei, mit dem ich mühelos umgehen konnte - hatte ich doch gerade erst Wanda über zwei Wochen betreut und dabei täglich drei Beutel verbraucht. - Anruf von meinem Würzburgher vetter! Auf Wiedersehen! Liebe Grüße, Gertraud.