am 10. Juli 2021 Liebe Gertraud, Vielen Dank für Deinen Brief mit der so eindrucksvollen Beschreibung von Bernds Zustand. Ich bin mir lebhaft bewusst, wie unmöglich es ist mit Worten dem was Ihr beide jetzt erlebt auch nur in der geringsten Weise nah zu kommen. Auch verstehe ich, dass im Rahmen dessen was Ihr durchmacht, jede Behauptung meinerseits dass es mir "gut" ginge ein ungehöriges Prahlen wäre, und jede Feststellung, dass es mir "schlecht" ginge, ein ungebührliches Mitleid erheischendes Klagen, das zu vermeiden ich mir vorgenommen habe. Dabei is nicht zu verkennen, dass es auch mit mir bergab geht, dass ich nicht weiß, wie lange es mir möglich sein wird unabhängig und selbstständig dahin zu leben wie jetzt, und was wird, wenn ich es nicht mehr kann. Heute abend wollen mir keine weiteren eigenen Gedanken einfallen. Ich verbringe ihn mit dem Lesen in einem auf dem Internet entdektem Faksimile mit dem Titel "Picanders Ernst=Schertzhafte und Satyrische Gedichte" von Christian Friederich Henrici, das am 18. Februar 1732 in Leipzig veröffentlicht wurde, ein Buch das seinerzeit sehr beliebt war, und mir heute, 289 Jahre später, einen Einblick in den geistigen Haushalt des frühen 18. Jahrhunderts ermöglicht. Wenn ich dabei auf einen Text stoße, den ich als eine von Bach vertonte Kantate erinnere, unterbreche ich mein Lesen, horche der Musik, und versuche zu verstehen wie das Erleben der Dichtung durch die Musik verwandelt wird. Und dann wiederum schicke ich meine Gedanken zu Bernd und zu Dir mit dem innigen Wunsch, dass Euch dass Leben erträglich sein möchte. Dein Jochen