On 07/19/2021 04:01 PM, Bernd Strangfeld wrote: Lieber Jochen, Du hättest schon längst einen wenn auch kurzen brief bekommen sollen, nun geht es kurz, aber immerhin. Vielleicht hast Du von der Flutkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz und nun auch in Bayern und Sachsen gelesen, so etwas gab es noch nie. Wir wurden verschont, in Kierspe gab es zwar Überschwemungen und Unfälle, aber nichts Lebensbedrohliches. Aber ringsumher und weiter weg die grauslichsten reißenden Flüsse und Erdrutsche, ertrunkene Menschen, vorbei schwimmende Autos, unterwühlte Häuser... Bernd lag am 14.7., dem unendlichen Regentag, noch in Werdohl im krankenhaus, wurde am 15. per Taxi nach Nümbrecht in die Reha gebracht, auf Schleichwegen, weil die Hauptstraßen gesperrt waren. Es geht ihm dort gut - ich habe ihn bereits zweimal besucht - , er ist optimistisch, macht Fortschritte, fühlt sich am richtigen Platz. Drei Wochen wird er dort auf jeden Fall bleiben. Wir - vor allem ich - hatten einige Tage Besuch von Freunden aus München, ein ehemaliger Schüler aus Schwandorfer zeiten mit Frau, das hat schön stabilisiert. Seit einigen Tagen -fest, ist der Garten e Woche, stelle ich gerade fest - habe ich wieder Hündin Wanda in Pflege, ihre "Eltern" sind in Island, Wanda ist eine herzerquickende gesellschafterin. Dazu füttere ich den daheim gebliebenen Kater. Der Garten ist ein traum auf himmelblauen Wegwarten. - Die segensreiche Erfindung des Telefons kommt uns mal wieder sehr zugute. Morgen will ich nach Lüdenscheid, Bernds operiertes Bein ist noch sehr geschwollen und passt nur in weite Hosen, die hat er nicht. Mir ist nicht mitteilsam zumute, ich höre auf und werde demnächst ins Bett gehen, Albert Camus lesen, mal wieder, "Der erste Mensch", über seine Kindheit in Algerien. Ich bin auch dabei, den kürzlich erschienenen briefwechsel zwischen Camus und der Schauspielerin Maria Casarès zu lesen, höchst erstaunlich, 1500 Seiten. So, nun ist gut. Hoffentlich brennt es bei Euch nicht! Viele gedämpfte Grüße, Deine Gertraud. P.S. Habe Mist gebaut mit dem Buchstabieren der Wegwarten. Du wirst schon durchfinden. am 19. Juli 2021 Liebe Gertraud, Deinen Brief hatte ich fast sehnlich erwartet, - hab vielen Dank - denn wegen der Überschwemmungen in NRW hatte ich mehere Mal jeden Tag vom Internet die jüngsten Nachrichten eingeholt, denen ich zu entnehmen meinte, dass Euch in Kierspe das Schlimmste erspart geblieben ist. Meine Vorstellungen, wie schwierig Euer Leben sein möchte, verlaufen stets in die beschämende Einsicht, dass Worte und Gedanken das Traurige nicht besser machen. Erlaube mir deine Bemerkung "Mir ist nicht mitteilsam zumute," zu erwidern. Hab weder Hund noch Katze zu füttern um mich abzulenken. Mein Roman hat mich in die verschlammten unterirdischen Gewölbe der offiziellen Gerechtigkeit verleitet wo ich meine den Schutt der Unwahrhaftigkeit und Verlogenheit aufräumen zu sollen, eine selbstgestellte Aufgabe die weit über meine Kräfte geht, und welche die möglichen Leser, die es doch nie geben wird, als anstößig anmuten würde, denn sie wünschen nichts als bestätigt zu haben, dass wir, wie Leibniz gesagt hätte, in der besten aller möglichen Welten gedeihen. Dergleichen Gedanken sind heutzutage der einzige Inhalt meines Daseins. Denn meine Kinder und Enkelkinder sind meiner längst überdrüssig. Sie versuchen es mich nicht merken zu lassen, dass ich ihnen im Wege bin. Ich verstehe diese Gefühle und nehme sie keineswegs übel. Überflüssig zu sein ist schließlich das Schicksal aller alten Menschen. Um sie los zu werden, hat man Altersheime eingerichtet. Dort werden sie bestraft, weil sie zu alt geworden sind. Aber es ist doch nicht meine Schuld, dass ich zu alt geworden bin. Oder vielleicht doch. Wenn ich nichts fröhlicheres zu schreiben habe, wäre es vielleicht nicht doch besser zu schweigen? Herzliche Grüße an Euch beide. Euer Jochen