am 25. Juli 2021 Liebe Gertraud, Beim Überlesen meines Briefes von vor drei Tagen, überkommt mich ein Anflug von Traurigkeit und Scham, dass ich offensichtlich damals so wenig mitzuteilen hatte. Und ärger noch, dass es heute Abend nicht viel besser ist. Die etwas übertriebene Zufriedenheit die mich in den vergangenen Monaten, vielleicht sogar Jahren in unvernünftigem Ausmaß belebte, ist scheinbar unwiederbringlich dahin. Was mich beängstigt ist nicht das Dahinschwinden des eigenen Lebens, sondern die Sorge um meine Kinder und Enkelkinder die ich in einer Welt voller Probleme werde zurücklassen müssen mit denen ich ihnen nicht mehr zu helfen vermag, wo doch mein ganzes Leben, so weit ich es zu beurteilen vermag mit der Absicht und dem Bestreben ihnen behilflich zu sein ausgefüllt war. Jetzt muss ich einsehen dass ich, statt zu helfen, zunehmend zur Last werde. Wenn ich nicht irre, erwähnte ich in einem vorigen Brief, dass Dr. Reinhold Busch aus Hagen mich gebeten hatte sein Buch über die Rosenthal Familie meiner Großmutter väterlicherseits, ins Englische zu übersetzen, und dass ich aus Anerkennung seiner Bemühungen, einwilligte und mehere Tage mit dem Übertragen etwa der ersten 70 Seiten seines Buches verbrachte. Als Dr. Busch vermutlich wegen eigener schwerer Krankheit aufhörte meine e-mail zu beantworten, stellte auch ich meine Übersetzungtätigkeiten ein, aber nicht eh ich gründlicher als sonst von den staatlichen Einrichtungen zur Judenverfolgung, die Dr. Busch mit großer Gewissenshaftigkeit beschreibt, beeindruckt worden war. Hinzu kam, dass Jürgen Hartmann, der Historiker des Lipperlandes mir einen Aufsatz über die Tätigkeit in Bielefeld der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland schickte, eine Arbeit die er der letzten Ausgabe seiner Zeitschrift "Rosenland" beigetragen hatte, wo er beschreibt mit welchem Erfolg die Juden zur Mitarbeit an ihrer eigenen Zerstörung gezwungen wurden. Das Ergebnis meiner Beschäftigungen mit der beängstigenden Vergangenheit ist eine Vergegenwärtigung die mich fast zum Holocaustleugner macht, nicht in dem geläufigen Sinn, dass ich behaupte das Entsetzliche wäre nie geschehen, sondern dass ich behaupte, dass das Entsetzliche nie verging, sondern Tag für Tag, und Jahr für Jahr fortfährt zu geschehen. Und dies nicht als Ausdruck einer besonderen Bosheit der Menschen die zu beseitigen wäre, sondern als Offenbarung des Wesen der Menschen und der menschlichen Gesellschaft, ein Wesen das stets nur verhüllt, nie aber beseitigt zu werden vermag. So erscheinen mir nun die Erinnerungen an meine Kindheit als Offenbarungen des Lebens wie es nun einmal unabänderlich ist; und mein Kummer, dass es mir nicht gegeben sein wird, meinen Kindern und Enkelkindern bei der Bewältigung beizustehen. Beim Überlesen des Geschriebenen kommt mir der Gedanke ob es nicht vielleicht klüger wäre, weniger zu schreiben, um eine Trauerode wie diesen Brief zu vermeiden. Herzliche Grüße und all guten Wünsche, an Euch beide. Euer Jochen