d210815_00_von_Gertraud Gesendet: Freitag, 13. August 2021 um 00:02 Uhr Von: "Ernst Meyer" An: "Bernd Strangfeld" Betreff: am 12. August 2021 Liebe Gertraud, Vielen Dank für Deinen Brief. Ich denke sehr viel an Euch beide, mit dem innigen Wunsch Ihr möchtet aus den wesentlichen Schwierigeiten Eures Lebens einen gangbaren Ausweg finden. Wenn Du Zeit hast, bitte schreib mir wie es Euch beiden geht. Mein Schreiben, das Du erwähntest, ist in eine neue Bahn eingetreten, insofern als ich mich nunmehr begnüge aufs Papier zu bringen - oder genauer - dem Rechner anzuvertrauen, was immer jeweilig mein Gemüt bewegt, und dies ohne irgend Kritik, weder am Inhalt noch am Stil. Im Hintergrund schwebt meine wachsende Überzeugung, dass Schreiben und Lesen gesellschaftliche Unterfangen sind deren Bedeutung und Gültigkeit außerhalb meiner Befugnis liegen, die jedoch als Verstärkung von, wenn nicht gar als Ersatz für, gesellschaftliche Beziehungen dienen, die ich, unersättlich wie ich nun einmal bin, zu entbehren meine. Manche Stunden wo es in der dritten Etage des Anbaus nicht zu heiß war, habe ich dort verbracht mit dem Ablichten der Briefe meines Vaters an meine Mutter in den Jahren 1926 und 1927, als er um sie warb. Leider hat meine Mutter die von ihr geschriebenen Briefe vernichtet. Aber meines Vaters Schreiben, das ihrer beider Gedanken und Gefühle ausführlich und umständlich beurkundet, liefert meinem Vorstellungsvermögen reichlichen Stoff sein damaliges Erleben nachzuvollziehen. Besonders reizend fand ich einen Entwurf für eine Harzwanderung am 14. August 1926, an ein Mädchen, das er damals noch mit "Sie" begrüßte, mit dem Vorschlag um ein Uhr Sonnabendnachmittags zusammen mit der Eisenbahn von Braunschweig nach Goslar zu fahren, und dann zu Fuß von dort nach Hahnenklee, wo sie in einem Hotel übernachten würden um früh am nächsten Morgen auf den Bocksberg den Sonnenaufgang zu erwarten, von da aus zur Silberhütte bei Schulenberg, durchs Okertal (heute, seit siebzig Jahren von der Okertalsperre überflutet) über Altenau und übers Torfhaus auf den Brocken, wo sie Mittagspause machen würden, um entweder nach Ilsenburg oder Harzburg hinabzusteigen zum Abendbrot, und von dort mit der Bahn nach Braunschweig zurück. Der Gegensatz zwischen meiner Eltern Begeisterung für den Harz, und der Befremdung mit welcher sie sich nur langsam in Konnarock einlebten, gibt mir zuz denken. Zugegeben, war die Landschaft in Virginia durch das ruchose Abholzen nur wenige Jahre eh wir dort ankamen, verödet. Die Wälder haben sich dann in den fünfzig Jahren die meine Eltern dort lebten, in wunderbarer Weise erholt, bis ich heute die Berge und Wälder in denen wir lebten um manches großartiger empfinde als die Brockenlandschaft wie Margaret und ich sie 1992 flüchtig besuchten. Die Bevölkerung, aber so scheint mir, ist überall gleich. Dem Internet entnehme ich: "Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 erhielt die NSDAP in Altenau 716 von insgesamt 1338 abgegebenen Stimmen. Auch bei den Kommunalwahlen im selben Jahr wurde die NSDAP mit acht Sitzen stärkste Kraft im Stadtrat, was zur Folge hatte, dass der Stadtrat auf einer Sitzung am 27. April 1933 einstimmig die Umbenennung der Straßen Kleine Oker in Franz-Seldte-Straße und Breite Straße in Adolf-Hitler-Straße beschloss. Weiterhin wurde Hitler, wie vielerorts damals üblich, Ehrenbürger." In Konnarock ist heutzutage Donald Trump der am höchsten gewürdigte Politiker. Zweifellos würde man auch ihn hier zum Ehrenbürger ernennen, und einer Straße seinen Namen geben, wenn es Gelegenheit dazu gäbe. Ich hab also viel Grund mich in Konnarock zuhause zu fühlen. Herzliche Grüße an Euch beide. Euer Jochen =============== Date: August 15, 2021, 1:27 p.m. From: Bernd Strangfeld Subject: Aw: am 12. August 2021 Lieber Jochen, heute nur ganz kurz, ich habe gerade Deinen Brief vom 12.8. entdeckt und freue mich darüber, bin auch gerade von meinem wohl letzten besuch bei Bernd in Nümbrecht zurückgekommen, es war erfreulich, wir haben Kaffee getrunken, Sachbriefe zur Kenntnis genommen, sind über eine Stunde im schönen, mit wunderbaren alten Bäumen bestückten Kurpark, der sich an das Reha-Zentrum anschließt, sachte spazieren gegangen und werden uns am kommenden Donnerstag, dem 19.8., wiedersehen, wenn ihn ihn nämlich abhole nach Hause. Dann war Bernd fast 8 Wochen außer Hause. Es geht ihm schon viel viel besser, er kann langsam mit einer Krücke gehen, vorsichtig Stufe für Stufe Treppen steigen, ist guter Dinge. Das Leben wird für uns leichter werden, wenn wir alles gleich an Ort und Stelle erleben und besprechen können. Wenn wir wieder "wir" sagen und leben können. Auch sonst gibt es ab und wan Erfreuliches, das werde ich Dir hoffentlich demnächst schreiben. Ja, die Nazi-Lastigkeit der Harzbewohner ist schlimm. Ländlich, arm,hoffnungsvoll... Mir fällt wenig Originelles - gar nichts - dazu ein. Und was die Einstellung Deiner Eltern zu Harz und den Blauen Bergen betrifft: Es gab eben nur einmal Faust und die deutsche romantisierte Geschichte, die Vertrautheit mit dem eigenen Leben. Da war neben dem heftigen Heimweh kein Platz für Bewunderung des offensichtlich großartig Schönen, aber Neuen. - Ach, ich höre auf. Gerade hüpft ein Kleiber (nuthatch) auf der Terrasse, elegantes Tier. Hab weiter Freude am Schreiben, was auch immer! Liebe Grüße von Gertraud.